Vor einem kalkweißen Quader im Bauhausstil, brüsk hineingekantet in einen grün gepolsterten Privatpark, bat Kaufmann Robert anzuhalten.
Das Haus passt zu seinem unzugänglichen Hausherrn, dachte ich damals. Und dann … Ich starrte auf die Haustür, wie Sie jetzt. Sie führte zum Olymp. Dort traf mein Gott Horowitz seinen Gott Rachmaninow, und ich, ein bedeutungsloser Repetitor von einundzwanzig Jahren, würde auf dem Olymp dabei sein. Nur warum? Schlagartig wurde mir klar, was Horowitz nervös machte. Seine Mutter war tot, sein Vater hatte ihn in Paris besucht, das erste und wohl letzte Mal, dass er aus der Sowjetunion ausreisen durfte. Horowitz meinte es ernst mit mir, mit uns. Rachmaninow ersetzte ihm die Eltern, und heute war der Tag, an dem er dem wichtigsten Menschen in seinem Dasein den Geliebten präsentieren wollte. Mir ist schier die Hose geplatzt.
Horowitz stieg aus und kam zu mir auf die Fahrerseite herüber, ich hatte schon ein Bein aus der Tür. Bitte ein Stück zurückfahren, sagte er. Ich setzte zurück, er stand da und bedeutete: Noch weiter, weiter. Die Villa war nicht mehr zu sehen, sah also mich nicht mehr. Horowitz ging auf das Haus zu, wie an einer Schnur gezogen. Seine Haltung verbot es, ihm nachzugehen. Umdrehen würde er sich bestimmt nicht. Ich riss die Wagentür auf, wollte schreien. Es klang wie Kläffen. Die Metzger hatten damals noch alle dieses Schild mit dem gekritzelten Hund: Wir müssen draußen bleiben. Rasch hatte ich die Möglichkeiten durchgespielt. Hupen, klopfen, klingeln, rufen. Lief alles auf dasselbe hinaus. Frau Rachmaninow, vielleicht auch nur jemand vom Personal am Eingang. Sein Chauffeur?, würde es heißen. Sie dürfen gerne in der Küche auf ihn warten.
Nicht vorstellen, nein, verleugnen wollte er mich. Ich war für ihn nicht mehr als ein Edelstricher, nur eben einer, der kein Geld nahm, sondern mitbrachte für den Unterricht. Meine Vorzüge: gute Tarnung durch musikalische Ambitionen, reduziertes Syphilisrisiko, unverdächtiger Hintergrund. Arzthaushalt, solide Bürger, mittlerweile wohnhaft in einer Villa an der Seepromenade. Ich wartete und wurde allmählich schläfrig und leer.
Nach mehr als zwei Stunden öffnete Horowitz die Tür auf der Beifahrerseite und setzte sich neben mich. Kein Wort der Entschuldigung.
Es war schon dunkel, als wir beim Carlton Tivoli vorfuhren. Ich parkte das Auto so weitab wie möglich vom Lichtschein des Hauses unter einer Tanne.
Keiner von uns beiden machte Anstalten auszusteigen.
Horowitz wartete hörbar auf Erlösung.
Ich riskierte es schließlich.
Rachmaninow verachtet Homosexuelle. Ist es das?
Horowitz’ Hand war blitzschnell und stark. Er drückte meinen Kopf zu sich. Der Kuss war länger als der in Basel. Sehr viel länger und sehr viel tiefer.
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