Der Prinz war im Gewinnen, Matuschka verlor. Je mehr die Karten zu dessen Ungunsten fielen, desto mehr trank er; hastig griff seine Hand nach dem Glase, trank es aus in einem Zug, schenkte sich selber ein. Bald war er sinnlos betrunken.
«Hören wir auf», sagte der Prinz; er war bleich, sein Gesicht gedunsen und doch schlaff vor Abspannung, er war seiner selbst nicht mehr ganz sicher.
«Denke nicht dran», brüllte Matuschka, «jetzt erst recht nicht. Sitzen geblieben! Glück bei Weibern, Unglück im Spiel – diesmal trifft das nicht zu. Setz dich, du Vielgeliebter! Vielgeliebter – hahaha, ha» – sein Lachen erstickte, einer der Mitspieler hatte ihm rasch die Hand auf den Mund gelegt. So weit durfte es denn doch nicht gehen, Seine Königliche Hoheit könnte sich morgen dieser Worte erinnern.
Des Prinzen Gesicht hatte sich verfinstert: ‹Vielgeliebter› – sollte er das als Schmeichelei nehmen oder als unstatthafte Anspielung? Er war sich darüber nicht mehr ganz klar.
Hohe Zeit, daß man Matuschka hinausbeförderte. Kopf ins Wasser, frische Luft, die ernüchtert. Er stolperte der Treppe zu. Da, auf der obersten Stufe, das Köpfchen an die Sprossen des Geländers gelehnt, saß eine und schlief. Ha – haha – war das nicht das Schwesterchen seiner Frau? Aus dem Zimmer geworfen, vor ihm zugeschlossen – haha – hier, jetzt ging das nicht so! «Kleine Hexe, ei, ei, nicht mich herauswerfen – ei, ei!» Er ließ sich neben ihr niederfallen, schlang den Arm fest um sie.
Wilhelmine hatte ganz fest geschlafen. Wirres Durcheinander in ihrem Traum: alle Kerzen brennen im Kronleuchter, in den Kandelabern – viele Leute – viele Augen – die sehen sie an. Die Schwester hält sie an der Hand. Vorstellungen, Vorstellungen, zierlichste Verneigungen. Man lächelt sie an, sie lächelt auch, das Lächeln friert fest auf ihrem Gesicht. Lächeln, immer lächeln, oh, das tut weh, so den Mund zu verziehen! Und langweilig, so langweilig – was soll sie sagen, was antworten? Es fällt ihr gar nichts mehr ein, die Lider fallen zu – immer wieder sie aufreißen, heimliches Gähnen und wieder Gähnen – müde, ach, so schrecklich müde! Alles wirrt um Wilhelmine: Lichter, Leute, Laute – Schleier von ihren Blicken – ach, schlafen, nur schlafen gehen!
Ein entsetzter Schrei war es, der durchs Treppenhaus gellte. Es war Wilhelmine, die ihn ausstieß: Wer packte sie an, umschlang sie eisern? Was hauchte sie so heiß an, ein Mensch, ein Tier? Sie wehrte sich gegen die Umschlingung, halb noch im Kinderschlaf, noch nicht ganz wach und doch sich einer Gefahr bewußt.
Ihr Schrei war auch drinnen gehört worden. Wer schrie? Und warum lachte Matuschka so unbändig? Wen hatte der Trunkene da attackiert? Die um den Spieltisch saßen, waren aufgesprungen, drängten heraus. Aber es war nicht die Zofe, die man, von dem Trunknen bedrängt, zu finden erwartete.
Welch unangenehme Szene! Die Matuschka hatte sich alles ganz anders gedacht. Es war so schön arrangiert, das Kind, nachdem der Prinz sich schon mehrmals erkundigt hatte, ihm heute als gesellschaftsfähige junge Dame vorzustellen. Sie hätte weinen können vor Zorn und Enttäuschung. Die Blicke, mit denen sie ihren Gatten anfunkelte, waren so wütend, daß er plötzlich nüchtern wurde. Aber auch auf die Schwester war sie erzürnt: «Dummes Ding, was fällt dir denn ein, dich auf die Treppe zu setzen? Hör auf mit dem törichten Schreien!»
Wilhelmine schluchzte noch krampfhaft laut: Oh, daß sie doch fliehen könnte, aber wohin? Alles Gesichter, fremd und neugierig. Wenn doch der Vater hier wäre! Sie fühlte eine lange nicht empfundene, heiße Sehnsucht nach ihm: Der, ja der würde sie schützen! ‹Beruhige dich, mein Kind›, würde er sagen – nein, das sagte jetzt plötzlich ein anderer. Ein großer, vornehmer Herr. Und eine Hand, weicher als die des Vaters, legte sich auf ihren Kopf.
«Ruhig, mein Kind, es geschieht dir ja nichts!» Der Prinz ergriff die vor Schreck ganz erkaltete kleine Hand, hielt sie fest in der seinen, beugte seine hohe Gestalt nah zu der Zitternden nieder, zog sie von der Stufe der Treppe auf: «Komm, mein Kind, komm, wovor ängstigst du dich? Fürchte doch nichts. Ich bin jetzt bei dir, ich bringe dich selber nach Hause – Spandauer Straße, nicht wahr?»
Nur ein stummes Nicken die Antwort, ein dankbar verwirrter, großäugiger Blick.
Er lächelte. Und dann, sich zu seiner vollen Höhe aufrichtend, sehr formell, ganz Königliche Hoheit, zur Matuschka: «Frau Gräfin, führen Sie Ihren Gatten fort! Ich werde die Demoiselle Schwester fortführen. Ich bedaure, aber Sie werden verstehn, daß ich mich jetzt empfehle.»
An seinem Arm, noch zitternd, doch schon seltsam getröstet, ging Wilhelmine Enke die Treppe hinunter.
Ein Geraune ging durch die Stadt, schöne Lippen tuschelten: Was zog den Thronfolger nur so oft nach der Spandauer Straße in ein minderwertiges, ganz obskures Haus? Da wohnte doch die Demoiselle Enke nicht mehr, die hatte ja den Grafen Matuschka eingefangen, wen besuchte er denn jetzt da? Neugierige Augen, Späherblicke.
Der Prinz glaubte sich von niemandem gesehen, durchaus unbeobachtet, wenn er mehr als einmal die Woche, sobald es völlig dunkelte und die Straße vereinsamt lag, an der Tür des Hornisten Enke den Klopfer rührte. Er hatte sein Zeichen: dreimaliges kurzes Klopfen. Ein ungeduldiges Klopfen – er mußte doch sehen, was sein Schützling machte. Er kam zu Fuß; er, der sonst so bequem war, hier war er es nicht. Ha, sie wußten es alle ja nicht, wie es ihn entzückte, die Kleine zu belehren! Es hatte einen nie sich erschöpfenden Reiz, das, was er selber gelernt hatte von Hofmeistern und ausgezeichneten Schulmännern, nun, selber ein Lehrer, in dies kluge Köpfchen hineinzugießen. Selbst das: ‹Leo est generosus , der Löwe ist großmütig› lernte sie wie zum Spaß; und auch: ‹Vulpes nunquam leonem viderat , der Fuchs hatte niemals den Löwen gesehen› – den Anfang der Fabel, die er einst mit vieler Mühe herausgestockert hatte, übersetzte die Wißbegierige aus dem lateinischen Lehrbuch bald ohne Stocken. Und auch: Ein Zentner, drei Pfund, sieben Lot kosten zwölf Taler achtzehn Groschen, sechs Pfennig, was kosten dreihundertsechzehn Zentner, achtundneunzig Pfund, fünfzehn Lot? – rechnete sie rascher aus als er.
Und wie bezaubernd sie das Französische sprach! Wenn sie sagte: «Je t’aime» , dann überlief es ihn. Sie sagte es harmlos, aber er ließ es sie so oft wiederholen, bis sie es nicht mehr harmlos sagte. Dieses Erröten, dieses die Wimpern Senken, daß sie wie dunkle Schatten auf den Wangen lagen, galt das ihm? Der in der Liebe Erfahrene, der längst kein Jüngling mehr war, den Vierzigern näher als den Zwanzigern, forschte wie ein Neuling. Vierzehn Jahre – konnte sie denn schon lieben? Er sah ihr in die Augen, die noch kindlich groß in die seinen blickten; aber versenkte sein Blick sich zu tief, schwimmend von Begehren, dann fing auch der klare Glanz ihrer Augen an, sich zu verschleiern, dann wurde ihr bis dahin offener Blick scheu – mußte er etwas verbergen? Es bebte der Mann vor Entzücken.
Es waren Unterrichtsstunden, die den Lehrer alles andere vergessen ließen: seine Familie – Gattin und Kinder – die Politik, die Rankünen des Alten in Sanssouci, an denen er es nicht fehlen ließ, jetzt weniger denn je. War dem ewig Nörgelnden vielleicht von seinen Spionen bereits hinterbracht worden, warum der Thronerbe die Regierungsgeschäfte, um die er sich wenigstens dem Schein nach in etwas gekümmert hatte, nun ganz außer acht ließ? Unmöglich! Wer von den wenigen Freunden, die um sein Geheimnis wußten, hätte ihm, dem Vielgeplagten, so lange schon auf den Thron Wartenden, nicht gern diese ihn so beglückende Zerstreuung gegönnt? Freilich, der Graf von Anhalt-Dessau hatte, ehe er, zur Gesandtschaft nach Petersburg kommandiert, abreiste, Worte fallen lassen, die wie eine Warnung klangen: «Ich habe Eure Königliche Hoheit in dieses Haus gebracht, es wäre mir leid, wenn dieses zu einem Ärgernis ausfallen würde. Leid um Ihrer selbst willen, leid um den ehrenwerten Enke, leid um meine alte Freundin, die Enkin. Am meisten leid um die Kleine. Sie ist ein goldiges Ding, das schon von klein an mich alten Sünder mit dem Netz ihrer Unschuld und Schönheit umstrickt hat. Aber mehr denn als Patenkind kann ich sie mir doch nicht in die Schuhe schieben lassen, wenn Sie, Prinz, vielleicht auch solches vermuten dürften. Nur Patenkind, auf meine Ehre als Kavalier und Soldat. Ich habe Wilhelminen als Kind Ihrer Gnade empfohlen – Königliche Hoheit, vergessen Sie nicht: Ihrer Gnade !»
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