Er macht nicht den Eindruck, als wäre er sonderlich verärgert, peinlich berührt oder auch nur überrascht, weil er ein nacktes Mädchen in seiner Leichenhalle entdeckt hat. (Ich gehe davon aus, dass er hier arbeitet.) Vermutlich war er auf dem Heimweg von einem Salsakurs oder dergleichen und wollte nur noch mal kurz nach den Leichen sehen.
«Hi!» Ich lächle zurück und winke ihm aus unerfindlichen Gründen zaghaft zu. «Tut mir leid, ich …» Als ich merke, dass ich nicht erklären kann, was ich hier mache, verstumme ich. Stattdessen stelle ich eine Frage. «Arbeiten Sie hier?»
Er nickt und lässt den Blick mit einer Miene durch den Raum schweifen, die man nur als tiefe Zuneigung deuten kann. «Ja! Hier findet der ganze Zauber statt! Gefällt’s dir?»
«Äh … jep, es ist … toll!» Ich werfe einen flüchtigen Blick auf das tote Mädchen.
«Ach ja, das war bestimmt ein ganz schöner Schock.»
Ich lache. «Das können Sie laut sagen!»
Er lächelt, als wolle er mir versichern, dass es eine absolut vernünftige Erklärung gibt. Kein Grund zur Sorge. Gleich amüsieren wir uns darüber, und dann können alle wieder nach Hause gehen.
«Was es doch für Zufälle gibt?!», sage ich. «Wenn dieses scheußliche T-Shirt nicht wäre, könnten wir Zwillinge sein.»
«Allerdings!» Jetzt sieht er mich bekümmert an.
Vielleicht hätte ich die Kleidung des toten Mädchens nicht kritisieren sollen. Das war ein bisschen unsensibel, über so etwas macht man sich nicht lustig.
«Sie werden es mir nicht glauben», sage ich zu dem Mann und setze ein reumütiges Lächeln auf. «Aber ich weiß nicht mehr, wie ich hergekommen bin!»
Er runzelt seine makellose Stirn und neigt den Kopf. «Du bist gestorben, Darling. Wie soll man deiner Meinung nach sonst hier landen?»
Okay, nicht ausflippen! Sicherlich gibt es eine logische Erklärung. Bloß weil mir gerade keine einfällt, heißt es nicht, dass es keine gibt. Ich muss nur ruhig bleiben und atmen. (Aber wie soll das gehen, wenn ich tot bin?)
«Hier, trink das.» Die Hand, die mir das Wasserglas reicht, ist gebräunt und streckt sich aus einem blut roten Ärmel, der von einem Manschettenknopf in Form zweier gekreuzter Sensen zusammengehalten wird. «Flüssigkeitsmangel kann zum Problem werden, also trink möglichst viel Wasser.»
Ich sitze auf einem harten Kunststoffstuhl, wie es sie auch in unserer Schule gibt, und wähne mich kurz im Sanitätsraum. Ich rieche Desinfektionsmittel und andere fremde Gerüche, die nur in Arztpraxen und Kliniken vorkommen, doch in Wahrheit weiß ich, wo ich bin …
«Was ist passiert?»
«Du bist ohnmächtig geworden, Darling.»
Das kommt hin und wieder vor. Außerdem neige ich zu Panikattacken. Und manchmal muss ich mich übergeben. Ehrlich, meine Talente sind unerschöpflich.
Nachdem ich noch einen Schluck getrunken habe, sehe ich auf und blicke in ein gebräuntes Gesicht mit strahlend weißen Zähnen.
«Einfach nur atmen!», sagen die Zähne, und ich spüre eine beruhigende Hand auf meiner Schulter. «Du wirst dich noch ein Weilchen komisch fühlen. Das bringt das Sterben so mit sich.» Als der Mann glucksend lacht, hört es sich an, als würde etwas Festes, Klebriges durch den Ausguss gespült.
Ich nicke. «Geht schon. Ich wache bestimmt gleich auf.» Das wollte ich eigentlich nicht laut sagen.
Der Leichenbestatter seufzt. «Dabei lief es doch ganz gut.»
Mit zusammengekniffenen Augen schaue ich ihn an.
«Leugnung», sagt er. «Das kostet unendlich viel Zeit. Je eher du die Dinge akzeptierst, meine Liebe, umso schneller geht’s weiter.»
«Weiter? Sie haben mir gerade mitgeteilt, ich sei tot! Wo soll ich denn bitte hingehen?»
«Ich habe gesagt, dass du gestorben bist – von Totsein war keine Rede.»
«Da gibt es einen Unterschied?»
Der Mann lacht. «Das will ich meinen! Wenn du tot wärst, wäre unsere Unterhaltung recht einseitig, findest du nicht?»
«Ich bin also lebendig?»
«Und wie.»
Ich sehe an mir herunter, um zu prüfen, ob alles dort ist, wo es hingehört, und ich nicht mittlerweile verblasse oder so. Ich spüre, wie der Sitz aus Hartplastik in meine Beine schneidet und wie glatt und kalt das Wasserglas in meiner Hand ist. Ich kann aufstehen – okay, vielleicht doch nicht so eine gute Idee! – und mich wieder hinsetzen. Ich kann sprechen, und soweit ich das beurteilen kann, atme ich noch. Ich halte kurz die Luft an, nur um zu wissen, wie es sich anfühlt, erneut einzuatmen. Mir scheint, ich bin tatsächlich noch hier.
Aber sie auch, mein totes Ich.
«Und wenn ich lebendig bin, wer oder was ist sie dann?»
«Meine Güte, du stellst vielleicht Fragen!» Wieder lässt der sonnengebräunte Mann seine weißen Zähne aufblitzen. «Darling, ich fürchte, das arme Kind auf dem Rolltisch bist du.»
«Aber Sie haben gerade gesagt … Also, wie kann das Mädchen ich sein, wenn ich doch hier sitze und mit Ihnen rede?»
Das Lächeln schwächelt. «Es tut mir leid, aber ich habe keine Zeit für lange Erklärungen. Belassen wir es dabei, dass es auf der Welt nicht ganz so zugeht, wie man es dir weisgemacht hat.»
Witzig! «Das erklärt aber noch lange nicht, warum es mich doppelt geben kann!»
Der Leichenbestatter seufzt schwer. «Nichts für ungut, meine Liebe, aber du hast noch nicht ganz verstanden, worum es hier geht. An deiner Stelle würde ich mich darauf konzentrieren, dass es noch eine lebendige Ausgabe von dir gibt, und die Frage, die dir auf der Zunge brennen sollte, wäre: Das ist eine wunderbare Neuigkeit, Gerry. Was soll ich jetzt machen? »
«Gerry?»
«Sorry, habe ich mich etwa nicht vorgestellt? Wie unhöflich.»
«Sie heißen Gerry ?»
«Eigentlich Gerald, aber das klingt so offiziell, findest du nicht auch? Ich habe mich nie so richtig wie ein Gerald gefühlt … außer einmal …» Für einen kurzen Moment geht sein Blick glasig in die Ferne, doch dann blinzelt er und sieht mich an. «’tschuldigung! Wo war ich doch gleich?»
«Das ist eine wunderbare Neuigkeit, Gerry. Was soll ich jetzt machen?»
«Fantastisch!» Er klatscht in die Hände. «Du gehörst auf die Bühne! Falls du die nächsten vierundzwanzig Stunden überlebst, heißt das.»
«Wie bitte?»
«Ich gebe dir mehr oder weniger vierundzwanzig Stunden. So lange brauchst du eigentlich nicht, aber es erleichtert den Neustart, und warum sollte man es den Leuten unnötig schwermachen, nicht wahr? Das ist dir doch sicher auch klar. Hey, das ist ja das reinste Gedicht! Ich bin so was von begabt, stimmt’s?»
«Hilfe, jetzt mal langsam! Was heißt das, Sie geben mir vierundzwanzig Stunden? Um was genau zu tun?»
Jetzt funkeln seine Augen. «Du darfst die letzten vierundzwanzig Stunden deines Lebens wiederholen, aber diesmal solltest du versuchen, nicht zu sterben.»
Ich starre ihn an. «Sie meinen … wie eine Zeitreise?»
«Ha! Was für eine Vorstellung!» Gerry schüttelt den Kopf. «Nein – das, was du als Zeit bezeichnest, ist wohl leider nur ein menschliches Gerüst für Ordnung und Begrenzung und außerdem …» Er hält inne, um das passende Wort zu suchen. «Relativ.»
Mein Kopf wird ganz heiß, während ich all diese Informationen verarbeite.
«Gut, wie spät ist es jetzt?» Gerry zeigt auf eine Wanduhr, die mir bisher nicht aufgefallen ist. Meine Freundin Tash hat genau die gleiche in der Küche. Ihre Mutter hat sie bei Ikea gekauft.
«Fünf vor halb zwölf.»
«Aber in New York ist es erst fünf vor halb sieben.» Er lächelt. «Wenn wir nach New York fliegen würden, wäre das tatsächlich eine Zeitreise, weil wir eher ankämen, als wir losgeflogen sind.»
«Aber das sind nur … Uhren!»
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