Wenn Lasse nur zu mir nach Göteborg kommen könnte, dachte ich. Dann würde ich ihm den Vergnügungspark und diesen Wanderweg zeigen. Aber zuerst würde ich alle Bierdosen aus dem Weg räumen, damit er es nicht zu schmutzig bei uns an der Westküste findet. Mein Onkel Albin sagt immer, daß es bei uns in Südschweden schmutzig ist. Dabei hab ich mal gesehen, wie er eine Zigarettenkippe weggeworfen hat und draufgetreten ist. Mitten in den Bergen!
Unsere Lehrerin entdeckte vier Pfifferlinge. Sie stürzte sich darauf und steckte sie in ihren Korb.
»Die kriegt bestimmt der Zweimetermann«, flüsterte Linda mir zu.
Wir fingen so wahnsinnig an zu kichern, daß wir uns auf den Bauch ins Herbstlaub legen mußten, um uns erst mal richtig auszukichern.
»Ja, wollt ihr zwei denn nichts essen?« fragte die Lehrerin streng. Hoffentlich hatte sie nicht mitgekriegt, was wir gesagt hatten!
»Doch, gleich«, japsten wir.
Im Apfel vom Hausmeister waren zwei Würmer.
Der Weg nach Hause war breit und schön und führte fast nur bergab. Janna brachte uns einen prima Reim bei. Wenn man im Takt geht, muß man sagen:
»Klotz, Klotz, Klotz am Bein,
Klavier vorm Bauch,
wie lang ist die Chaussee?«
Das sagten alle Mädchen mindestens tausendmal. Unsere Lehrerin hielt sich die Ohren zu und sagte, wir sollten aufhören. Aber sie machte nur Spaß.
Mein Papa muß sehr viel laufen bei seiner Arbeit. Das müssen fast alle Briefträger. Nun sollte man glauben, daß er genug gelaufen ist, wenn er abends nach Hause kommt. Aber das stimmt ganz und gar nicht. Sobald wir mit dem Essen fertig sind, muß er spazierengehen. Sonst fühlt er sich eingesperrt. Wenn ich ihm eine Freude machen will, dann geh ich mit. Und heute abend wollte ich ihm eine Freude machen.
Es war ein klarer Herbstabend. Wir gingen spazieren, und wir hatten fast die ganze Zeit die Hände auf dem Rücken. An jedem langweiligen Garten blieb Papa stehen und guckte hinein.
»Wenn wir doch einen Garten hätten«, sagte er. »Dann würde ich Dill säen und Mohrrüben, und dann hätten wir einen Birnbaum.«
»Und warum haben wir keinen Garten?« fragte ich.
»Es ist ziemlich schwer, an einen ranzukommen«, sagte Papa. »Viele Leute möchten einen Garten. Aber wenn ich mal einen habe, dann sitz ich auf einem weißen Stuhl unter dem Birnbaum und les die Abendzeitung und rieche alle Düfte des Sommers.«
»Das klingt ziemlich langweilig«, sagte ich. Aber er tat mir leid. Wenn er doch so gern einen Garten haben wollte, dann sollte er ihn auch kriegen!
Auf dem Rückweg gingen wir über den Marktplatz. In Enoks Laden brannte noch Licht!
»Guck mal«, sagte ich und zog Papa zum Schuhgeschäft. »Da ist noch Licht.«
»Sehr merkwürdig«, sagte Papa. »Es ist schon acht Uhr. Er verkauft doch jetzt keine Schuhe mehr!«
Mein Herz schlug, als wir näher kamen. Vielleicht sah ich ja was, das Roberta in ihr Notizbuch schreiben konnte.
Aber im Laden war nichts Ungewöhnliches zu entdecken, obwohl wir die Nasen gegen die Schaufensterscheibe preßten. Im Büro war auch Licht, und die Tür war angelehnt.
»Still, ich hör was«, sagte ich und legte das Ohr gegen die Scheibe. Musik!
Papa machte es mir nach.
Da hörten wir, wie sich jemand hinter uns räusperte. Es war Ingenieur James G. Persson, der seinen Hund ausführte.
Er starrte uns an.
»Die Fensterscheiben sind doch sehr kalt im Herbst«, sagte Papa. »Enok sollte sie isolieren.«
James G. Persson schüttelte den Kopf und ging weiter mit seinem Hund. Als er weit genug entfernt war, fingen Papa und ich an zu lachen.
»Vielleicht feiert Enok ein kleines Fest«, sagte Papa. »Und um seine Nachbarn zu Hause nicht zu stören, feiert er im Geschäft.«
Heute nach dem Mittagessen (es gab Bratwurst) fand ich Roberta in einer Ecke auf dem Schulhof.
»Du«, sagte ich, »ich weiß was über Enok, was du nicht weißt. Hast du dein Notizbuch mit?«
»Bist du verrückt?« sagte sie. »Wenn nun mal jemand aus meiner Klasse sieht, daß ich mit einer aus der zweiten Klasse rede!«
»Darf man das denn nicht?« fragte ich.
»Was heißt dürfen«, sagte sie. »Das gehört sich einfach nicht, wenn man in die vierte Klasse geht, verstehst du?«
Ich hätte gern gewußt, wo die anderen aus ihrer Klasse waren. Roberta war ganz allein. Aber ich fragte nicht. Ich blieb einfach stehen, denn ich wußte etwas, was sie nicht wußte. Ich krümmte die Zehen ein bißchen in meinen Schuhen und pfiff vor mich hin. In diesem Sommer hab ich ganz gut pfeifen gelernt, finde ich. Vögel kann ich nicht nachmachen, aber ich kann zum Beispiel unsere Nationalhymne.
Roberta starrte mich wütend an. Schließlich fragte sie:
»Was ist denn nun mit Enok? Sag’s schnell!«
»Ich darf ja nicht mit dir reden«, sagte ich. »Das gehört sich doch nicht für einen aus der vierten Klasse, hast du gesagt.«
Roberta stöhnte. Dann packte sie mich am Arm und zog mich über den Schulhof.
»Sag mir jetzt, was du von Enok weißt«, sagte sie, »es ist sehr wichtig.«
Da erzählte ich ihr, daß ich gestern abend Licht im Laden gesehen und Musik gehört hatte.
Roberta sah richtig beeindruckt aus und biß sich auf die Lippe. Dann sagte sie: »Das ist doch nichts Neues. Das hab ich gestern abend selbst festgestellt. Steht schon in meinem Notizbuch. Ich weiß sogar, was für Musik das war. Das Stück hieß ›Schöner Gigolo, armer Gigolo‹.«
Als ich heute zur Schule ging, hab ich mir Wörter mit dem Sch-Laut ausgedacht. »Schinken, Schuhe, Schubkarre, Schwimmbad, Schei ...« Aber das Wort durfte ich nicht sagen.
Plötzlich, ohne daß ich gemerkt hatte, wie ich dahin gekommen war, war ich auf dem Schulhof. Er ist immer fast leer, wenn ich komme, denn ich bin immer sehr früh da. Und auch jetzt waren fast keine Kinder zu sehen. Aber dafür sah ich etwas anderes! Nämlich zwei Polizeiautos! Sie standen so herum, ohne Polizisten, und die Sirene heulte auch nicht.
Mir wurde eiskalt. Ich weiß nicht, warum. Ich bin nur ein einziges Mal bei Rot über die Kreuzung gegangen, und das auch nur, weil ich so schnell nach Hause mußte. Warum, das kann ich dir nicht sagen ... Das kannst du dir ja denken. Wenn ich nicht bei Rot über die Straße gegangen wäre, wäre eine Katastrophe passiert, wenn du nun weißt, was das ist. Das ist, wenn man ganz plötzlich in einer Pfütze steht, obwohl es nicht regnet.
Natürlich standen einige Jungen um die Polizeiautos herum und beguckten sich alle die komischen Knöpfe und Apparate. Als Janna kam, gingen wir auch ganz nah heran. Ich fragte sie, ob es schlimm sei, daß ich bei Rot über die Straße gegangen war. Aber sie lachte nur. Sie sagte, daß ihr Opa immer bei Rot über die Straße geht, weil er findet, daß es zu viele Gesetze und Bestimmungen bei uns in Schweden gibt.
Als wir da noch so herumstanden, kam Roberta angelaufen. Sie zupfte mich an der Jacke und zog mich ein Stück mit sich.
»Weißt du, warum die Polizei in der Schule ist?« fragte sie.
Nein, das wußte ich nicht.
»Weil sie Fingerabdrücke in Enoks Laden gefunden haben. Deine Fingerabdrücke!« sagte sie, und ihre Augen waren ganz groß und rund.
»Pah«, sagte ich. »Da gibt’s massenhaft Fingerabdrücke. Deine zum Beispiel.«
»Ich bin doch kein Amateur«, sagte Roberta lachend. »Ich hatte Handschuhe an, als ich mich neulich bei Enok reingeschlichen hab.«
»Was ist ein Amateur?« fragte ich.
»So einer wie du«, sagte Roberta und lief weg.
Aber als ich ins Klassenzimmer kam, dachte ich, daß Roberta vielleicht doch recht hatte.
Unsere Lehrerin saß auf ihrem Platz, und neben dem Harmonium standen zwei richtige Polizisten in Uniform. Ein Herr-Polizist und eine Frau-Polizist.
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