»Wo wohnt ihr?«, fragte Tess.
Alex zeigte auf das Gebäude, in dem Brianna Stunden zuvor Bewegungen ausgemacht hatte. »Ich hab euch doch gesagt, dass dort jemand war!«, rief sie, nun, da sie sich bestätigt sah.
Tess stieß einen langen Atemhauch aus. Sie hatte zwar Mitleid mit den Jungen, erkannte aber, dass ihnen etwas Abgebrühtes und Verzweifeltes innewohnte. Indem sie sich auf ihre Intuition verließ, sagte sie jetzt: »Nun gut, Jungs, wir müssen weiter. Lasst es euch schmecken und trinkt bitte mehr Wasser als üblich, wenn ihr die Sachen esst, denn ansonsten kriegt ihr Verstopfung.«
Brianna öffnete die Fahrertür, woraufhin Brando hineinsprang, dann stieg auch sie ein.
Alex’ Miene zeigte keinerlei emotionale Regung. Als Devin das sah, hob er sein Gewehr langsam wieder an und machte sich auf alles gefasst.
Nachdem Tess um den Wagen herumgegangen war, stieg sie an der Beifahrerseite ein.
Die anderen Jungen behielten Devin im Auge und warteten darauf, dass ihr Anführer Befehle erteilte.
Alex wandte sich dem Mann zu und grinste.
Der Motor des Humvee sprang stotternd an.
Die Spannung setzte Devin heftig zu. Er wusste einfach, dass diese Sache schiefgehen würde, und er wollte nicht Gefahr laufen, zu unterliegen, weil er zu langsam war, weshalb er die Waffe richtig anlegte und rief: »Alex, ich habe nichts gegen dich, aber denk gar nicht erst daran, etwas Dummes zu tun!« Er zielte auf die Brust des Jungen und hakte den Zeigefinger am Abzug ein.
»Wir sind quitt! Nicht schießen!«, rief Alex. Er strahlte eine sonderbare Ruhe aus – sonderbar deshalb, weil er für jemanden seines Alters einfach zu gelassen wirkte.
»Miss Slattery, Miss Slattery, sind Sie das?«, rief auf einmal ein kleines Mädchen. Es war wie aus dem Nichts aufgetaucht.
Brianna wendete den Wagen und fuhr neben Devin vor, womit sie ihm die Sicht auf Alex versperrte.
»Miss Slattery, Miss Slattery!«, wiederholte das Mädchen aufgeregt. Es rannte zur Fahrertür und fing an, gegen die Scheibe zu klopfen.
Brianna schaute hinunter in das schmutzige Gesicht des Kindes, das auch nicht älter als sieben sein konnte, und auch dessen Augen zeugten von Verzweiflung.
Als Tess hinübersah, veränderte sich ihre Miene. »Stell den Motor ab!« Tess stieg wieder aus und lief mit ausgebreiteten Armen um den Wagen herum.
»Meagan, oh mein Gott, Meagan, du bist es!«
Das Mädchen warf sich an Tess’ Brust und klammerte sich an ihr fest. »Fahren Sie nicht wieder weg, bitte«, wimmerte das Kind. »Wir brauchen Sie. Ich habe solche Angst.«
Tess drückte das Kind genauso innig. »Ich kann nicht glauben, dass du es wirklich bist.«
»Sie wollten gerade fahren, bitte tun Sie es nicht!«, flehte Meagan wieder.
Tess machte sich von ihr los und betrachtete sie genauer. Ihr Gesicht war schmuddelig, ihr dichtes, langes, braunes Haar zerzaust und fettig, sodass es an Dreadlocks erinnerte, zumal es sich auch genauso anfühlte.
Sie fing an zu weinen und zu zittern. »Bitte verlassen Sie uns nicht.«
»Wo steckt deine Schwester? Ist Melody bei dir?«
Meagan nickte. »Aber sie ist krank.«
Tess stand auf, nahm sie bei der Hand und sagte: »Bring mich zu ihr.«
Devin beobachtete das alles, allerdings nicht, ohne weiterhin genau auf Alex zu achten.
»Hey, Lady, du darfst da nicht rein«, blaffte der Junge sie an.
Tess ignorierte ihn und ging zügig auf das Haus zu, in dem die Kinder Unterschlupf gefunden hatten.
Devin trat nun ans Beifahrerfenster des Wagens. »Fahr die Straße hinunter und stell ihn dort ab«, wies er sie an. »Klemm dich hinter die dicke Kanone auf der Ladefläche. Ich traue diesen kleinen Scheißern nicht über den Weg.«
Brianna hinterfragte den Befehl nicht, sondern führte ihn genau so aus.
Alex’ Alter und Unreife zeigten sich nun allmählich. Seine Schläfen pulsierten, während er mit zusammengebissenen Zähnen beobachtete, wie sich Tess dem Gebäude näherte. Während seine Freunde begannen, die Einmannpackungen zu verzehren, ging er ebenfalls auf das Haus zu.
Devin blieb ihm dicht auf den Fersen. »Hey, Alex, wo sind denn die Erwachsenen abgeblieben?«, fragte er in dem Versuch, eine Unterhaltung zu starten und mehr Informationen zu erhalten.
»Hast du doch gehört: Sie sind alle tot«, antwortete der Kleine. Er ging schnell und heftete seine Augen auf Tess’ Rücken.
»Hier gibt es überhaupt keine Erwachsenen mehr?«
»Keine netten, nein.«
Devin blickte ihn äußerst verwirrt an wegen dieser seltsamen Antwort.
»Lady, ich hab gesagt, du kannst da nicht rein!«
Tess hatte die Fliegengittertür mittlerweile erreicht. Sie drehte sich zu Alex um und erwiderte: »Meagan ist meine Freundin und ihre Schwester ebenfalls. Sollte es Melody schlecht gehen, werde ich versuchen, ihr zu helfen. Außerdem lasse ich mir nichts von Kindern sagen.« Daraufhin öffnete sie die Tür und betrat ein dunkles und stinkendes Wohnzimmer. Der durchdringende Geruch von Fäkalien traf sie vollkommen unvorbereitet, weshalb sie sich beinahe übergeben musste. Als sich ihre Augen an die dürftigen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, schaute sie sich um. Überall lagen Dreck und Müll, der Raum war die reinste Deponie.
»Wo ist Melody?«
Meagan führte sie durch den Unrat in ein Schlafzimmer hinein. Dort lag ihre Schwester auf schmutzigen Decken. Die zierliche Fünfjährige hatte sich zusammengerollt und zitterte heftig.
Tess eilte an ihre Seite und strich ihr die blonden Locken aus dem Gesicht.
»Melody, Süße, ich bin es – Miss Slattery«, wisperte sie sanft, während sie den Kopf des Mädchens streichelte.
Das Kind öffnete die Augen ein wenig und sah die Frau an, wobei es zu lächeln versuchte, was ihm jedoch nicht gelang. Der winzige Körper strahlte eine intensive Hitze aus. Tess betrachtete Melody genauer, um herauszufinden, was mit ihr nicht stimmte und weshalb sie unter so hohem Fieber litt. Als sie das fleckige Federbett aufschlug, entdeckte sie eine kleine Stichwunde an einer Wade, die bereits rot entzündet war. »Wie ist das passiert?«, frage sie Meagan.
»Alex hat sie mit einem Rechen geschlagen.«
»Netter Kerl, dieser Alex«, knurrte Tess laut.
»Du kannst mich mal, Lady«, wetterte er. Mittlerweile stand er in der Tür.
Tess hatte nicht bemerkt, dass er hereingekommen war, beachtete ihn aber nicht weiter. Sie sah sich im Raum um … der Schmutz und Verfall … der widerliche Gestank – all das war abstoßend. Sie musste sich um Melody kümmern, doch dieser Ort kam dafür nicht infrage. Sie schob die Arme unter das Mädchen – das stöhnte dabei leise auf – und nahm sie vorsichtig auf den Arm. »Komm, Schätzchen, ich werde mich darum kümmern, dass es dir wieder besser geht.«
Melody war so schwach, dass sie sich nicht an Tess festhalten konnte. Ihre Ärmchen baumelten hinunter wie dünne Stöcke. Tess drückte sie fest an sich und ging auf die Schlafzimmertür zu.
Alex blieb trotzig im Weg stehen. »Du bringst sie nirgendwohin, sie gehört zu unserer Bande«, posaunte er hinaus.
»Mach sofort Platz!«, befahl Tess.
»Nein!«
»Pass auf, Freundchen, ich weiß nicht, wo dein Problem liegt, aber du verschwindest jetzt sofort«, drohte Devin, der ihm von hinten auf die Schulter tippte.
Alex entzog sich seiner Hand und stieß ihn zurück.
Devin war das Benehmen des Jungen endgültig leid. Er packte ihn im Genick und schob ihn mit Gewalt aus dem Türrahmen.
Alex widersetzte sich, konnte aber nichts gegen den Erwachsenen ausrichten. »Lass mich los!«
Devin drückte ihn gegen eine Wand. »Hör zu, du Dreikäsehoch, mir ist es egal, ob du bis jetzt überlebt hast. Dieses kleine Mädchen da braucht medizinische Fürsorge. Du kannst uns jetzt entweder helfen oder dich verziehen. Sieh es so: Einen Mund weniger zu füttern.«
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