Halb war es der Zauber ihrer kindlichen Anmut, halb das magische Kerzchengeflacker in der dunklen Küche, das den Grafen seltsam umstrickte. Er kam zudem von einem Gelage, bei dem es nicht gefehlt hatte an starken Getränken. Er nahm das Kind auf den Arm, und als die Mutter sagte: «Es ist heut ihr elfter Geburtstag», küßte er sie: «Da komm ich ja grade recht. Küß du mich auch, du süße kleine Puppe!»
Sie gehorchte, er war ja immer so gut; ihre Arme legte sie um seinen Hals und drückte unbefangen ihre frischen Lippen auf seine Wange. Er war entzückt: «Noch einmal! Noch einmal!» Konnte die kleine Puppe schon küssen!
Der andere sprach kein Wort, sah nur zu mit einem stummen Lächeln. Er hatte den nassen Mantel achtlos zu Boden fallen lassen, die Kopfbedeckung in einen Winkel geschleudert.
Ein großer, stattlicher, schöner Herr! Und mußte sehr vornehm sein, der Herr Graf war vertraulich, aber doch auch devot. Der klugen Enke dämmerte plötzlich etwas: Sollte das gar am Ende der Prinz selber sein? Von Statur war er’s, in den Schultern breit; und freundlich von Gesicht, leutselig sein Lächeln.
Sie kamen beide von demselben Fest, der Graf in Uniform, der Prinz sehr einfach, nur im schlichten blauen Frack. Aber einen Ordensstern hatte er auf der Brust. Der Frau zitterten die Knie: Er ist’s, ja, er ist’s! Sollte sie sich dumm stellen, sich lieber nichts merken lassen?
«Ich empfehle diese liebe Kleine Ihrer Gnade», sprach jetzt der Pate weinselig gerührt und reichte das Kind dem andern hinüber. Der nahm es auch auf den Arm: eine reizende Kleine! Wie unschuldig sie noch war, küßte mit offenem Mäulchen, wie die Kinder küssen, und war doch schon so weich und warm wie eine zärtliche kleine Frau.
Der Prinz küßte sie und sah ihr in die schönen Augen, die groß offen in die seinen blickten, ganz ernsthaft, mit einem tiefen Sichversenken. Höchst anziehendes Wesen – wie es ihm wohl ergehen würde im Leben? Gut, es mußte ihm gut ergehen, es wäre ein Jammer, sollte es verkümmern in Armseligkeit! Unwillkürlich schaute er sich um: nackte Wände, an deren Tünche im dürftigen Kerzengeflacker sich bald vergrößernde, bald verkleinernde Schatten zeigten, von unsichtbarer Hand hin und her geschoben. Alles im Raum alltäglich, nüchtern, die gewöhnliche Einrichtung der Kleinbürgersleute, gar nichts von Unheimlichkeit – und doch, war es nicht fast gespenstisch? Da – da an der Wand ein seltsamer Schatten – nein, zwei! Umrisse, die ineinander verschmolzen – ah, das war er ja selber und die Kleine! Er hielt sie noch auf dem Arm. Erschrocken setzte er sie nieder. Ihn fröstelte plötzlich, nach der Nässe draußen nun hier die Kälte. Und doch wurde es ihm schwer, sich loszureißen. Ein Jammer, wenn diese Kleine der älteren Schwester nachschlüge, wenn soviel Harmlosigkeit, Unschuld und Reiz angetastet würden von begehrlichen Händen! Man mußte sorgen für diese Knospe, daß sie sich unberührt entfalten konnte, aufblühen zu einer edlen Blume. Eine große Sentimentalität hatte den von Wein und nächtlicher Schwärmerei Überreizten befallen, es gab augenblicklich nichts Begehrenswerteres für ihn, als diese bedrohte Jugend zu retten. In einer gewissen Schwärmerei, von zärtlichen Erwägungen hingerissen, legte er seine Hand auf die Locken des Mädchens: «Ich werde deiner gedenken, mein Kind, du kannst auf mich zählen in deinem Leben. Ich sorge für dich!»
«Gehn wir denn noch nicht hinauf? Wie ich sehe, habe ich nicht zuviel gesprochen. Ein goldiges Ding, ja – aber kommen Sie jetzt, wir müssen hinauf!« Der Graf drängte, es dauerte ihm schon zu lange hier unten, Armeleutsgeruch war auf die Dauer nicht gut erträglich; hier in der Küche roch es zudem nach Zwiebeln und kalten Kartoffeln. «Matuschka erwartet uns, sie sind schon beim Jeuen. Und die Demoiselle oben hat auch ihre Reize – verteufelt schönes Weib! Kommen Sie, kommen Sie, Prinz!» Er schob seinen Arm unter den des andern, führte den noch immer Zögernden lachend hinaus.
Die älteste Enke hatte ihr Glück gemacht, sie war jetzt Gräfin Matuschka. Der Graf hatte sie geheiratet – warum auch nicht? Er war vermögend, Rußland war weit, und niemand redete ihm drein. Sie verstand auch mit viel Geschick zu repräsentieren, so, als wenn sie immer vornehme Gesellschaft bei sich gesehen hätte. Die Damenwelt hielt sich freilich anfänglich fern – man wußte doch: die Enke! – und nicht von Adel! Hochmütige Näschen rümpften sich; aber da die Herrenwelt sehr zahlreich dort vertreten war – Garde, elegante Kavaliere, hochgeborene Herren, man flüsterte sogar: der Kronprinz! –, fanden es die Damen nach und nach auch nicht mehr unter ihrer Würde, die Assemblees im Matuschkaschen Hause mit ihrer Gegenwart zu beehren. Man war zur Zeit nicht mehr so peinlich darauf bedacht, daß gewisse Schranken aufrechterhalten blieben. Der König war alt und grämlich und hielt sich fern in Sanssouci; außer den Hoffestlichkeiten mit ihrer steifen Prachtentfaltung und goldenem Tafelservice, auf denen es noch immer nach der vorgeschriebenen altpreußischen Rangordnung ging, gab es Feste, bei denen man sich weit besser amüsierte. Der leutselige Thronfolger, von dem man sich so viel versprach, ging darin mit gutem Beispiel voran, er liebte zwangloses Beisammensein und heitere Geselligkeit; wenn es auch zuweilen dabei etwas bunt zuging, was machte das, man war eben harmlos vergnügt. Ein freieres Wehen würde mit der neuen Regierungszeit über das altmodische Preußen kommen.
Matuschka war noch immer närrisch verliebt. Er war freilich ein wenig Barbar, trank sehr viel, spielte sehr viel und war sehr stolz auf die vielen Anbeter seiner Frau. Aber er hatte deren Mutter, der Frau Kammermusikus Enke, eine Rente von ein paar hundert Talern im Jahr ausgesetzt, darum nahm die Gattin ihm auch manches nicht übel. Nur wenn er mit der Peitsche knallte, dann flüchtete sie nach der Spandauer Straße, wo die Mutter sie tröstend in die Arme nahm.
Elias Enke lief dann verzweifelt auf und nieder, am liebsten hätte auch er seine Frau geprügelt: Sie, sie allein war schuld an der Ehe mit diesem Matuschka, der ein Trinker und Spieler war! Er ließ es nicht an Vorwürfen fehlen und so sehr ihm sonst die Frau überlegen war, so still war sie jetzt, gab kein Widerwort. Zuletzt weinten sie alle drei, bis Matuschka angerannt kam und sich seine Frau wiederholte. Er hatte es ja auch gar nicht böse gemeint, sie durfte doch nicht so empfindlich sein, in Rußland nahm keine dergleichen übel. Er küßte ihr die Hände, kniete vor ihr nieder, nannte sie einen Engel, sich einen Barbaren: «Da, nimm du die Peitsche, hau zu, hau zu!» Sie gab dann lachend dem armen Teufel einen Backenstreich, nahm ihn unter den Arm und zog versöhnt mit ihm ab.
Verdutzt blieben die Eltern zurück; auch sie waren oftmals kein einiges Ehepaar, aber so etwas ging ihnen doch übers Begreifen. Die Frau war die erste, die sich faßte: «Er ist ein Russ’, Enke! Lieber Gott, die sind alle so.» Aber Enke ließ keine Entschuldigung gelten, er war voll bitterer Bekümmernis: Zuviel, viel zuviel schon hatte er hingehen lassen, oh, hätte er niemals zugegeben, daß seine Älteste zum Theater ging, dann wäre sie ein anständiges Mädel geblieben, hätte einen braven Mann heiraten können, einen von der Kapelle oder einen Handwerker! Die Frau lachte ihm ins Gesicht: Dazu war ihre schöne Tochter denn doch wahrlich zu schade. Ein anderer Kavalier als dieser Matuschka, den sie so willfährig hereingelassen, wäre ihr freilich auch lieber gewesen, aber der Matuschka war trotz allem gutmütig, knauserte nicht mit dem Gelde, und das kleine Palais in der Mohrenstraße war auch nicht zu verachten. Sie redete der Tochter versöhnlich zu, wenn die sich beklagen kam, daß ihr Graf gar zuviel im Spiel verlöre. «So sind die Kavaliere alle, Spielen gehört zum guten Ton. Morgen gewinnt er ja wieder. Und du mußt immer bedenken, du bist Gräfin geworden.» So redete die verständige Mutter, aber der Vater war unverständig.
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