Sehr verehrter Herr Schullehrer ,
die Bleistifte leisten mir gute Dienste, jetzt wo wir in Amerika sind. Wir sind gut in Kalifornien angekommen. In New York mussten wir lange auf ein Schiff warten, weil in Amerika Krieg ist .
Ich gebe diesen Brief einem Mann in unserem Wirtshaus mit, der morgen in die Heimat aufbricht. In Bremen oder Ham burg soll er den Brief zum Postamt bringen. Ich bitte Euch von Herzen. Gebt die beiden anderen Blätter an meine Eltern und an meine Schwester. Aber an Dora nur, wenn sie in der Schule ist .
Viele Grüße von Luise
Die beiden Zeilen darunter sehen so aus, als hätte das Mädchen sie im letzten Augenblick noch dazugekritzelt.
Und wenn Ihr Post von einer Elisa Hildebrandt bekommt, bitte ich höflich darum. Hebt den Brief auf, auch wenn er schlecht geschrieben ist .
Der Lehrer dreht das Blatt mehrmals um, als müssten irgendwo noch ein paar weitere Worte verborgen sein. Besondere Worte, die ihm allein gelten.
Luise. Das schlaksige Mädchen geht ihm nicht aus dem Kopf, seitdem er in der Schulstube von ihr Abschied genommen hat. Wochenlang hat er sich nach dieser letzten Begegnung Vorwürfe gemacht: Wie konnte er sich so vergessen? Niemals hätte er wagen dürfen, die Siebzehnjährige in seine Arme zu schließen!
Anfangs befürchtete er jeden Tag, der Bauer Ludwig könnte vor dem Schulhaus erscheinen, um ihn zu verprügeln und aus dem Dorf zu jagen. Weil er es gewagt hat, sich an seinem Töchterchen zu vergreifen. Doch nichts dergleichen geschah.
So schön war Luise an diesem Sonntagnachmittag gewesen! Hoffnungsfroh kam sie ihm vor und zugleich aufgewühlt und verängstigt. Kein Kind mehr, keine Schülerin, sondern ein richtiges Fräulein mit einem lustigen Grübchen im Kinn. Eine wie sie hätte Faber sich gerne zur Frau genommen. Früher, als er noch jung war. Inzwischen war es zu spät.
Warum hatte er sich bloß in den Kopf gesetzt, ihr ein Abschiedsgeschenk mitzugeben? Nachdem er im Wirtshaus gehört hatte, dass sie fortgehen würde, konnte er an nichts anderes mehr denken. Zwei Mal war er unter dem Vorwand, seine alten Eltern zu besuchen, nach Schulschluss nach Butzbach gelaufen, war stundenlang durch die Gassen des Städtchens gestreift und hatte die Auslagen der Ladengeschäfte betrachtet. Doch er konnte sich zu nichts entschließen.
Seiner ehemaligen Schülerin Wäsche zu schenken, kam ihm unpassend vor. Und ein Buch? Ein moderner Liebesroman durfte es natürlich nicht sein. Etwas Klassisches, ein Werk von Goethe oder Schiller? Das erschien ihm zu altväterlich.
Schließlich entdeckte er bei einem Buchbinder das Album und die Stifte. Das war es! Ein noch ungeschriebenes Buch, dessen Seiten sie mit ihren eigenen Erlebnissen und Eindrücken füllen könnte!
Luise hatte sich sichtlich darüber gefreut.
Inzwischen ist ihm nicht mehr so recht wohl bei der Sache, denn sein Geschenk bezeugt seine unpassende Zuneigung zu dem Mädchen.
Es wäre besser, die ganze Geschichte schnell zu vergessen. Doch die Sehnsucht, die das Mädchen entflammt hat, brennt noch immer in ihm.
Es weiß, dass es sich nicht gehört, auch die beiden anderen Briefe zu lesen. Aber er ist ganz allein in seiner Stube. Vorsichtig faltet er das zweite Blatt auseinander.
Lieber Herr Vater und liebe Mutter ,
wie geht es Euch? Mir geht es gut. Wir sind glücklich und gesund in Amerika angekommen. Von Hamburg nach New York ging es schnell, aber nach Kalifornien war es weit. Einmal hatten wir Sturm und ich war seekrank. Aber der Herr hat mich behütet .
Der Schneider ist ein guter Dienstherr. Bald reisen wir zu den Goldminen. Schneider sagt, die Arbeiter warten dort schon auf uns .
Bitte grüßt die Geschwister und den Oheim recht herzlich von mir und vergesst mich nicht .
Viele Grüße Luise
Behutsam streicht der Lehrer über das Papier. Es fühlt sich so warm und lebendig an, als hätte Luise den Bleistift gerade erst aus der Hand gelegt. Dann nimmt er das dritte Blatt mit dem längsten Brief in die Hand.
Liebe Dora
hoffentlich bist du nicht mehr böse mit mir, weil ich fort bin. Ich konnte dir nicht Lebewohl sagen, weil du auf dem Acker warst. Die Mutter hat dir bestimmt erzählt, dass ich nach Amerika in den Dienst gehe und in drei Jahren wiederkomme. Ich hoffe, du hast nicht zu viel Arbeit im Stall und auf dem Feld, seit ich weg bin und nicht mehr mithelfen kann. Vor allem wenn zu Michaelis die Schule wieder anfängt .
Ich weiß, du magst das Lernen nicht, aber lass dir von deiner großen Schwester etwas sagen. Bitte lerne soviel du kannst. Wenn du erst einmal ins Land gehst, kannst du alles gebrauchen. Ich war bis jetzt die meiste Zeit auf dem Schiff oder in einem Gasthaus. Aber alle sagen, es ist in Amerika besser als daheim. Ein Mädchen kann sich viel mehr aussuchen. Ob sie in Stellung geht oder heiratet. Junge Burschen gibt es genug. Und Frauen können viel mehr Berufe als Dienstmagd machen .
Am besten du fängst schon in der Schule mit der englischen Sprache an. Viele Leute sprechen es hier. Frag den Schulmeister, ob er ein Wörterbuch hat und dir beim Lernen helfen kann .
Weißt du noch, wie wir die Wiesen zum Fluss heruntergekugelt sind bis uns schlecht wurde?
Erzähle dem Vater nichts von meinem Brief. Wenn du mit der Schule fertig und konfirmiert bist, komme ich zurück. Vielleicht habe ich dann schon einen guten Mann mit einem schönen Haus in Amerika. Und du kannst mit mir gehen .
Viele liebe Grüße von Luise
Der Lehrer liest alle drei Briefe mehrmals durch. Dann weiß er, was er zu tun hat.
Er nimmt seine Jacke vom Haken, um dem Bauern Ludwig seine Post zu bringen. Sicher warten die Eltern schon lange auf Nachricht vom Töchterchen. Den Brief an Dora steckt er in das Geheimfach in seinem Pult.
Morgen früh wird er die erste Postkutsche nach Friedberg nehmen. Er erinnert sich noch genau an die Buchhandlung, in der er als junger Seminarist so oft war. Bestimmt kann er dort ein Lehrbuch für die englische Sprache kaufen.
Es wird jedenfalls nicht so weit kommen, dass die rotznäsige kleine Schwester von Luise danach verlangt, eine Sprache zu lernen, in der er nicht einmal „Guten Tag“ sagen kann.
Neuntes bis vierzehntes Kapitel
August bis Oktober 1863
Für ein paar Minuten sind sie mit Köberer allein im Saloon. Der düstere Gastraum, der nur von ein paar Öllampen beleuchtet wird, ist eigentlich nicht mehr als ein grob gezimmerter Bretterverschlag. In einigen Wochen wird er bereits wieder leer stehen. Kalter Wind wird dann über den Tanzboden in der Mitte des Raumes pfeifen und Schnee wird durch die Löcher im Dach herabrieseln. Wenn es Winter wird in den Bergen rund um den Lake Tahoe , bleibt kaum jemand freiwillig im Goldgräbergebiet.
Der Abend beginnt mit einem schrillen Quäken, Stöhnen, Pfeifen und Klingeln aus Köberers tragbarer Drehorgel. Luise kennt die fünf oder sechs Melodien, die er aus dem schwarzen Kasten herausleiert, längst auswendig. Schon vor dem ersten Ton weiß sie, welches Stück als nächstes erklingen wird.
Und doch erwacht mit dieser Musik für einen kurzen Moment wieder die Sehnsucht in ihr. Wie damals, in den Gassen von Langenhain, träumt sie von Amerika. Von einem Land, in dem sie in Wirklichkeit längst angekommen ist.
Kaum eine Woche waren sie in San Francisco, da saß Köberer schon beim Schneider in der Gaststube. Luise konnte den Alten mit dem schütteren Haar und der speckigen Jacke von Anfang an nicht leiden. Nichts an ihm sah so blendend schön aus, wie sie sich das Leben in Kalifornien vorgestellt hatte.
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