„Die Götter seien gelobt!“, rief Gibo. „Wir haben neue Verbündete!“
„Es ist besser, diese kleinen rothaarigen Männer zu Freunden als zu Feinden zu haben“, erklärte Wafi mit einem Brummen der Befriedigung.
„Wann wirst du wieder stark genug sein, um mit uns aufbrechen zu können, Herr?“, fragte Gibo besorgt.
„Das Fieber ist bereits verschwunden“, sagte der Junge. „Bald werde ich wieder einen Bogen spannen und das Messer schwingen können. Dann brechen wir auf, um meinen Vater zu befreien.“
Gibo und Wafi waren im Innern davon überzeugt, dass Bombas Vater längst nicht mehr lebte. Sie kannten die Grausamkeit der Kannibalenstämme. Aber um nichts in der Welt hätten die treuen Burschen ihrem jungen Herrn solche Gedanken verraten.
*
Die Tage der Genesung gingen schnell dahin. Als Bomba erst wieder vor die Hütte treten konnte und dann zum ersten Male Pfeil und Bogen zur Hand nahm, war er stets von einem Kreis von Bewunderern umgeben. Die Pygmäen hatten sich an ihren jungen Gast gewöhnt und behandelten ihn mit Ehrfurcht und Zuneigung. Als Bomba dann erst Proben seiner unvergleichlichen Schießkunst ablegte, kannte die Bewunderung der kleinen Männer keine Grenzen mehr.
Bomba hatte eine außergewöhnliche Begabung für Sprachen, und so konnte er sich nach einer Woche schon mit den Pygmäen unterhalten, deren Sprache kaum grammatische Schwierigkeiten bot und deren Wortschatz auch äußerst gering war.
Besonders die Eltern des kleinen Negongwe nahmen jeden Anlass war, um Bomba ihre Dankbarkeit zu beweisen. Sie überschütteten ihn geradezu mit Früchten, Nüssen und Beeren, und der kleine Knabe selbst war ein häufiger Gast in Bombas Hütte.
Während Bomba noch sein Krankenlager gehütet hatte, war der Häuptling mit den Vorbereitungen für eine Elefantenjagd beschäftigt gewesen. Seine Späher hatten ihm die Nachricht gebracht, dass eine große Herde etwa einen Tagesmarsch vom derzeitigen Lagerplatz des Stammes entfernt weide. Geräuchertes Elefantenfleisch würde die Nahrungssorgen des Stammes für lange Zeit beheben, und so wollte Azande diese Gelegenheit nicht ungenützt verstreichen lassen.
In einer stillen Stunde hatte Bomba seinem ehemaligen Safariführer Wafi die Geschichte erzählt, wie er mit Gibo zusammen im New Yorker Zoo auf Elefantenjagd gegangen war. Der Zulu ließ sich jetzt die Gelegenheit nicht entgehen, Gibo ein wenig zu hänseln.
„Jetzt wirst du das Tier mit den zwei Schwänzen zu sehen bekommen“, sagte er spöttisch zu Gibo, als sie den Jagdvorbereitungen der Pygmäen zuschauten.
„Oh, darüber bin ich nur froh“, erwiderte Gibo, der über den gutmütigen Spott seines Gefährten keineswegs gekränkt war.
„Vielleicht wirst du nicht allzu froh sein“, sagte Wafi mit einem breiten Grinsen. „Du siehst nun endlich das Tier mit den zwei Schwänzen, aber du musst bedenken, dass es dich ebenfalls erblickt. Und es ist nicht gerade gut, wenn ein wilder Elefantenbulle einen Menschen sieht — nein, das ist für diesen Menschen gar nicht gut.“
„Ich habe genug Pfeile im Köcher“, erklärte Gibo. „Und ein so großes Ziel können meine Pfeile bestimmt nicht verfehlen.“
„Sie werden treffen“, erwiderte Wafi lakonisch, „aber sie werden nicht wirken. Es sei denn, du triffst den Elefanten an ganz bestimmten Stellen.“
„Aber wie bringt man dann einen Elefanten zu Fall?“, fragte Gibo verwirrt.
„Ich habe noch nie erfahren, wie die Pygmäen Elefanten jagen“, sagte Wafi. „Aber ich habe gehört, dass sie nach den Augen der Tiere schießen und sie auf diese Weise blenden. Dann verfolgen sie die Elefanten mit Speeren und Keulen solange, bis die Tiere ermattet zusammenbrechen und sterben.“
Das Leben im Dschungel hatte Gibo ziemlich abgehärtet, aber diese grausame Jagdmethode gefiel ihm nicht.
„Bomba kämpft nicht so“, sagte er stolz. „Er würde dem Elefanten gegenübertreten und offen kämpfen.“
„Bomba ist auch kein Pygmäe“, erwiderte Wafi, und dagegen war schließlich auch nichts zu sagen.
Am nächsten Morgen, als das Grau der Dämmerung noch über der Lichtung hing, trat Azande in die Hütte, in der die drei Gefährten wohnten.
„Ist Bomba bereit?“, fragte er. „Die Jagd soll beginnen.“
Bomba sprang auf und wischte sich den Schlaf aus den Augen.
„Ich bin bereit“, sagte er. „Wir kommen sofort.“
Auf dem Vormittagsmarsch geschah nichts Wichtiges. Sie fanden keine Spuren menschlicher Feinde, und die Raubtiere schliefen noch nach ihrem nächtlichen Beutezug. Nach einer kurzen Mittagsrast setzten sie den Marsch fort, aber erst am späten Nachmittag stießen sie auf die ersten Elefantenspuren.
Mit doppelter Vorsicht marschierten sie weiter, und sie fanden immer mehr Anzeichen für die Anwesenheit einer großen Herde. Nachdem Azande und seine Krieger die Fährten geprüft hatten, erklärte der Häuptling:
„Die Elefanten sind erst vor zwei Stunden hier vorbeigekommen. Wir werden sie schon morgen einholen.“
Sobald die Dunkelheit mit der für afrikanische Verhältnisse typischen Schnelligkeit hereinbrach, wurde das Lager aufgeschlagen. Ein großes Feuer wurde angezündet, das sowohl zur Vertreibung großer Raubtiere als auch zum Wärmen diente. Denn so heiß die Tage auch waren — die Nächte wurden empfindlich kalt.
Am nächsten Morgen brachen sie bald wieder auf. Ausgewählte Scouts wurden zur Erkundung vorgeschickt, während kleine Trupps von Kriegern die Sicherung der Flanken übernahmen.
Stunde um Stunde verstrich, ohne dass die Elefantenherde in Sicht kam. Doch dann stießen sie auf neue Spuren, die nach Azandes Ansicht kaum eine Stunde alt waren. Neue Hoffnung glimmte in den Teilnehmern der Jagdexpedition auf, und der Marsch wurde mit frischer Energie fortgesetzt.
Wenige Minuten später schon blieb Azande stehen und hob schweigend den Arm.
„Horcht!“, rief er leise.
In der Stille war jetzt deutlich das Trompeten eines Elefanten zu hören. Ein zweiter Elefant erhob seine schmetternde Stimme und noch andere fielen in diesen Chor ein. Die Herde musste tatsächlich so groß sein, wie Azande geschätzt hatte.
„Endlich ist es so weit“, murmelte Gibo. „Endlich werde ich das Tier mit den zwei Schwänzen Wiedersehen.“
„Hüte dich vor allen Dingen vor dem Schwanz, der vorn am Kopf ist“, warnte Wafi ihn spöttisch. „Mit diesem Rüssel, den du Schwanz nennst, packt der Elefant sein Opfer. Wie eine Schlange ringelt sich der Rüssel um den Leib, und er ist ebenso schwer zu sprengen wie die Ringe einer Riesenschlange.“
In diesem Augenblick brach einer der Späher durch das Dickicht und verneigte sich tief vor Azande.
„Wir haben die Elefanten gesichtet, großer Häuptling“, berichtete er atemlos. „Wir haben sie erspäht, als sie in einem Tümpel badeten. Es sind sehr viele und sehr große Tiere.“
„Gut, Zagga“, erwiderte der Häuptling. „Führe uns dorthin.“ Er wandte sich an die Krieger. „Haltet eure Pfeile bereit und macht kein unnötiges Geräusch!“
Der Häuptling benetzte den Finger mit Speichel und hob ihn empor. Eine schwache Brise wehte von den Elefanten weg und auf den Jagdtrupp zu. Es bestand also keinerlei Gefahr, dass die riesigen Tiere ihre Feinde witterten. Azande nickte zufrieden und befahl mit einem stummen Wink, den Vormarsch fortzusetzen.
Bald hatten sie einen Buschsaum erreicht, der eine lange, freie Lichtung einfasste. Die Krieger warfen sich zu Boden und spähten durch die schützende Buschwand. In einem großen Tümpel stand die Herde etwa zwei bis drei Fuß tief im Wasser. Offensichtlich genossen die Tiere das kühle Bad. Dann und wann tauchten sie den Rüssel in das Wasser, sogen ihn wie eine Pumpe voll und bespritzten sich selbst den Rücken wie aus einer Brause.
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