»Jerusalem ist halb so groß wie der Friedhof von Chicago«, sagten alle, »nur doppelt so ruhig.«
In der My-Bar kannten sie ihn und Judith und alle wußten, wenn er von ihr kam. Sie waren neidisch auf ihn, und er genoß ihren Neid. Jeder von den Ausländern kannte jeden in diesen Tagen des Eichmann-Prozesses, und alle wußten alles voneinander. Oder glaubten zumindest, alles zu wissen.
Der Prozeß dauerte nun einmal viel zu lang für die Journalisten und Jerusalem war nichts anderes als ein großes Dorf.
Blöd von ihm, sie diesmal mit nach Hause zu nehmen. Er verspürte den heftigen Drang zum Urinieren, kroch behutsam aus dem Bett, ängstlich bemüht, sie nicht zu wecken.
Im Bad betrachtete er kritisch seine geröteten Augen, es war ihm zum Speien übel. Mit seinen stark ergrauten Haaren sah er glatt um zehn Jahre älter aus. Besonders an so einem Morgen.
»Alter Hund, blöder«, sagte er leise.
Wieder stellte er fest, daß auch seine Bartstoppel grau wurden. Er wollte nicht, daß Judith ihn so sah. Er begann sich zu rasieren. Mit dem weißen Rasierschaum im Gesicht sahen seine Zähne richtig grau aus, und er beschloß wieder einmal, weniger zu rauchen und wußte dabei, daß er zu Mittag schon das zweite Paket aufreißen würde.
»Du bist ein Idiot, Frank«, murmelte er.
Es gefiel ihm, hier in der Fremde Frank zu heißen. Zu Hause sagten sie Franz.
Es gelang ihm, wieder ins Bett zu schlüpfen, ohne Judith zu wecken. Er wußte, daß sie ihn küssen würde, und es war ihm ganz und gar nicht danach. Ihr Körper war jetzt warm und als sie sich schlaftrunken zur Seite drehte und ihm den Rücken zukehrte, war er zufrieden.
Es war noch Zeit zu schlafen.
So sehr hatte er sich um diesen Job bemüht. Es war nicht sein erster Auslandsauftrag, aber er hatte Unwillen und Neid seiner Kollegen mehr denn je zuvor gespürt. Und wie immer in seinem Leben mußte er darauf mit höhnischer Provokation reagieren, es war wie ein innerer Zwang, den er nicht überwinden konnte.
Warum, zum Teufel, mußte er sich immer Feinde schaffen. Er erinnerte sich an Irene, die jetzt schon eine eigene Rechtsanwaltskanzlei in München hatte. Tüchtiges Weib. »Du bist ein hoffnungsloser Zyniker«, hatte sie ihm zuletzt gesagt. Warum hatte er sie eigentlich nicht geheiratet?
»Sie ist mir zu gescheit und hat zu viel Geld«, pflegte er damals seinen Freunden zu sagen, und irgendwie war er verlegen dabei.
Seinen Freunden? Hatte er überhaupt welche? Oft schon hatte er darüber nachgedacht und sich diese Frage gestellt.
Er versuchte zu rechnen. Als er den Job übernahm, schien es ihm der einzige Ausweg aus einer tristen finanziellen Situation. Er konnte es nun drehen wie er wollte, es hatte sich kaum etwas geändert, und er hatte sich solche Hoffnungen gemacht.
Er hatte zu viel Geld ausgegeben in den letzten vier Monaten. Sinnlos, ohne zu rechnen, wie immer.
In etwa vier Wochen würde die Urteilsverkündung gegen Eichmann sein. Dann erwartete man ihn zu Hause. Er würde die üblichen Streitereien wegen seines Spesenkontos haben.
»Mach dir nichts vor«, sagte er sich, »du bist in derselben Scheiße wie vorher. Lucky Frank! Mit dem Unterschied, daß du jetzt noch eine schwangere Freundin am Hals hast.«
Ob sie es darauf abgesehen hatte? Der Gedanke beschäftigte ihn für einen Moment.
Er erinnerte sich an ihr »dont worry, darling, it’s a good time« vor einem Monat. Hatte sie versucht ihn zu täuschen?
Nein. Frauen konnten ihm nichts vormachen. Dachte er. Sie war zu erschrocken, zu ängstlich, als die Regel ausblieb.
Und sie wollte es auch jetzt noch nicht glauben.
Er wußte es besser seit jenem Sonntagmorgen, als sie nach der ersten Zigarette plötzlich blaß wurde und mit der Hand vor dem Mund aus dem Zimmer rannte.
Sie war wohl zum ersten Mal schwanger, dachte er.
Die Wasserspülung der Nachbartoilette hörte sich an wie das gequälte Röcheln eines alten Mannes. Vertraute Geräusche aus seiner Kindheit. Es klang wie zu Hause, in der Gemeindewohnung im 1o. Bezirk in Wien, aus der man seine Mutter 1945 delogierte, weil sein Vater ein Nazi war.
Er war wohl wieder eingeschlafen und hörte im Halbschlaf Judith im Badezimmer herumplätschern. Als sie wieder ins Bett schlüpfte, roch sie nach sie nach Seife und seiner Zahncreme. Sie saß eine Weile neben ihm, er wußte, daß sie ihn beobachtete und hielt die Augen geschlossen.
Sie begann ihn zu streicheln und zu betasten, und nach einer Weile fühlte er, wie sein Blut gehorsam ins Geschlecht strömte, und er zog sie an sich. Unter seinen Händen fing sie an schwer zu atmen. Er beobachtete sie jetzt verstohlen, und ihr gelöster Gesichtsausdruck erregte ihn. Er wollte wissen, wie spät es war, und hatte Angst, es könnte sie irritieren, würde er jetzt nach seiner Uhr greifen, die auf dem Sessel lag. Er richtete es so ein, daß er einen kurzen Blick auf die Uhr werfen konnte.
Es war noch Zeit.
*
Im Gerichtsgebäude war alles wie jeden Tag. Die Verhandlung hatte schon begonnen, er kam ein wenig zu spät. Er ging zuerst in den Presseraum und begrüßte mit Kopfnicken und Handbewegungen seine Berufskollegen, die dort mit ihren Kopfhörern saßen und den Simultanübersetzungen lauschten. Er suchte Jonny Davis von UPI, und als er ihn fand, machte er nur eine fragende Augenbewegung und erhielt als Antwort ein kurzes Abwinken, es gab also nichts Neues. So ging er ans Buffet, trank einen heißen Kaffee und rauchte in Ruhe eine Zigarette zu Ende. Oben an seinem Platz in der Galerie war Rauchverbot. Als er dann dort seine Kopfhörer aufsetzte, stellte er zuerst die englische Übersetzung ein, nach einer Weile wurde es ihm zu anstrengend, und er stellte auf deutsch um.
An Stelle der schon vertrauten Stimme des deutschen Simultanübersetzers hörte er eine Frauenstimme. Eine Weile horchte er und machte ein paar Notizen. Es war wieder von den Vernichtungslagern die Rede, er hörte die bekannten Namen Majdanek, Auschwitz, Sobibor. Die neue Dolmetscherin machte ihre Sache sehr gut. Eine sympathische Stimme, ein klassisches Deutsch. Irgendwie kam ihm die Stimme bekannt vor. Die Stimme erinnerte ihn an etwas, das schon lange zurück lag. Was war es nur?
Frank hatte den angeklagten Adolf Eichmann in seinem kugelsicheren Glaskasten oft und lange betrachtet und versucht sich vorzustellen, wie dieser Mann wohl in seiner SS-Uniform und im Vollbesitz seiner Befehlsgewalt ausgesehen haben mochte. Es gelang ihm nicht recht. Der hagere, nervös wirkende Endfünfziger hinter dem Panzerglas hätte Buchhalter oder Gaskassier sein können, ein Mann den man täglich trifft, in der Straßenbahn oder im Gasthaus, nichts Außergewöhnliches war an ihm. Eichmann sprach in langen Sätzen, eindringlich und beschwörend, verhedderte sich immer wieder und wußte am Ende nie, wie er den Satz begonnen hatte. Sein geschwollenes Amtsdeutsch verursachte dem Journalisten Wallisch oft Zahnweh. Manchmal griff der Vorsitzende des Gerichtes, Dr. Landau, ein, von dem man wußte, daß er einst Richter in Deutschland war. Der Jude Landau sprach ein glockenreines Deutsch, das jedem Sprachästheten das Herz höher schlagen ließ. Und es war grotesk, mitanzusehen, wie Eichmann als Vertreter der einstigen germanischen Herrenrasse der souveränen Persönlichkeit Dr. Landaus Tribut zollte, wie er förmlich buckelte und liebdienerte vor diesem Vertreter einer Rasse, die er zu Hunderttausenden in die Gaskammern geschickt hatte, als minderwertiges Leben, als Abschaum der Menschheit. Es war einfach nicht zu glauben, mit dem Verstand nicht zu fassen. Und doch war es die Wahrheit, waren es Tatsachen. Frank stellte sich vor, wie er als Obergefreiter wohl salutiert haben mochte, wäre er dem Obersturmbannführer Eichmann einmal begegnet. SS-Obersturmbannführer, das entsprach dem Rang eines Oberstleutnants. Dort, wo der Obergefreite Wallisch im Krieg war, hatte man solche hohen Ränge selten gesehen. Ganz seltene Vögel waren das. Man hatte sie höchstens in Autos vorbeifahren oder in Fronturlauberzügen gesehen, natürlich in reservierten Erstklasseabteilen, während sich die Landser auf den Gängen drängten. Und Franz Wallisch hatte die kalte Wut im Bauch, wenn er die Fiktion einer solchen Begegnung überdachte.
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