Die ultimative Maßanfertigung
In der Josefstadt zeigt sich Wien von seiner prachtvollsten architektonischen Seite. Nur die Natur kommt hier etwas zu kurz. Für die Bewohner dieser Gründerzeit-Wohnung kein Nachteil, denn sie lieben das Leben in der Stadt. Die überzeugten Kosmopoliten pendeln schon lange zwischen Paris und Wien. Als sie mit dem Architekten und Industrial Designer Stephan Vary begannen, ihre Zweitwohnung einzurichten, war schnell klar: Alles darf neu werden. „Wir konnten hier ein Interieur ‚wie aus einem Guss‘ entwerfen, weil es keinerlei Altlasten gab, die integriert werden mussten“, sagt der Architekt. Außerdem wussten seine Kunden genau, was sie wollten – und zwar bis ins kleinste Detail. „Das Besteck stand beispielweise schon fest, bevor die Küche geplant wurde, also haben wir die Innenfächer der Küchenschubladen exakt darauf angepasst“, erzählt der Architekt. Die Küche dieser Zweitwohnung ist überhaupt der Ort, an dem die Interior-Design-Perfektion auf die Spitze getrieben wird: Teakholzverkleidete Möbel treffen auf hellgraue Terrazzo-Platten. Die Oberschränke sind mit Strukturglas verkleidet, das in einer Sandwich-Konstruktion hinterspiegelt wurde. Ähnlich lange wie an dieser Lösung haben Stephan Vary und sein Auftraggeber am Indoor-Kräuterbeet herumgedoktert: Es ist in den Küchentresen eingelassen und ein grüner Blickfang direkt an der gläsernen Trennwand zum Essbereich.
Die Idee mit der Glastrennwand wurde im Schlafzimmer wiederholt: Hier ruht das dünne Stahl-Glas-Profil auf einer halbhohen, holzverkleideten Mauer. „Die Wand hat eher einen psychologischen Wert“, betont der Architekt. Sie teilt den großen Raum in Ankleide und Schlafbereich. Die halbhohen Schränke sind mit einem anthrazitfarbenen Stoff verkleidet, der eine haptische Schmeichelei ist, aber auch eine dezente Schallschutzmaßnahme in den hohen Altbauräumen. Anderswo ist mit demselben Stoff eine Kommode bezogen, in der Garderobe eine ganze Wand. Die Einheitlichkeit und die Wiederholung stiften einen beruhigenden Gleichklang. Stephan Vary erklärt: „Die Wohnung sollte wie ein Lieblingskleidungsstück sein, in das man schlüpft und sich sofort wohlfühlt.“ Da passt es auch, dass es im Entree einen exakt geplanten Abstellplatz für die Rollkoffer der Bewohner gibt.
Anzahl der Bewohner: 2 Personen
Wohnfläche: 130 qm
Gesamtfläche: 130 qm
Fertigstellung: 06/2019
„Wir haben hier relativ streng wenige Materialien durchdekliniert und dafür mit den Details gespielt.“
STEPHAN VARY LABVERT
Ein Wiener Altbau, in den die Moderne eingezogen ist: Maßeinbauten bilden den Rahmen, Midcentury-Stücke dienen als stilistische i-Tüpfelchen.
TeppichTai Ping Carpets (maßgefertigt) CouchtischKnoll International Sofagruppe„Constanze“, Johannes Spalt für Wittmann
Der Einheitlichkeit halber ziehen sich dieselben Materialien komplett durch die Wohnung: Garderobe und Badezimmer inklusive
Der Schlafbereich ist, für mehr Behaglichkeit, innerhalb des Schlafzimmers noch mal extra durch ein Sideboard mit Glasscheibe abgetrennt.
EinbaumöbelDesign Labvert (ausgeführt von Kattun) NachttischleuchteOcchio GlaskugelleuchteClassicon
Die Schiebetüren der Glastrennwand können Esszimmer und Küche (akustisch) separieren. Ideal, wenn Gäste zum Dinner zu Besuch sind.
EsstischLabvert (ausgeführt von Kattun) StühleArne Jacobsen für Fritz Hansen BarhockerKnoll International
Wohnlich und doch funktional – dem Homeoffice gelingt der Stilspagat.
SchreibtischstuhlCharles Eames für Vitra TischleuchteJoe Colombo für Oluce WandkunstMargherita Spiluttini
Lichtgraues Terrazzo (von Gierer) und spiegelndes Strukturglas hellen die Küche mit ihren Holzfronten auf.
Bronzefarbene ArmaturenFantini
Symmetrie ist hier alles – deshalb hängen auch exakt drei Kunstwerke (von Max Piva) über dem dreigliedrigen Sideboard im Wohnzimmer.
• ANERKENNUNG •
Arnold / Werner
EINE LAUDATIO VON
Janina Temmen
Die Kunst des Ferienhauses Urfeld fängt schon draußen an: Die Fassade ist mit heimischen Nadelholzleisten verkleidet, das Geländer des Balkons an die Fugen angepasst, die Türen und Fenster bündig eingebaut. So gleicht das Haus einem Monolithen, der still und stolz im Wald steht, dabei allerdings kein bisschen klobig ist.
Die Leichtigkeit ist hier zu Hause: Schon nach einem Schritt ins Haus befindet man sich unter einer „Lichtdusche“. Das Oberlicht, das sich fast über den gesamten Küchentrakt erstreckt, flutet den Raum und – dank einer zwei Drittel hohen Wand – auch den angrenzenden Wohnraum mit klarem Nordlicht. Der Dachspitz ist ausgebaut, von oben wurde eine filigrane Holztreppe an Stahlstreben abgehängt – eine Konstruktion, die zu tanzen scheint. Ruhe ist nicht das Fehlen von Bewegung, wohl aber das Fehlen von Überflüssigem, das macht dieses Haus eindrucksvoll klar.
Читать дальше