Wenn der wirkliche Samiec die Eigenschaft des falschen gehabt hätte, Kontakte zu knüpfen, unvorhergesehene Situationen zu meistern, nette, kluge Mädchen zu finden und für sich einzunehmen, wäre er vermutlich nicht so elend in einem trüben Hafenbecken ums Leben gekommen.
Der zweite Rudolf fand erstaunlich schnell ein Zimmer im Grønjordskollegium auf Amager, und ebenso erstaunlich schnell hatte er eine feste Beziehung mit der Musikstudentin Jonna. Das Verhältnis war eine Zwischenstation für den falschen Rudolf Samiec – er war nicht nach Dänemark gekommen, um seine musikalischen Interessen zu pflegen. Bereits im Herbst 1973 fand Jonna heraus, daß Rudolf nicht der war, für den er sich ausgab. Er hatte erzählt, daß seine Eltern während eines Bombenangriffs der Alliierten umgekommen seien und daß er in Hamburg gewohnt hätte. Ein Telefonat mit dem Einwohnermeldeamt lieferte Jonna den Beweis, daß Rudolfs Geschichte nicht stimmte, jedenfalls nicht in diesem Punkt.
Warum wollte er auf diese Weise seine Spuren verwischen? Jonna überlegte und vertraute sich einer Freundin an, die wiederum Rudi (so wollte er am liebsten genannt werden) in die Entdeckung einweihte.
Die Beziehung zwischen Jonna und Rudi war vorbei. Nicht weil sie versucht hatte, ihn zu überprüfen, sondern weil sie als Musikstudentin nicht das Mädchen war, was er brauchte. Er setzte sein Studium und die Talentsuche fort, und eines Tages, am 1. Mai, hatte Rudi Glück.
Der 1. Mai 1975 war ein besonderer Tag. Die Amerikaner hatten Südvietnam geräumt, Kambodscha war von den Roten Khmer eingenommen, und die provisorische Revolutionsregierung übernahm an ebendiesem Tag die volle Kontrolle über das vom Krieg verwüstete Südvietnam. Jetzt brauchten sich die Studenten in den westlichen Hauptstädten nicht mehr länger vor den amerikanischen Botschaften heiser zu brüllen. In den Kollegien, in den Kneipen und in den engagiertesten Zirkeln beim Maifest im Fælledpark wallte die Revolutionsromantik noch einmal so richtig auf.
Bevor dieser Tag zu Ende ging, waren Revolution und Romantik bei dem falschen Rudolf eine höhere Einheit eingegangen. An diesem Abend traf er Katrine Sommer, sprachenstudierende Arzttochter aus Grindsted.
Rudi setzte alle Segel, und nur sieben Monate später war Katrine Sommer soweit, daß er sie einigen Freunden vorstellen konnte. Den äußeren Rahmen lieferte ein Ärztekongreß in Helsingfors. Rudis ›Arztfreunde‹ waren die Stasioffiziere Jürgen Rogallo und Berndt Gentz.
Als die Stasimänner nach Ost-Berlin zurückkehrten, waren sie sich einig, daß Katrine die richtige Bekanntschaft für Rudi sei. Sie hatte einen bürgerlichen Hintergrund, sie war ideologisch zu motivieren, und sie studierte im Hauptfach Französisch.
Der erste Schritt bestand nun darin, Katrine Sommer zu bewegen, sich um eine Stellung zu bewerben, die für die Ostberliner von ausreichend strategischer Bedeutung war. Das Außenministerium war der Ort – und ihre Französischkenntnisse waren die Eintrittskarte. Auf diesem Gebiet ist in der Zentraladministration die Konkurrenz nicht sonderlich groß.
In einem weiteren Schritt sollte Rudi nach und nach Liebe und Druck mischen, bis Katrine endlich bereit war, Dokumente des Ministeriums zu kopieren oder zu stehlen.
Alles gelang. Katrine Sommer wurde als freie Mitarbeiterin im Energiebereich der Marktabteilung, M III, Stormgade 10, eingesetzt. Am 13. November 1978 um 16.42 Uhr schnappte die Falle zu, als Rudi in seiner Wohnung, Rolfsvej 15 in Frederiksberg, festgenommen wurde.
Wenige Tage später gab der falsche Rudolf zu, daß sein richtiger Name Jörg Hermann Otto Meyer sei und daß er selbst ostdeutscher Staatsbürger war, geboren am 2. Februar 1944 in Oslo im Feldlazarett I/509. Etwas anderes oder mehr bekamen Bojskovs Kollegen nicht aus ihm heraus, obwohl er fast ein Jahr in Isolationshaft verbringen mußte. Bis das Østre Landsret am 5. November 1979 das Urteil fällte: sechs Jahre Gefängnis. Mit Jörg Meyer hatte der PET einen waschechten Perspektivagenten enttarnt. Seine Einsatzmittel bestanden aus der altbekannten Mischung von Liebe und Pression. Und er hätte großen Erfolg damit haben können. Sein Aufstieg wurde gestoppt, weil die Fremdenpolizei bei einer Routineuntersuchung auf seine falsche Identität aufmerksam geworden war. So wurde der Fall jedenfalls offiziell in den Unterlagen des PET dokumentiert, aber Bojskovs private Vermutung ging dahin, daß alles beim Verfassungsschutz in Köln begonnen hatte.
John Møller wird wohl nicht darum herumkommen, den Schlüssel zur Reisekasse zu zücken, dachte Anders Bojskov. Er hatte inzwischen so viele Reisevorschläge, daß er sicher war, mit einigen durchzukommen. Nur das Hauptproblem war noch immer ungelöst.
»Wir brauchen bloß Einsicht in die Verhältnisse von 1400 Angestellten, ohne daß sie etwas davon merken.« Es klang so einfach, als John Møller das sagte, aber wie sollte man es machen? Bojskov mußte die Antwort haben, bevor er den Verlauf der Untersuchung überhaupt nur skizzieren konnte.
»Riskjær, natürlich!« entfuhr es ihm, und er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Sie mußte die Schlüsselperson sein. Gelang sein Plan, würde er unweigerlich einen Teil der Ehre mitabbekommen. Mißlang das Vorhaben allerdings, war die junge Polizeibevollmächtigte als Sündenbock reif.
Bojskov hatte beim PET viel gelernt – vor allem, sich vor Unannehmlichkeiten von oben abzusichern. Nun ging es nur noch darum, die Idee gut zu verpacken und John Møller zu verkaufen.
»Geheim ist sicher die unterste Stufe der Einordnung, die wir in diesem Fall anwenden können«, sagte John Møller und sah über seine Brille hinweg Bojskov an, der gerade seinen fertigen Plan dem stellvertretenden Chef präsentiert hatte. Das war nicht als Frage gemeint, das war eine Feststellung. John Møller fuhr daher auch unangefochten fort:
»Aber ich habe ein paar Fragen, bevor wir im Verfahren weitermachen. Ich bin mir darüber im klaren, daß ich es war, der bei unserem ersten Gespräch Bente Riskjærs Namen ins Spiel brachte, aber an eine so aktive Rolle, wie sie hier vorgeschlagen wird, habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht, zumindest nicht in der Anfangsphase. Faß das nicht von vornherein als Ablehnung auf, so ist es nicht gemeint. Ich würde nur gern eine gute Begründung dafür hören.«
Bojskov, der etwas leger in den Sessel gerutscht war, richtete sich auf und legte gleichzeitig seine Pfeife weg. »Sehr richtig, du warst es, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat«, begann er. »Wir dürfen doch wegen dieser verfluchten Kameras und Monitore möglichst gar nicht in die Nähe des Außenministeriums kommen. Somit sind uns die primären Quellen verschlossen, wenn ich das mal so sagen darf. Aber ohne die CPR-Nummer 3sämtlicher Angestellter können wir unser Ziel nicht erreichen, und daran hat sich doch nichts geändert, oder?«
»Selbstverständlich nicht. Sonst hättest du es erfahren.«
»Dann dürfte die schmerzfreieste Methode darin bestehen, das Material aus der zentralen Lohnbuchhaltung der Verwaltung oder aber aus dem Steueramt zu holen. Wie du selbst gesehen hast, empfehle ich die letzte Möglichkeit, und genau hierzu brauche ich einen jungen Juristen. Den Namen können wir offenlassen. Ich glaube nämlich nicht, daß irgend jemand im Steueramt – gehen wir vom Steuerdirektorat des Staates aus – sich darüber wundern wird, wenn das Dezernat für Wirtschaftskriminalität darum bittet, einen jungen Bevollmächtigten schicken zu dürfen, damit der etwas über Steuertransaktionen lernen kann. Jeder Jurist weiß, daß gerade die Wirtschaftskripo äußerst schwach dasteht. Ja, die Kollegen im Steuerdirektorat haben vielleicht sogar ein bißchen Mitleid mit der Kleinen, die sich bei der Wirtschaft hat anstellen lassen.«
»Aber du hast mir weder beschrieben noch erzählt, wie Bente Riskjær in den Besitz der Namenslisten kommen soll. Das erfordert mehr als nur durch die Schwingtüren in den Steuerpalast zu treten«, wandte John Møller ein.
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