1 ...8 9 10 12 13 14 ...42 Die Reste der Rugier schlossen sich Theoderichs Ostgoten an und zogen mit ihnen 488/489 nach Italien. In dreijährigen Kämpfen und mit Unterstützung Ostroms gelang es den Heeren Theoderichs, Ravenna zu erobern und Odoaker zu stürzen. Von 493 bis zu seinem Tod 526 regierte Theoderich als König über Italien und einige Nachbargebiete, darunter auch über das alpine Raetien, Binnennoricum und das südliche Pannonien. Seine recht erfolgreiche Herrschaft beruhte auf einer engen Zusammenarbeit mit der Senatsaristokratie, die in traditionell römischen Bahnen die zivile Verwaltung organisierte. Die Goten profitierten als privilegierte Kriegerkaste von diesem System. Für einige Jahrzehnte sah es im früheren 6. Jahrhundert so aus, als könnte ein relativ stabiles System barbarischer Königreiche in den ehemaligen Kernländern des westlichen Imperiums an die römische Ordnung anschließen. Das war auch die Politik Theoderichs, der mit einer Reihe von Ehebündnissen und diplomatischen Initiativen die Konflikte unter den neuen Mächten zu dämpfen versuchte. Freilich war das nicht leicht, vor allem die Expansion der Franken unter Chlodwig (reg. 481/482–511) und seinen Söhnen führte immer wieder zu Kriegen. Chlodwig vereinte gewaltsam das Frankenreich, beseitigte regionale Reste römischer Herrschaft in Gallien, überwand die Alemannen und verdrängte schließlich die bis dahin in Toulouse residierenden Westgotenkönige fast gänzlich aus Gallien nach Hispanien (508).
Der österreichische Raum wurde von der Neuordnung der ehemals weströmischen Gebiete nur am Rande betroffen. In das weitgehend verlassene Gebiet an der Donau (das »Rugiland«, wie es die langobardische Geschichtsschreibung nannte) zogen nun Langobarden ein. Dort gerieten sie bald in Konflikt mit den weiter östlich siedelnden Erulern und schlugen sie 508, so dass diese auf Reichsboden übertraten und im Raum von Singidunum/Belgrad angesiedelt wurden. Die Langobardenkönige, vor allem Wacho (reg. ca. 510–540), expandierten nun schrittweise nach Pannonien, wo seit dem Abzug der Ostgoten keine starke Macht mehr bestand. Sie wurden dadurch Nachbarn der Gepiden, die weiterhin an der Theiß siedelten, und der Ostgoten, die von Italien bis nach Sirmium ausgegriffen hatten. Unter ostgotischer Herrschaft stand auch Binnennoricum, wo sich vor allem im heutigen Kärnten eine lebendige spätrömisch-christliche Kultur erhielt. Die Bischöfe von Virunum (auf dem Zollfeld), Teurnia (beim heutigen Spittal an der Drau) und Aguntum (bei Lienz) sind bis gegen Ende des 6. Jahrhunderts auf Synoden des Patriarchats Aquileia bezeugt, dem dieser Raum kirchlich unterstand. Ausgrabungen in Kärnten ebenso wie im benachbarten Slowenien belegen ein dichtes Netz von befestigten Höhensiedlungen und Kirchen. Bedeutende sakrale Komplexe des 5./6. Jahrhunderts gab es etwa in Teurnia (mit der Inschrift eines ostgotischen Amtsträgers Ursus), in Aguntum oder auf dem Hemmaberg (wo insgesamt fünf Kirchen ergraben wurden).
Im westlichen Noricum und im östlichen Raetien konnte im 5. Jahrhundert keine Gruppe ihre Macht konsolidieren. Im Alpengebiet behauptete sich vielerorts die einheimische Bevölkerung unter oft nur schwacher Kontrolle durch eine der benachbarten Mächte. Sie war es, die viele der alten Wege über die Alpen benützbar hielt. Über die Verhältnisse im Alpenvorland haben wir kaum Nachrichten. Aus der Vita Severini wissen wir, dass alemannische Gruppen zeitweise weit östlich operierten, etwa im Raum von Passau. Doch die Alemannensiege Chlodwigs um 500 verhinderten eine eigenständige Expansion. Theoderich versuchte, zumindest die Alemannen im Alpenvorland vor den Franken zu schützen, unterstützte aber auch die Umsiedlung alemannischer Gruppen an die Save (ein Brief seines Administrators Cassiodor wirft ein Schlaglicht auf diese Migration, weil die norische Bevölkerung aufgefordert wird, das durch lange Wanderung ermüdete Vieh der Alemannen gegen frische Tiere zu tauschen). Doch die meisten Alemannen verblieben unter fränkischer Oberherrschaft.
Östlich des Lechs klärten sich die Verhältnisse erst um die Mitte des 6. Jahrhunderts, als hier ein von den Franken eingesetzter Dux Garibald über das in dieser Zeit erstmals genannte Volk der Bayern herrschte. Wer diese Baiovarii waren, ist in der Forschung schon lange umstritten. Klar ist nur, dass sie aus einer recht gemischten Bevölkerung aus Romanen, Alemannen/Sueben, Elbgermanen und anderen ungefähr im Raum zwischen Lech, Donau, Inn/Salzach und Alpen hervorgegangen sein müssen. Unter vielen teils recht phantasievollen Etymologien des Bayernnamens ist immer noch die Deutung ›Männer aus Böhmen‹ am plausibelsten. Archäologische Befunde schließen allerdings die Einwanderung einer größeren geschlossenen Gruppe mit klar abgrenzbarer Kultur aus; die aus zahlreichen Gräberfeldern des 6./7. Jahrhunderts gut bezeugte bayerische Bevölkerung ähnelt kulturell den benachbarten Alemannen. Im kulturellen Kontinuum des Raumes zu jener Zeit können ohnehin keine ethnischen Zuordnungen archäologischer Befunde erwartet werden. Jedenfalls waren es die Franken, die mit Einsetzung eines Dux die neue ethnisch-politische Einheit definierten. Er war wohl ein mittelbarer Nachfolger der früher von Italien aus eingesetzten raetischen Duces und könnte zunächst in Augsburg residiert haben, wo kontinuierliche Besiedlung und die fortgesetzte Verehrung der heiligen Afra bezeugt sind. Erst im 8. Jahrhundert ist Regensburg mit seinen imposanten römischen Bauresten als Residenz der Agilolfinger genannt. Von Westen aus kamen die Bayern den neuen Herren der ehemaligen Raetia secunda vielleicht recht »böhmisch« vor.
Die relative Stabilität im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts ging bald vorbei. Theoderich hatte keinen Sohn, und nach seinem Tod konnte niemand aus seiner Familie mehr die Ostgoten einen. Zugleich hatte sich das oströmische Reich unter der Herrschaft Justinian s (reg. 527–565) so weit konsolidiert, dass eine Rückgewinnung verlorener Gebiete im Westen möglich schien. 535 nahm Justinian die Ermordung von Theoderichs Tochter Amalaswintha zum Anlass, Italien anzugreifen. Doch dieser Krieg erwies sich als unerwartet hart und langwierig, nicht zuletzt deshalb, weil in Italien die »Römer« aus dem Osten oft gar nicht als Befreier von der Barbarenherrschaft angesehen wurden, sondern als fremde »Griechen«, deren aus vielerlei Barbaren zusammengesetzte Armeen sich oft wie in Feindesland verhielten. Erst 552–554 brach der kaiserliche Feldherr Narses den gotischen Widerstand. Die römische Rückeroberung hatte letztlich mehr Verwüstungen im ehemaligen Kernland des Imperiums angerichtet als alle Barbarenangriffe zusammen. Dazu kamen noch große Bevölkerungsverluste durch die Pestepidemie der 540er Jahre, die auf fast ganz Europa ausgriff und danach noch mehrmals wiederkam. Nach 554 gelang keine durchgreifende imperiale Restauration mehr. In Norditalien machten sich wiederholt lokale Machthaber selbständig, darunter ein erulischer General der römischen Armee in Trient, dessen Herrschaft mit dem alten Namen der Breonen in Verbindung gebracht wurde.
Auch sonst brachte der Gotenkrieg die Verhältnisse in vielen Randgebieten Italiens in Bewegung. Die Franken drangen nicht nur nach Norditalien, sondern auch in den Alpenraum und bis ins südliche Noricum vor, das sie zeitweise kontrollierten. In diesem Kontext bekam auch der Dukat Bayern überregionale Bedeutung, was sich daran zeigt, dass Dux Garibald bald nach 555 die Witwe des Frankenkönigs Theudebald, die langobardische Königstochter Walderada, heiratete. In Pannonien gerieten die expandierenden Langobarden um 550 in eine Serie von Kriegen mit den Gepiden, die die Kämpfe genützt hatten, um die alte Kaiserstadt Sirmium an der Save zu besetzen. Der Frieden, der unter dem Langobardenkönig Audoin 552 geschlossen wurde, hielt nur bis zur Machtübernahme durch seinen Sohn Alboin. Dieser setzte einen mehrjährigen Konflikt bis zur Vernichtung des Gepidenreiches 567 fort, soll in der Schlacht eigenhändig den Gepidenkönig Kunimund getötet haben und heiratete dann dessen Tochter Rosamunde. Der Kampf drehte sich aber nicht um die Kontrolle des Karpatenbeckens. Schon im Jahr nach dem Gepidensieg, 568, führte Alboin eine große Armee von Langobarden, Gepiden, Sueben, Sarmaten, Bulgaren, pannonischen und norischen Provinzialen nach Italien. Die Liste gibt einen Eindruck von der gemischten Bevölkerung, die bis dahin im Karpatenbecken und seinen Randgebieten gelebt hatte. Alboin soll befohlen haben, die Siedlungen in der alten Heimat niederzubrennen, damit niemand zurückbleiben konnte. Die Maßnahme wurde sicher nicht flächendeckend durchgeführt, betraf aber wohl auch das östliche Österreich. Um in Italien Erfolg zu haben, benötigte Alboin eine möglichst zahlreiche Armee und Bevölkerung. Die Schätzungen gehen weit auseinander, doch können es höchstens 100 000 Menschen gewesen sein, die in jenen Jahren nach Italien zogen, wahrscheinlich um einiges weniger. Zum zweiten Mal nach 488 wurde also die Bevölkerung der Gebiete an der Donau in großem Stil abgesiedelt.
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