Sollte er sich eine Zigarre genehmigen? Es war dann schon die dritte, und er hatte noch die Party vor sich. Den Dr. Doolittle sollten die Würmer fressen mit seinen ewigen Ermahnungen. Was wußte der von den Thorntons! Sein Vater war 80 und dampfte immer noch, der alte Herr.
Die Zigarre glühte.
Eine Gegenoperation war dringend nötig. Die Radebrecher-Leute wurden sonst immer frecher. Diese Kanalratten mußten ausgeräuchert werden. Im Krieg wäre das ein Fall für einen Kommandotrupp gewesen. Hinein in die gute Stube und »peng – peng«! Der Organisation den Kopf abschlagen, dann wäre Ruhe für eine Weile! Aber man schrieb 1961, und alles war friedlich und demokratisch.
Colonel Thornton las wieder in seinem Bericht. Die Zigarrenasche fiel zu Boden. Sicher waren es die Radebrecher-Leute gewesen, die den kleinen Mc Caulley abgemurkst hatten. Wer sonst? Dr. Radebrecher, ehemals Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt, Amt IV, Gegnerbekämpfung. Jetzt hieß er Räder und war Rechtsanwalt in Frankfurz. Arbeitete für die Kommunisten, das Schwein. Direkter Draht zum Ministerium für Staatssicherheit in Ostberlin. Colonel Thornton zischte verächtlich. Sollte er dem Westdeutschen Dienst einen Tip geben? Das Problem wäre dann gelöst. Wahrscheinlich würden seine Referenten das vorschlagen. Diese Schwachköpfe! Auf so eine Lösung wäre auch seine Putzfrau gekommen.
So einfach lagen die Dinge nicht. Er kannte die Krauts. Sie würden eine große Polizeiaktion starten und dabei seine eigenen Kreise stören. Und womöglich tauchte der Radebrecher vorher unter, wurde gewarnt. Hockten ja genug alte Nazis in dem Gehlenverein.
Nein, so einfach lagen die Dinge nicht. Leider nicht. Der Colonel öffnete widerwillig ein dickes Kuvert, eine Beilage zum Schlußbericht Mc Caulley. Die Ausweise und Schriftstücke waren drin, die man bei dem Toten gefunden hatte. Wieder so eine Neueinführung, was ging ihn, den Colonel, das an? Eine Liste zum Bericht hätte genügt. Das war schließlich Angelegenheit der Personalabteilung. Er würde ein Wort mit Major Johnson reden müssen. Wenigstens über die Kompetenzen sollten die jungen Herren Bescheid wissen.
Sogar eine Zeitung war bei den Papieren. Ein Hamburger Abendblatt. Eingetrocknete braune Flecken über der halten Titelseite, wahrscheinlich Blutflecke. Widerlich. Der Colonel dämpfte die Zigarre aus. Nächstens würde man ihm noch Leichenteile vorlegen.
Automatisch las er die Schlagzeilen. Der Hamburger Sportverein hatte 3:1 gewonnen. Unbekannte Flugobjekte in Brasilien gesichtet. Leipziger Messe: DDR will ins Westgeschäft. In Jerusalem kam der Eichmann-Prozeß in ein neues Stadium.
Colonel Thornton schlug mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. Es klang wie ein Startschuß, und er sprang auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Große, beschwingte Schritte, Hände in den Taschen. Natürlich, das war sie! Die Idee für die Gegenoperation! Seine brillante Idee!
Die alten Unterlagen über Radebrecher aus seiner NS-Zeit! Nicht mit der Gegenwart, mit der Vergangenheit mußte man operieren! Das war doch jetzt aktuell, die ganze Welt sprach von Eichmann und von dem Prozeß. Der Colonel zündete eine neue Zigarre an. Ha, alle unterschätzten die Thorntons. Er hätte sich gerne selbst auf die Schulter geklopft. Ausgezeichnet, alter Junge!
Er würde seine Referenten bei der Konferenz zuerst herumstottern lassen. Ganz beiläufig würde er dann seinen Plan entwickeln. Sie würden auf dem Bauch liegen – vor Ehrfurcht. Ja, das war der alte Thornton. »Nein, Johnson«, würde er dann sagen, ein wenig mitleidig, »natürlich bleiben wir im Hintergrund, wozu haben wir befreundete Dienste. Na, Johnson, und welche Firma ist wohl die geeignetste? Richtig, Johnson, natürlich die Juden. Die Israelis. Eine zweite Entführung können sie sich nicht leisten, schließlich ist Radebrecher kein Eichmann. Denken Sie an die außenpolitische Situation, Johnson. Was werden die Israelis also tun? Sie werden die Presse mobilisieren. Sie werden den Radebrecher hochgehen lassen, durch die Presse. Radebrecher in Schwierigkeiten bedeutet Lähmung des gegnerischen Apparates. Das Ziel unserer Operation, Major Johnson!«
Es klopfte.
»Die Herren warten im Konferenzraum«, sagte Miss Rosalie Fletcher.
»Ich komme«, sagte der Colonel.
Er war zufrieden mit sich selbst. Die Pillen wirkten, er fühlte sich frisch und energisch. Patrick B. Thornton würde es diesen Mistkerlen schon zeigen.
Frank konnte den rechten Arm nicht bewegen, und das war unbequem. Er wußte, daß Judith mit ihrem Kopf auf seinem Arm schlief, und er wollte sie nicht wecken. So blieb er regungslos liegen, wollte weiterschlafen, nichts denken, nichts wissen.
Nun wäre er gerne allein gewesen.
Er hörte den Muezzin plärren, drüben in der Altstadt von Jerusalem. Es war noch Zeit zu schlafen. Aber der Arm tat weh.
Sein Körper war feucht, und er fror. Schließlich blinzelte er mühsam, drehte sich ein wenig und zog seinen Arm behutsam an sich.
Sie schlief weiter und das war gut so.
Er versuchte mit den Beinen ein Leintuch zum Zudecken zu finden, gab es aber wieder auf.
Von der Straße hörte er das Klingeln des Petroleumverkäufers, der um diese Zeit mit seinem Eselkarren umherzog. Ein vertrautes Geräusch nach fast vier Monaten, die er nun in diesem Land war.
Er wollte weiterschlafen, weil er fühlte, daß da irgend etwas Unangenehmes war, an das er zu denken hatte. Es war zu kalt. Schließlich setzte er sich mühsam auf, fand eine Decke und zog sie über sich.
Noch spürte er den Alkohol von gestern. Mit dem Schlafen war es wohl jetzt vorbei. Er tappte nach einer Zigarette, konnte aber kein Feuerzeug finden und lehnte sich wieder zurück. Eine Weile betrachtete er Judith. Sie war nackt und schlief tief, den Mund halb geöffnet. Das Bett ist viel zu schmal, dachte er.
Er hatte noch nie zuvor mit einer Jüdin geschlafen. Sie roch ein wenig unangenehm nach ungeputzten Zähnen und Schweiß. Einen schönen Körper hat sie, mit ihren zweiundzwanzig Jahren, mußte er denken. Etwas füllig, wie sie wohl mit zweiunddreißig Jahren aussehen würde? Judith war eine Sabre, eines dieser in Israel geborenen Mädchen, deren herbe Schönheit und Natürlichkeit so faszinieren. Der beste Exportartikel dieses Landes, süßer als Jaffa Orangen, verläßlicher als Uzi-Maschinenpistolen, made in Israel, aber leider meist unverkäuflich.
Er fand das Feuerzeug, machte einen tiefen Zug und unterdrückte den Hustenreiz, um sie nicht zu wecken. Er betrachtete ihre schwarzen Schamhaare und ihre makellosen Zähne, und plötzlich wußte er wieder, daß sie schwanger war. Er bedeckte sie behutsam mit einem Leintuch und dämpfte die Zigarette wieder aus.
Er versuchte weiterzuschlafen.
Unter der Decke wurde ihm wieder langsam warm. Der Schlaf ist der Bruder des Todes, sagten sie in diesem Land.
Mit einer Frau ins Bett zu gehen und in der Früh mit ihr aufzuwachen, sind grundverschiedene Dinge.
Sie war zum ersten Mal bei ihm in seinem kleinen Zimmer in der King Georg Street, ganz in der Nähe des neuen Gebäudes, das man eigens für den Eichmann-Prozeß eingerichtet hatte. Vorher war er immer bei ihr gewesen, das war bequemer. Dort konnte er nach Mitternacht wieder gehen, unter dem Vorwand, daß er doch am nächsten Tag frische Wäsche haben müsse.
Er liebte diese nächtlichen Spaziergänge nach Hause, entspannt und müde. Gewöhnlich trank er noch ein Bier in der My-Bar. Die einzige Kneipe, die um diese Zeit in Jerusalem noch offen hatte.
Dort saßen meist ein paar angetrunkene Journalisten, Kollegen, die sich seit Beginn des Prozesses in der Heiligen Stadt langweilten. Ein paar Soldaten von den United Nations, die aus unerfindlichen Gründen in der My-Bar einen Dollar für einen Whisky bezahlten, den sie in der Kantine in ihrem Hauptquartier duty free für zwei Dollar die Flasche haben konnten.
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