Sie drehte sich um, immer noch den Schuh in der Hand, kletterte hastig über den Baum, stürzte, rappelte sich auf und rannte mit wehendem Rock zurück zum Dorf.
»Hast du nicht gesagt, Rin würde uns alle bewahren?«, fragte El Jati leise. »Glaubst du das immer noch, Alika?« In seiner Stimme war nichts Bitteres, Anklagendes, nur eine unendliche Traurigkeit.
»Eines Tages müssen wir alle über die Brücke gehen«, sagte sie. Sie bückte sich und zog eine bunte Decke zwischen Blättern und Zweigen hervor.
»Es ist noch zu früh«, wandte er ein, heiser, fast stimmlos, während er zusah, wie Alika die Decke in ihrem Arm hielt, zärtlich, als wäre sie ein Kind.
Sie blinzelte den Schleier vor ihren Augen fort. »Es heißt, junge Menschen gingen leichter über die Brücke als ältere. Vielleicht ist es schlimmer, nach einem langen Leben ins Meer der Tränen zu stürzen, als in diesem Meer hier zu ertrinken und den Weg über die Brücke zu finden.«
»Glaubst du das wirklich?«
Sie faltete die Decke und legte sie sorgfältig über den Stamm, als wäre es der Baum, den sie zudeckte, dieser alte, sturmerprobte Baum, der dieses eine Mal nicht standgehalten hatte.
»Komm«, sagte El Jati. Er fragte nicht noch einmal, er sagte nur: »Komm«, und nahm sie bei der Hand und ging mit ihr nach Hause. Bevor sie durch die Tür trat, blieb Alika stehen und schaute auf ihren Garten, in dem gestern noch ein Meer von Blumen geblüht hatte, und in dem heute nur noch abgerissene Stängel in die Höhe ragten und geknickte Blütenköpfe schlaff nach unten hingen, schlammbespritzt.
»Als du mich aus Salien mitgenommen hast, als ich mit dir hierher kam«, sagte sie, »dachte ich, dass von allen Orten dieser Erde die Glücklichen Inseln Rinland am ähnlichsten sind. Ich sah die Gärten und dachte, hier müsste das Glück wohnen. Ich habe mich geirrt.«
D A SM Ä D C H E NS T A N Dreglos unter der ausladenden Krone der alten Kastanie. Röte überflutete den Himmel im Westen, ging in zartes Gold über und verblasste dann so langsam, dass man dabei zuschauen konnte, wie nach und nach die Schatten heraufzogen und den Park in Dunkelheit hüllten.
Der Mann auf dem Weg beachtete das Schauspiel nicht. Er hatte nur Augen für das Mädchen, aber als der Abend sich über sie senkte, seufzte er und wandte sich ab.
»Sie sieht aus wie Vinja«, sagte er leise.
»Nein, Herr.« Sein Begleiter schüttelte den Kopf. »Nein, Herr, das tut sie nicht. Die Ähnlichkeit ist so gering, dass sie keinem außer Euch auffällt.« Gemeinsam gingen sie weiter. Jede Handbreit Boden war ihnen so vertraut, dass sie auch im Dunkeln ihren Weg sicher fanden, zwischen den grünen Sträuchern hindurch und durch die Rosen, unter hohen Bäumen aus allen Königreichen Deret-Aifs hierher gepflanzt, in den Mittelpunkt des Kaiserreichs. Das Schloss leuchtete aus vielen Fenstern, aber der Kaiser dachte nicht daran umzukehren.
Rahmon seufzte. Wie lange machte er das hier schon mit? Sechzehn Jahre, siebzehn? Wenn er nichts tat, würde der Kaiser auch noch die nächsten zwanzig Jahre die halbe Nacht durch den Park wandern, ruhelos, unermüdlich, und in jedem Mädchen etwas von Vinja erblicken.
»Mein Kaiser«, fing er an und zögerte doch wieder, denn so vertraut sie sich auch waren, vor Kanunas Traurigkeit fürchtete er sich mehr als vor Kanunas Zorn. Aber er hatte keine Wahl. Die Einwohner von Kirifas, nein, von ganz Aifa, verloren langsam ihr Verständnis für die lange Trauerzeit des Kaisers. Sie wollten ihren Herrscher zurück, tatkräftig, entschlossen, weise und gerecht – nicht alles war er zu jeder Zeit gewesen, aber im Rückblick schien selbst eine falsche Entscheidung besser als gar keine, besser als ein Mann, der stundenlang umherwanderte, ohne mit jemandem zu sprechen außer mit Rahmon, seinem Ratgeber.
»Was ist?«, fragte Kanuna. »Du kannst offen sprechen.«
»Ihr solltet wieder heiraten.«
Jetzt war es heraus. Lange, lange hatte er sich mit diesem Satz getragen und sich vorgestellt, ihn auszusprechen würde wie eine Geburt sein, qualvoll und mühsam. Er hatte es gesagt und fühlte sich unendlich erleichtert. Wenigstens konnte er nun den Fürsten gegenübertreten und wahrheitsgemäß behaupten, dass sie darüber gesprochen hatten.
»Warum?«, fragte Kanuna. »Vinja ist tot und es gibt nie wieder eine wie sie.«
»Das ist wahr, Herr. Aber – nun, Ihr habt gesagt, ich könne offen reden. Zwei Dinge. Zum einen glauben die Fürsten, es würde Euch gut tun. Alle glauben es, vor allem die Leute aus dem Volk. Ihr könnt die Meinung des Volkes nicht einfach abtun. Und auch ich denke so.« Er wünschte sich, er hätte das Gesicht des Kaisers sehen können, während er sprach. Aber er hatte sich diesen Abend ausgesucht, in der Hoffnung, dass es ihnen beiden in der schützenden Dunkelheit der warmen Nacht leichter fallen würde, über dieses heikle Thema zu reden.
»Und das Zweite?«, wollte Kanuna wissen, ohne zu verraten, was er von Rahmons erstem Argument hielt.
»Ihr braucht einen Erben. Die Fürsten hoffen, dass eine zweite Frau Euch einen Erben schenken würde.«
»Ich habe bereits einen Erben«, knurrte er.
»Herr, mit Verlaub, aber Eure beiden Söhne sind ...« Er suchte nach Worten, denn auf einmal schienen die Bezeichnungen für die Zwillinge, die ihm auf der Zunge lagen, zu hart, um sie dem Vater gegenüber zu äußern. Rumtreiber, Tunichtgute? »... nicht gerade zuverlässig und verantwortungsbewusst. Und vor allem, sie sind nicht da. Niemand weiß, wo sie sich überhaupt aufhalten. Es gäbe so viel für sie zu lernen! Ich muss Euch sagen, keiner der Fürsten rechnet noch damit, dass einer der beiden fähig ist, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Einfach zu verschwinden! Und die Erinnerung an die Zeit, als sie noch hier waren, ist für keinen von uns besonders angenehm. Ach, Herr! Ihr könntet noch ein Kind bekommen, das von Anfang an sorgfältig erzogen wird, das alles lernt, was es über Deret-Aif zu wissen gibt. Ein Sohn, der Euer würdevoller Nachfolger sein könnte. Oder eine Tochter, klug und gütig. Meint Ihr nicht?«
»Es geht nicht«, sagte Kanuna langsam. »Es kann keinen anderen Erben geben.«
»Wie, es kann nicht? Ich weiß, das Recht des ältesten Sohnes ist ein sehr altes Recht, aber in einem Fall wie diesem ... Rin sei Dank seid Ihr noch jung und stark und gesund. Ihr könnt das Gesetz ändern, nach dem der älteste Sohn die Krone erbt. Ihr könntet noch zu Lebzeiten festlegen, wer Euch auf den Thron folgen darf. Ihr könnt die Zwillinge enterben, weil sie sich unwürdig betragen haben. Niemand würde Euch das übelnehmen oder sich auch nur darüber wundern. Im Gegenteil, es schafft Verwirrung und Unverständnis, dass Ihr das nicht schon längst getan habt.«
»Es kann keinen anderen Erben geben«, wiederholte Kanuna. »Ich habe ihn bereits gesegnet.«
»Was?«, entfuhr es Rahmon. »Wieso? Oh bei Rin, wieso das? Ihr habt ihm Euren Segen gegeben?«
Kanuna antwortete nicht. Er nickte in die Dunkelheit.
»Wem von ihnen? Doch nicht Zukata, oder? Hat Keta Euch vielleicht überredet, ihn zu bevorzugen? Aber sagt nicht, dass Ihr Zukata gesegnet habt!«
»Doch«, sagte Kanuna. »Er ist mein ältester Sohn und ich habe ihm den Segen gegeben.«
»Richtig? Ich meine, mit allem, was dazugehört?«
»Er brachte mir eine Schale Meerwasser und ich habe sie über sein Haupt gegossen und meine Hände auf sein Haar gelegt und die Worte gesprochen – so wie mein Vater es damals mit mir gemacht hat.«
Rahmon war noch immer fassungslos. »Warum um alles in der Welt habt Ihr das getan? Warum so früh? Ihr seid noch so jung!«
»So jung bin ich auch nicht mehr«, lächelte Kanuna.
»Für einen Menschen vielleicht ... Aber Ihr seid ein Riese, Herr. Ihr werdet nicht nur mich, sondern auch meine Kinder überleben. Ihr hättet warten können! Jetzt verstehe ich endlich, warum Ihr so wenig Kraft habt.«
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