Die Konflikte Ludwigs mit Karlmann und beider mit den Mährern rissen bis zu Ludwigs Tod 876 nicht ab; bald darauf starb auch Karlmann. Die Kontrolle über das Ostland an der Donau bis zur Raab lag seit 871 beim Traungauer Grafen Ar(i)bo, der sie trotz der zunehmend schwierigen politischen Lage bis nach 907 behielt; er wird in den Quellen bereits »Grenzgraf« oder Markgraf genannt. Karlmanns Sohn Arnulf »von Kärnten« kommandierte in Karantanien (damals das heutige Kärnten und die Steiermark mit einigen Randgebieten); dort hatte die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts einen beachtlichen Ausbau der Infrastruktur gebracht, das Land war auch weniger durch Kriegsereignisse beeinträchtigt als das Gebiet an der Donau. Immerhin reichten die Ressourcen des Ostens aus, dass Arnulf 887 »mit einer starken Schar von Bayern und Slawen« ostfränkischer König werden konnte. In Karantanien folgte ihm mittelbar (Mark-)Graf Luitpold, der von dieser Basis aus nach Bayern ausgriff und Ahnherr der Bayernherzöge des 10. Jahrhunderts wurde.
Innere Konflikte, Kämpfe gegen die Mährer, Abzug von Ressourcen für ehrgeizigere politische Ziele: Das im Aufbau befindliche Gebiet in den Ostalpen und an der Donau blieb verwundbar. Das sollte sich zeigen, als sich Ende des 9. Jahrhunderts die Ungarn (oder Magyaren) ausbreiteten. Sie waren ein gemischter Verband von Reiterkriegern aus den südrussischen Steppen, die dort im 9. Jahrhundert unter chasarischer Oberherrschaft lebten. Vor den Vorstößen der Petschenegen, aber auch mit Billigung aus Byzanz verlagerten sie ihren Schwerpunkt langsam nach Westen. Schon im letzten Drittel des 9. Jahrhunderts scheinen die Mährer ungarische Hilfstruppen eingesetzt zu haben, worüber sich der Salzburger Erzbischof Theotmar (reg. 873–907) beim Papst brieflich beschwerte, als ihm vorgeworfen wurde, er habe selber mit den Ungarn paktiert. 881 berichten Salzburger Annalen von einem Kampf mit den Ungarn bei Wien. 892 setzte König Arnulf seinerseits ungarische Hilfstruppen gegen die Mährer ein. 894 plünderten Ungarn »ganz Pannonien«, bald griffen sie die Mährer an, deren Reich sie schließlich vernichteten. 899 brachen sie zu einem ersten Plünderungszug nach Oberitalien auf. 902 luden die Bayern den obersten Herrscher der Ungarn, Cussal/Kurszán, an der Fischa zu einem Gastmahl ein, wo sie ihn verräterisch umbrachten. Das nützte seinem Rivalen Árpád, der nun die Herrschaft ergriff, die noch lange bei der Árpádendynastie blieb. Gegen die zunehmenden ungarischen Plünderungszüge gingen die Bayern 907 in die Offensive. Doch ihr Heer wurde vermutlich bei Pressburg/Bratislava vernichtet, Markgraf Luitpold, Erzbischof Theotmar und viele andere Bischöfe und Adelige fielen. Die Verdichtung der bayerischen Herrschaft an der niederösterreichischen Donau und in Karantanien wurde unterbrochen, das Gebiet war zur Grenzzone und zum Durchzugsgebiet für ungarische Heere geworden. Doch wurde, anders als 300 Jahre zuvor, nicht die gesamte Infrastruktur zerstört. Die bayerische Kolonisation der Slawengebiete Ostösterreichs und der teils romanischen Alpengebiete des Westens wurde nach einigen schwierigen Jahrzehnten im 10. Jahrhundert fortgesetzt.
Die Länder und das Reich (907–1278)
Von Christian Lackner
In dem ethnisch, kulturell und sprachlich vielfältigen südöstlichen Randgebiet des Regnum Teutonicum entstanden im Verlauf des hohen Mittelalters auf der Grundlage älterer Raumordnungen, doch von diesen deutlich abgesetzt, neue territoriale Gebilde, die Länder, die über viele Jahrhunderte die politische Landkarte prägen sollten. Untrennbar verknüpft ist deren Genese mit demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, kurz der gemeineuropäischen hochmittelalterlichen Wachstumsphase, deren Dynamik Binnenkolonisation und Urbanisierung vorantrieb. Die Geschichte dieses ostalpinen Raumes im Hochmittelalter kann nur aus dem Ineinandergreifen zentraler und regionaler Kräfte verstanden werden. Meist waren schon im frühen Mittelalter politische Gebilde vorhanden, die jetzt ausgebaut oder zu neuen Einheiten zusammengefügt wurden. Die Art und Weise, wie dies geschah, war fast bei jedem Land anders, und die Entwicklung verlief bei den einzelnen Ländern auch zeitlich nicht synchron. Im Falle von Österreich und der Steiermark nahm der Landwerdungsprozess von einer ottonischen Mark seinen Ausgang, trat im 12. Jahrhundert in die entscheidende Phase und war zu Ausgang des Jahrhunderts bereits weitgehend abgeschlossen. Die Erhebung zu einem Herzogtum (Österreich 1156, Steiermark 1180) legitimierte hier jeweils die faktisch eingetretene Entwicklung. Dass der mit der Grenzsicherung betraute Markgraf eine stärkere Position als Grafen im Binnenland besaß, hat die frühe Ausformung der Länder Österreich und Steiermark wahrscheinlich ebenso begünstigt wie der Umstand, dass beide Gebiete weithin Kolonisationsland mit hohem Wachstumspotential darstellten. Vorteilhaft wirkte zudem die durch Babenberger (976–1246) bzw. Otakare (ca. 1050–1192) gegebene dynastische Kontinuität.
Einen gänzlich anderen Verlauf nahm die Entwicklung in Kärnten. Schon 976 als Herzogtum eingerichtet, wurde Kärnten erst lange nach Österreich und der Steiermark zu einem Land, wobei dieses spätmittelalterliche Land Kärnten nur einen Bruchteil des älteren Herzogtums umfasste. Aus der Zusammenfügung verschiedener Grafschafts- und Vogteirechte erwuchsen Tirol und Salzburg. Bei ähnlicher Ausgangslage – Ottonen und Salier hatten wichtige Grafschafts- und Herrschaftsrechte in die Hände von Bischöfen (Brixen, Trient bzw. Salzburg) gelegt – setzte sich in Tirol ein weltliches Dynastengeschlecht, die Grafen von Görz-Tirol, als Landesfürsten durch, während Salzburg zu einem großen geistlichen Territorium wurde.
Schon frühzeitig wurde im Ostalpenraum die Tendenz zu dynastischen Länderverbindungen sichtbar. Zum ersten Mal geschah dies, als der erbenlose steirische Herzog Otakar IV. 1186 den Babenberger Leopold V., Herzog von Österreich, zu seinem Nachfolger designierte. Es ist bezeichnend für das ausgeprägte Identitätsbewusstsein des Adels beider Länder, dass diese Verbindung von Österreich und der Steiermark die Form einer Personalunion erhielt und nicht zu einer Verschmelzung der noch jungen territorialen Herrschaftsgebilde führte. Dieses auf Personalunion gegründete Modell sollte tatsächlich richtungsweisend werden für alle nachfolgend in diesem geographischen Raum konstituierten Länderverbindungen.
Von Böhmen ging um die Mitte des 13. Jahrhunderts der erste Versuch zur Bildung eines mitteleuropäischen Großreichs aus. In die Leere, die der Tod des letzten männlichen Babenbergers Friedrich II. 1246 hinterließ, stieß der böhmische König Přemysl Otakar II., der schrittweise das gesamte babenbergische Erbe seiner Herrschaft eingliedern konnte. Bald gerieten auch das Herzogtum Kärnten und das Erzstift Salzburg in den unwiderstehlichen Sog seiner Macht, einzig die Tallandschaften an Inn und Etsch blieben davon weitgehend unberührt. Dass das scheinbar so mächtige Regnum Otakarianum in seinen außerböhmischen Teilen freilich auf schwachen Fundamenten stand, machte der 1273 zum römisch-deutschen König gewählte Habsburger Rudolf I. deutlich. Innerhalb nur weniger Jahre brachte er die Herrschaft des Přemyslidenkönigs zum Einsturz. Die Idee von einem großen mitteleuropäischen Reich lebte bei den Habsburgern fort.
Am Rande Bayerns: Herzogtümer, Marken und Grafschaften
907
Schlacht bei Pressburg; Niederlage des bayerischen Heeres gegen die Ungarn
970/972
Einrichtung der Marken an der Donau und an der mittleren Mur
976–994
Markgraf Leopold I.
996
Erste urkundliche Erwähnung der volkssprachlichen Bezeichnung Ostarrîchi
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