1027
Kaiser Konrad II. überträgt die Grafschaften Bozen und Vinschgau an den Bischof von Trient, jene im Eisack- und Inntal an den Bischof von Brixen
1075–1095
Markgraf Leopold II. von Österreich
1082
Schlacht bei Mailberg
Traditionell pflegte die österreichische Geschichtsschreibung der im letzten Drittel des 10. Jahrhunderts eingerichteten bayerischen Mark an der Donau ihre bevorzugte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Entwicklung der Mark zum Herzogtum Österreich bildete gleichsam das Leitmotiv, wenn es galt, die Anfänge österreichischer Geschichte nachzuzeichnen. Und tatsächlich drängt sich aus der Rückschau und im Wissen um die späteren Ereignisse, die die babenbergische Mark zum identitätsstiftenden Nukleus größerer, den Namen Österreich tragender Staatsgebilde werden ließen, eine solche Sicht der Dinge förmlich auf. Erst in jüngerer und jüngster Zeit erfolgte hier ein Perspektivenwechsel, der den Weg für ein weniger anachronistisches Geschichtsbild freimachte. Für die Zeitgenossen des 10. Jahrhunderts mochte eine bevorzugte Stellung der babenbergischen Mark wohl noch kaum erkennbar sein. Ganz überwiegend wurde das Gebiet des heutigen Österreich damals zum ausgedehnten bayerischen Stammesherzogtum gerechnet, das sich im Südwesten weit über den Alpenhauptkamm bis in die Beckenlandschaften von Bozen und Meran erstreckte und im Südosten bis an die Save reichte. Nur im Osten gingen gegenüber der Karolingerzeit große Teile des einstigen bayerischen Ostlandes an die Ungarn verloren, bildete die Enns wiederum die östliche Grenze der Bayern, wie in den Tagen der Agilolfingerherzöge. Das Jahr 907 bezeichnet mit der Schlacht bei Pressburg für den gesamten Ostalpenraum einen tiefen Einschnitt und den endgültigen Zerfall der karolingischen Ordnung. Im Kampf (4. Juli 907), der eine rein bayerische Sache gewesen zu sein scheint – allerdings wurde der Heerbann aus der ganzen Weite des bayerischen Stammesherzogtums zusammengezogen –, fielen Markgraf Liutpold, der mächtigste Mann in Bayern, und mit ihm beinahe der gesamte bayerische Episkopat, Erzbischof Theotmar von Salzburg, die Bischöfe Udo von Freising und Zacharias von Säben. Was eine Strafexpedition gegen die Magyaren hätte werden sollen, geriet zur Katastrophe für den bayerischen Heerbann. Für die nächsten zwei Jahrzehnte war an ein offensives Vorgehen seitens der Bayern gegen die Ungarn nicht mehr zu denken. Das Gebiet östlich der Enns wurde aufgegeben, und auch der Raum östlich der Mur nahm den Charakter eines öden, den Ungarn als militärisches Vorfeld dienenden Landstreifens an. Man vermied größere kriegerische Auseinandersetzungen. Und gelegentlich dürften die Bayern wohl auch den Magyaren den Durchzug nach Westen gegen das Versprechen, sich in Bayern mit Plünderungen zurückzuhalten, zugestanden haben. So kam das bayerische Altsiedelland vergleichsweise glimpflich davon, wenngleich die Lage auch dort zeitweilig so bedrohlich schien, dass der Salzburger Metropolit in Zell am See im Pinzgau Zuflucht suchte. Dort im Alpenraum und in den südalpinen Tälern und Becken Tirols und Kärntens war man sicher, boten doch die gebirgigen und spärlich besiedelten Gegenden den siegreichen Ungarn wenig lohnende Ziele. Gänzlich dürften die Verbindungen aus Bayern in das ehemalige Ostland jenseits der Enns indessen selbst in den Zeiten größter ungarischer Bedrohung nicht abgebrochen sein. Aus dem quellenarmen frühen 10. Jahrhundert ragt die Nachricht heraus, dass Bischof Drakulf von Freising 926 mit seinem Schiff in den Donaustrudel von Grein geriet und ertrank. Keine Quelle gibt den Grund der bischöflichen Fahrt ins ehemalige bayerische Ostland an. Man hat an eine diplomatische Mission zu den Ungarn gedacht, aber auch die Visitation freisingischer Besitzungen östlich der Enns scheint als Motiv für die riskante Reise vorstellbar.
Als bestimmende Kraft ging in Bayern aus der Katastrophe von Pressburg der Liutpoldinger Arnulf hervor, der spätestens, seitdem 921/922 das Verhältnis zum neuen ostfränkisch-deutschen König Heinrich I. auf der Basis ritualisierter amicitia (Freundschaft) geklärt worden war, allgemein anerkannt den bayerischen Herzogstitel führte. Arnulfs Bruder Berthold fungierte seit Ende der 920er Jahre, vielleicht in Anknüpfung an karolingische Traditionen, als eine Art Unterherzog mit einem Mandat in Karantanien, aber auch im Südtiroler Vinschgau, ehe er dem Bruder als bayerischer Herzog nachfolgte. Tirol gewann schon damals als Passland und Zugang nach Italien zunehmend an Bedeutung, nachdem der Bayernherzog Arnulf 933/934 für seinen Sohn Eberhard die langobardische Krone zu erwerben versucht hatte. Die Entwicklung des bayerischen Südostens im 10. Jahrhundert ist aufs engste mit dem Wirken der Hochstifte, allen voran der Salzburger Metropolitankirche, verbunden. Gemeinsam sind den sonst durchaus unterschiedlichen Landschaften des Ostalpenraums die durch die geistlichen Institutionen gepflegten festen Bindungen an das alte bayerische Stammesgebiet, Bindungen, an welchen auch der zweite Machtfaktor in diesem Raum, der bayerische Adel, entscheidenden Anteil hatte. Episkopat und hoher Adel gehörten ein und demselben kleinen Personenkreis an. Im Unterschied zur spätkarolingischen Zeit waren regionale slawische Führungsschichten in diesem kaum mehr vertreten.
Die Geschichte des bayerischen Herzogtums im 10. Jahrhundert stellt sich retrospektiv als eine unausgesetzte Kette von Konflikten und Auseinandersetzungen dar. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese im einzelnen höchst unübersichtlichen Ereignisse allein der Versuch der ostfränkisch-deutschen Könige aus dem sächsischen Haus, Bayern enger an das Königtum zu binden. Geglückt war dieses Bemühen selbst dann noch nicht, als die bayerische Herzogswürde an Mitglieder des Königshauses gelangte. Dass die Verhältnisse dessen ungeachtet tatsächlich einigermaßen stabil waren, hängt mit den adeligen Führungsschichten, die für Kontinuität sorgten, zusammen. Bayerische Adelssippen wie die Aribonen, Sighardinger oder Wels-Lambacher verfügten über ausgedehnten Besitz im gesamten südöstlichen Bayern und dominierten hier ohne größere Brüche im 10. und 11. Jahrhundert.
In ihrer Bedeutung für den Ostalpenraum nicht gering zu schätzen ist die Entscheidung König Ottos I. 952, das Herzogtum Friaul und die Markgrafschaften Verona und Istrien der Gewalt des Herzogs von Bayern zu unterstellen. Weichen für die Zukunft wurden damit gestellt. Gegenüber den Ungarn brachten die Bayern zunächst allenfalls Achtungserfolge zuwege. So fügte Herzog Berthold einer magyarischen Gruppe bei Wels 943 eine Niederlage zu. Die Epochenwende kam mit dem Sieg König Ottos I. am Lechfeld 955, ohne dass indes unmittelbar eine Offensive zur Wiedergewinnung des ehemaligen karolingischen Ostlandes eingesetzt hätte. Anscheinend fehlten dazu in Bayern noch die Kräfte, und das für längere Zeit. In Karantanien werden um diese Zeit Herrschaftsträger greifbar, die eine »übergräfliche« Stellung beanspruchen konnten. Waltpoto , Gewaltbote, nannte man sie. Ausgestattet mit einem zentralen, vielleicht königlichen Mandat erinnern sie an karolingische Königsboten. Es gibt diese Gewaltboten in Karantanien bis über die Jahrtausendwende hinaus. Als Organisationsform blieben sie vereinzelt. Offenkundig erwies sich die Mark bzw. der Markgraf als für die Erfordernisse im Südosten Bayerns besser geeignet. In den späten sechziger Jahren des 10. Jahrhunderts werden die ersten Spuren einer Markenorganisation im Ostalpenraum fassbar. Anders als im Falle der um dieselbe Zeit im sächsisch-slawischen Grenzgebiet bezeugten marchiones , die vor allem als Königsstellvertreter zu verstehen sind, lassen sich den bayerischen Markgrafen von Beginn an festere Zuständigkeitsbereiche im Grenzraum zuordnen. 970 tritt der Eppensteiner Marchwart als Markgraf im Ostland ( in plaga origentali ) entgegen. Der Wald Sausal (bei Leibnitz in der südlichen Steiermark) lag in seiner Mark, die im 11. Jahrhundert dann Karantanische Mark hieß. Ihr Herrschaftszentrum war die nicht sicher lokalisierbare Hengistburg. Wahrscheinlich befand sie sich – auch archäologische Befunde scheinen dies zu bestätigen – am Wildoner Burgberg.
Читать дальше