Auch wenn es mir nicht gefiel, mit einem einzigen Satz abgespeist zu werden, berührte er etwas tief in mir, was ich noch nicht greifen konnte. Dieser Satz sollte mich in die Freiheit begleiten.
Die Erkenntnis der verschiedenen Ichs
Kurz darauf erschuf ich mir – aus heutiger Sicht klar, aber natürlich damals noch recht unbewusst – eine großartige Chance. Mein damaliger Partner betrog mich mit meiner Freundin. Ich hatte – so wie viele Menschen und vielleicht auch du – in der Vergangenheit noch ganz andere Schicksalsschläge und Verletzungen erlitten, die mich weitaus tiefer erschüttert hatten. Doch es gab einen bedeutenden Unterschied zu dieser Erfahrung: Damals hatte es noch nicht »klick« gemacht. Das war erst jetzt passiert, als meine Freundin mir den Betrug während eines Spaziergangs »beichtete«. Meine Reaktion war für mich selbst nachhaltig inspirierend; rückblickend veränderte sich dadurch mein ganzes Leben auf einen Schlag in die gewünschte Richtung, denn ich erkannte ganz plötzlich meine verschiedenen »Ichs«: mein Ego-Ich und mein wahres Selbst.
Mein Ego-Ich war geschockt, verletzt, fühlte sich verraten, belogen und betrogen. Dieser Teil machte mir bei den ersten Trennungsgedanken Angst, regelrechte Existenzangst. Auf sehr raffinierte Art und Weise säte es Zweifel: War denn die Vorstellung einer glücklichen Beziehung und eines perfekt passenden Partners nicht sowieso nur eine schöne Illusion? Sollte ich da nicht lieber die Augen verschließen und einfach weitermachen? Wie sollte ich eine Trennung nur schaffen? Was würden die anderen denken?
Genau so arbeitet das Ego. Wann immer wir aus Angst heraus in einer Situation oder bei einem Partner, einer Partnerin verharren, reagieren wir auf unser Ego. Ihm geht es lediglich darum, uns vor jeglicher Veränderung zu warnen, denn hier liegt die Gefahr des Ungewissen. Keiner kann wissen, was dann kommt. Es ist ein unüberschaubares Risiko. Bisher war ich vielleicht nicht glücklich und auch nicht gesund, aber ich hatte überlebt. Das ist die einzige Aufgabe des Egos. Und es reagiert immer im Zusammenspiel mit dem Außen. Die anderen, die Gesellschaft, der Status, die Sicherheit … Doch das Innere, die Gefühle, die persönliche Entwicklung, die Berufung, der Weg der Seele, das alles liegt nicht im Wirkungsbereich des Egos.
Doch in dem Moment, als meine Freundin mit mir sprach, wusste ein anderer Teil in mir, dass dies mein »Ticket« in die Freiheit war. Für eine kurze Zeit machte ich eine außerkörperliche Erfahrung. Ich sah mich »da unten« spazieren und hatte ein ruhiges, liebevolles Mitgefühl mit dieser Sandra, die jenes Drama erlebte. Mir war klar, dass ich mich selbst sah, aber zugleich war dies nur ein winziger Teil meines wahren Selbst. Die Situation war eigenartig, doch gleichzeitig empfand ich sie als realer als alles andere, was ich die letzten Jahre gelebt hatte. Trotz des Kummers erfasste mich eine freudvolle Aufregung, die alles transzendierte. Ich durfte erfahren, was ich bisher nur aus Büchern kannte: dass ich nicht dieser Körper bin, sondern ihn nur bewohne, und dass ich in Wirklichkeit viel, viel mehr bin als das, was bisher von mir zu sehen war. Ich erfuhr – für eine kurze, wundervolle Zeit – reines Bewusstsein. Es war eine ganz andere Energie, als ich sie bisher kannte, und doch war sie mir sofort vertraut, ich fühlte mich, als würde ich »nach Hause kommen«. Ich war eins mit allem. Wissend. Erleichtert. Voller Liebe. Glückselig. Mir war klar, dass ich wieder in jenen Körper »da unten« zurückkehren würde, doch nichts würde je wieder so sein wie bisher, denn jetzt hatte ich verstanden. Endlich konnte mein Leben beginnen, frei von lähmenden Programmen und Gefühlen, frei von Fremdbestimmung und Durchschnittlichkeit. Nie mehr würde ich meine Freiheit und Würde gegen die Illusion der Sicherheit eintauschen, nie mehr die stumpfsinnige Leere des Stillstands erleben müssen. Ich hatte eine Freude in mir, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich wusste zutiefst: Das hier, was ich jetzt gerade erlebte, war echt. Nichts anderes. Alles andere ist Illusion. In diesem Moment hatte ich mein wahres Selbst erkannt. Ich tanzte und hüpfte innerlich vor lauter Glück. In diesem Zustand erschloss sich mir alles, woran ich die Jahre zuvor »herumgedoktert« hatte, ohne den Durchbruch zu schaffen. Ich wollte dieses unüberschaubare Risiko und die damit verbundenen Chancen, denn mir war klar, dass das wahre Leben Veränderung ist und dass es, wenn wir im Fluss bleiben, eine immerwährende Glückserfahrung ist.
»Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!«, hatte mein Heilpraktiker zu mir gesagt. Jetzt erkannte ich, warum in diesem kurzen Satz so viel Wahrheit enthalten war: Er durchbrach alle raffinierten Schichten des Egos und traf direkt in die Mitte. All das Komplizierte, Komplexe, Verstrickte war nur ein Konstrukt meines Egos, das mich hatte von der Veränderung abhalten wollen. Bei meinem nächsten Termin sagte auch ich nur einen einzigen Satz: »Ich bin von meinem toten Pferd abgestiegen.« Es begann ein heilsamer gemeinsamer Weg.
Selbstfindung in Absichtslosigkeit
Beinahe unbemerkt hatte ich mich wieder gefunden, inmitten dieses Chaos, aus dem eine neue Ordnung entstanden war. Bisher war ich davon ausgegangen, dass irgendeine meiner bisher gelebten Persönlichkeiten die »echte« war, die ich erkennen müsste. Vielleicht kennst auch du das: Du glaubst, du musst dich im Arbeitsleben, gegenüber Kollegen und Verwandten, vielleicht sogar bei deinem Partner verstellen, um angenommen zu werden. Dabei entfernst du dich mit jedem Mal, da du dich verstellst, ein Stück mehr von deinem wahren Selbst.
Damals wurde mir klar: All die Persönlichkeiten, die ich gelebt hatte, waren nur verschiedene Ausdrücke meines Egos. Und sie splitterten in einem einzigen Moment von mir ab. Genau das ist das Geheimnis: Erst wenn das Ego verschwindet, wenn du nicht mehr suchst, findest du dich. Wenn das Ego sich auflöst, bist du bei dir. Es war faszinierend, denn eigentlich war mir genau das passiert, was ich jahrelang hatte vermeiden wollen. Meine größten Ängste hatten sich verwirklicht. Ich hatte alles verloren, wovon ich geglaubt hatte, dass ich ohne es nicht leben kann. Und dann jubilierte da etwas in mir? Ich hatte es oft beobachtet, in Filmen und auch im realen Leben: Wir Menschen können im tiefsten Unglück glücklich sein und im anscheinend größten Glück unglücklich. Verstanden hatte ich es erst jetzt. Ich begriff, dass es Konstrukte wie »Schuld«, »Falsch« und »Richtig« nicht gibt. Es gibt nur das, was man tut oder nicht tut. Die ganzen Kämpfe in der Beziehung und auch mit anderen Menschen machten für mich keinen Sinn mehr, denn nicht mein wahres Selbst führte sie, sondern mein Ego mit all seinen Mustern und Schichten. Und auch das wahre Selbst der anderen war irgendwo unter den vielen Schichten verborgen.
Indem du erkennst, wer du nicht bist, erkennst du automatisch, wer du bist.
Und so ergeht es nahezu jedem Menschen auf diesem Planeten. Wir alle sind durch so viele Schichten von unserem wahren Selbst getrennt, dass wir es oft kaum erkennen können. Ich konnte niemandem mehr »böse« sein, das machte im Kontext dieser Erkenntnisse keinen Sinn mehr. Wie auch immer sich jemand verhielt, ob er mich und andere beschuldigte, verletzte, unterdrückte oder was auch immer, ich konnte diese Verhaltensweisen als Schichten entlarven, die diesen Menschen von seinem wahren Selbst trennten. Auch diejenigen, die sich in unseren Augen so schlecht verhalten, sind gefangen. Vielleicht glauben sie, ihr Bestes zu tun, vielleicht können sie sich schlichtweg nicht liebevoller verhalten. Ich erkannte in jedem Menschen seinen göttlichen Funken, manchmal schon sehr leuchtend und manchmal kaum sichtbar unter den vielen Schichten. Aus diesem Blickwinkel heraus machte alles auf einmal Sinn. Alles ist göttlich, einfach alles. Und wir alle sind wunderschöne, lichtvolle, göttliche Wesen, die sich einfach ent-wickeln dürfen!
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