Je nach Tageslaune entschieden fünf bis einhundert Versuche über die Form des Spielers. Wenn ich den Pfeiler mehrmals traf, sah es nach einem Sahnetag aus. Wenn es mal nicht so gut für jemanden lief, kam Frau Hartmann auf den Balkon gerannt und schrie herum, dass sie einen solchen Lärm zuletzt im Sommer ’43 gehört hätte, bevor sie wieder wild keifend hinter der Gardine verschwand.
Als ich anschließend schwitzend im Wohnzimmer einfiel, erzählte ich meinem Vater, dass Struckmann und Steininger eine Galashow abliefern würden, wohingegen ich mir bei Tönnies und Kober nicht sicher wäre. Notthoff und Strunz hätten aber Normalform: „Also, ich sag mal 2:0, mit viel Hängen und Würgen.“
Mein Vater nickte, nickte noch einmal, guckte mich bescheuert an und las wieder Zeitung.
Und es ging weiter. Von der Tribüne auf die Nordgerade, im Schlepptau meinen Bruder und Thomas, einen Freund der Familie, Sohn meiner Patentante aus erster Ehe. Mein Vater, der keifte. Mein Bruder, der schrie, und Thomas, der immer hüpfte und bei Toren beide Hände auf den Schultern des Vordermanns ablegte, um sich von dort aus in die Höhe zu schrauben. Kassel und Bayreuth werden zu Hause 3:1 geschlagen, Darmstadt und Aachen auch.
Erstes Auswärtsspiel auf Schalke, dem Feind, erstes Auswärtsspiel meiner Karriere. Meine Mutter verbietet mir, drei Gabeln mitzunehmen, die ich einpacken wollte, um mich und meine Familie im Notfall verteidigen zu können. Strömender, widerlicher Regen auf der Südgeraden des alten Parkstadions. Duisburg in Gelbblau, nahezu brasilianisch, wusste schon damals, dass da was nicht stimmt. Mein Bruder und Thomas in der Gästekurve: „Papa, warum tragen die alle Schwarz?“
Als hundert Mann auf den Zaun stürmen und ein bengalisches Feuer entzünden, murmelt er: „Und jedes Mal dieselbe Scheiße hier“, muss dabei aber grinsen. 1:1, Uwe Kober stürmt auf den Kasten der Schalker zu, „Schieß, schieß!“, er schießt und macht das Tor. Ich drehe durch, die Leute drehen sich um. Abseits, Abpfiff, im immer noch strömenden Regen. Unentschieden auf Schalke. Wenigstens nicht verloren.
Mein Vater und ich sitzen zuerst im Auto und warten. Mein Vater schaut auf die Uhr und wringt seine Hose aus. Er erzählt mir die Geschichte, wie er früher mal, ganz früher im Stadion dem Vordermann in die Schuhe gepinkelt hat, weil es so voll war, dass man sich nicht bewegen konnte und so geregnet hat, dass der Vordermann gar nicht wusste, was dort mit ihm geschah. Die Autotür wird aufgerissen, mein Bruder und Thomas springen in den Wagen, mein Bruder schreit: „Fahr los! Fahr einfach los!“, und streicht sich erschöpft mit der Hand durch die klatschnassen Haare.
Der pure Wahnsinn der nächsten Saison, 1990/91, Deutschland wiedervereint und Weltmeister geworden. Meine Sportkarriere startete kometenhaft. Endlich Judoka, endlich den kleinen, dicken Körper in einen weißen Kampfanzug zwängen. Mein erstes Turnier: Umgehend Gold. In der Klasse +45 Kilo konnte sich kein weiterer Gegner auffinden lassen, und nach drei Stunden schweißtreibenden Wartens stand ich auf einem Podest, auf dem sonst überhaupt niemand mehr stand.
Und ein anderer Dicker machte von sich reden. Der beste Stürmer seit Gerd Müller, pfeilschnell, abgewichst, ein sagenhafter Torinstinkt, eine sagenhafte Ästhetik, Weltklasse, absolut. Weder Klinsmann noch Völler, weder Allofs noch Rummenigge, keiner konnte ihm das Wasser reichen. Keiner hatte so viele Kilos auf den Rippen.
Der Dicke sah aus wie Helmut Rahn in seinen letzten Karrierejahren. Der Helmut Rahn, der mit den Zebras die italienische Defensive nach Deutschland importierte und mit „Rudi-Riegel“ Gutendorf die Vizemeisterschaft erlangte. Michael Tönnies. So einen gab’s nur ein einziges Mal.
Der Dicke war ein Phänomen. Man traf ihn in der Pommesbude und beim Pils, man sah ihn beim Griechen, beim Türken und im Bahnhof abhängen. Der Dicke zwängte sich das Trikot in die Hose und schleppte seinen Körper über das Feld, als müsste er eine Abrissbirne durch die Gegend hieven. Quergestreift wirkte das alles noch voluminöser und hinter vorgehaltener Hand sprach sich herum, dass der Dicke stangenweise Kippen rauchen würde. Wer so lebt, fällt eigentlich mit Herzinfarkt um, aber nicht Michael Tönnies. Der Dicke schoss in 34 Spielen 29 Tore.
Die Wedau lag ihm zu Füßen. Wer hatte jemals einen solchen Spieler gesehen? Einen Menschen, der anscheinend von der Straße, aus der Kneipe, aus der U-Bahn gekidnappt wurde, als man sah, wie er zufällig mit dem Ball einem ICE hinterherrannte. Es war ein einziger Sturmlauf, eine wild gewordene Fahrt durch den gegnerischen Strafraum, ein Tempo und ein Körper, mit dem es nur ganz wenige aufnehmen konnten. Der Dicke spielte gegen Christian Wörns und Jürgen Klopp. Der Dicke düpierte sie alle. Er stand nicht in der Gegend herum, er sprintete, er bewegte sich, und wenn er die ersten paar Meter hinter sich hatte, war es für jeden Verteidiger schwer, ihn zu halten. Dieser Körper hatte genug Kraft, um jeden flinken, aber körperlich unterlegenen Verteidiger mit einer kurzen, aber heftigen Bewegung aus vollem Lauf einfach wegstoßen zu können. Man konnte diesen kräftigen Kerl auch nicht einfach festhalten. Er war nicht zu bändigen. Und er drehte sich in die Bälle, schlug Seitfallzieher, Flugkopfbälle, Direktabnahmen am 16er, sowie feine Pässe in die Spitze, um seine Mitspieler zu bedienen.
Und von denen gab es so einige. Lothar Woelk, ein alter Recke des VfL Bochum. Ewald Lienen, der schon die großen Schlachten hinter sich hatte und dieses Spiel auf seine alten Tage immer noch besser verstand als ein Großteil seiner jungen Kollegen. Der aufstrebende Michael Tarnat. Die ewig kämpfende Achse um Pino Steininger, Dirk Bremser, Michael Struckmann und Patrick Notthoff. Joachim Hopp fing an, Karriere zu machen. Und dann die Kampfbienen um Ferenc Schmidt und Jürgen Kober. Im Tor Heribert Macherey, dem schon in jungen Jahren die Haare ausgingen.
Ich will nicht wissen, wie die polizeilichen Führungszeugnisse eines Großteils dieser Spieler aussahen, aber was sie in der Saison 1990/91 auf den Zweitligaplätzen dieser Republik boten, war dermaßen zerreißend, dass das Fieber ausbrechen musste. Das absolute Fieber.
Ich hatte nicht nur die richtigen Maße, um auf dem Garagenhof den Dicken zu mimen, sondern auch die nötige Arroganz, um mir im kindlichen Leichtsinn einzureden, dass auch mein Talent nicht zu verachten wäre. All meine Arroganz ergab sich aus dem Umstand, dass ich nach erfolgreich durchgeführtem Nachbarschaftsterror eine neue Herausforderung brauchte und auf den anliegenden Garagenhof zog, wo Daniel und Dennis ihre Tage verbrachten und sich gegenseitig die Bälle zuschossen.
Während Daniel in meinem Alter war, wir also schon mit satten neun Jahren zum alten Eisen gehörten, handelte es sich bei Dennis um einen sechsjährigen Jungspund, was ein verdammt gefährliches Alter ist, wenn man größere Geschwister hat, deren zentrales Hobby es ist, einen im Schrank einzusperren. Die klassische Arithmetik ergab dann auch, dass Dennis einsam und alleine vor seinem Tor herumstand, derweil wir uns in Position brachten und abwechselnd die Treffer übten, die wir zuvor in den Nachrichten oder im Stadion gesehen hatten. Die Frage, wer durch diese taktische Maßnahme auf lange Sicht der bessere Fußballer wurde, beachteten wir damals noch nicht, zehn Jahre später machte Dennis mit uns, was er wollte.
Aber damals war es für uns wie im Märchen. Wir konnten uns auf den anliegenden Rasen fallen lassen und uns herumwälzen, als hätten wir gerade die deutsche Meisterschaft geholt. Wenn Dennis doch tatsächlich mal zu einem Solo ansetzte, rannte man ihn einfach um, so hatte man es schließlich gelernt, und spurtete mehr oder minder auf das leer stehende Tor bzw. das leer stehende Gestänge zu, dessen Sinn und Zweck mir bis heute unschlüssig ist: „Struckmann auf Tönnies“, „Kober legt ab“, „Ich hör auf. So macht das keinen Spaß“, „Halts Maul und spiel weiter“, „Tor, Tor, Tor! Tor für Duisburg!“
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