Bei den ersten Schwierigkeiten geben Menschen sehr schnell auf, aus mangelnder Frustrationstoleranz, aus mangelnder Stressverarbeitungskompetenz, aus mangelnder Selbstmotivation und ähnlichen Gründen. Sie wissen nicht, wie sie die vorhandenen Hürden überwinden können.
Um diese beschriebenen Probleme zu lösen, benötigen Lernende ein großes Ziel, das für die nötige Motivation sorgt. Außerdem ist ein Leitfaden notwendig, eine Art Navigationshilfe durch den Lernprozess, so dass selbstbestimmtes, autonomes Lernen möglich ist, das Ziel aber nicht aus den Augen verloren wird. Des Weiteren bedarf es gehirn-gerechter Lernhilfen, um die kleineren Hürden auf dem Weg zum Ziel zu überwinden, Lern-Werkzeuge, die wie ein Katalysator wirken, der die notwendige Aktivierungsenergie herabsetzt.
Diese Arbeit zeigt, was im Gehirn beim Lernen 1passiert und wie diese Erkenntnisse beim Planen des Lernprozesses bedacht werden können.
Es wird ein Leitfaden vorgestellt, der in sechs Schritten durch den Lernprozess führt, und untersucht, inwieweit neurowissenschaftliche Erkenntnisse darin ihren Niederschlag finden.
Des Weiteren wird exemplarisch gezeigt, ob und wie Lern-Werkzeuge aus neurowissenschaftlicher Sicht den lebenslangen Lernprozess als gehirn-gerechte Lernhilfen unterstützen.
Die zentrale Frage bleibt, ob der vorgeschlagene Weg durch den Lernprozess unter zu Hilfenahme gehirn-gerechter Lern-Werkzeuge den erwachsenen Menschen befähigt, selbstbe-stimmt, effizient und nachhaltig zu lernen.
2. Was passiert im Kopf beim Lernen?
In der Erwachsenenbildung geht es im Wesentlichen um die Vermittlung und den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten. Man kann davon ausgehen, dass die Persönlichkeit Erwachsener weitgehend gefestigt und Persönlichkeitsentwicklung somit nicht das Hauptziel ist. Dennoch besuchen nicht wenige Erwachsenen oft gerade deshalb Weiterbildungsmaßnahmen und Ausbildungen, weil sie etwas in ihrem Leben und damit auch sich selbst verändern möchten. Wenn sie dabei nicht ausschließlich autodidaktisch vorgehen, ist die Vorbildfunktion von Trainern, Coaches und anderen Lehrpersonen nicht zu unterschätzen und schon gar nicht der Einfluss, den man durch die Wahl der Inhalte der Veranstaltungen auf die Haltung der Teilnehmer nimmt.
Lernen ist ein Prozess. Als solcher erfordert er Zeit. Wenn es bei lebenslangem, selbstbestimmten Lernen um effizientes Lernen geht, bedeutet das daher nicht, in möglichst kurzer Zeit möglichst große Wissensmengen zu verschlingen, sondern den zur Verfügung stehenden Zeitraum optimal zu nutzen, so dass Lernen möglich ist, mit einem guten Gefühl einhergeht und das Ergebnis nachhaltig ist. Wiewohl Lernen für die meisten Erwachsenen nicht die Hauptbeschäftigung ist.
Vereinfacht gesehen, besteht Lernen aus Wahrnehmen (sensorischem Input), Einspeichern (Codieren oder auch Encodieren genannt) und Erinnern (Abrufen) und bei jedem dieser drei Schritte ist Optimierung eventuell möglich, vielleicht unter Zuhilfenahme neurowissenschaftlicher Erkenntnisse.
2.1 Impulsweiterleitung im Gehirn
Wahrnehmen kann mit allen Sinnen geschehen: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten (Fühlen), aufeinanderfolgend oder gleichzeitig. In der Regel nehmen wir Informationen über mehrere Sinneskanäle gleichzeitig auf. Eine solche Informationsverarbeitung ist ein sehr komplexer Vorgang, daher betrachten wir an dieser Stelle das Ganze komplexitätsreduziert an der Reizweiterleitung über ein einziges Sinnesorgan.
Folgen wir z. B. einem (nur) visuellen Reiz:
Dieser Hund in Abb. 1 taucht in unserem Sehfeld auf, die von ihm ausgehenden Photonen erreichen das Auge, die Retina und wenn hier an den entsprechenden Rezeptoren ein Aktionspotential ausgelöst wird, gelangt dieser Nervenimpuls durch den Sehnerv über den Thalamus an die Amygdala, einem wichtigen für die emotionale Bewertung von Reizen zuständigen Teil des limbischen Systems. Das limbische System ist ein sehr komplexes Netzwerk von zum Teil recht unterschiedlichen Zentren, welches das gesamte Gehirn durchzieht. Hier werden die Beschreibungen auf die für diese Arbeit notwendigen Informationen beschränkt.
Abb. 1: Weg eines visuellen Reizes in den ersten 100 ms
(in Anlehnung an: MÜLLER, M. (2017) S. 54)
Die basolaterale Kerngruppe der Amygdala ist eine wesentliche Eingangsstruktur für Informationen emotionaler Reize. Sie projiziert unter anderem in die zentrale Amygdala und den Cortex. Die Projektionen in den Cortex sind die Grundlage für das spätere Bewusstwerden der Gefühle2.
Über die Verbindung zum zentralen Kern der Amygdala werden in Hirnstammzentren autonome Reaktionen auf den eingegangenen Reiz eingeleitet, wie z. B. veränderte Herzschlagfrequenz, veränderter Blutdruck oder auch andere direkte Reaktionen des Körpers: schweißnasse Hände, Kloß im Hals, heiß oder kalt im Genick, Korsett um den Brustkorb, schnelle motorische Reaktionen wie Fuß auf das Bremspedal u.Ä.
Die Amygdala reguliert nicht nur Gefühle und körperliche Antworten darauf, sondern vermittelt ihre emotionalen Einflüsse auf die Aufmerksamkeit (etwas später) und Wahrnehmung. Diese eingegangene Information wird innerhalb von weniger als 100 ms durch Vergleichen mit bereits abgespeicherten Erlebnissen emotional bewertet. Ist dieses neue Ereignis von Bedeutung, wird auch dieser Sachverhalt hier abgespeichert.
In der gleichen Zeit gelangt der Impuls des visuellen Reizes vom Thalamus auch zum visuellen Cortex und auch von hier wird ein grobes Abbild mit dem gleichen Zweck der emotionalen Bewertung zur Amygdala weitergeleitet. Das alles passiert nicht bewusst in den ersten 100 ms.
Wie Abb. 2 zeigt, werden die Sinnesareale (hier visueller Cortex) aktiviert und das Bild wird aufgebaut. Auf einer etwas schnelleren ventralen Bahn (Was-Bahn) entsteht sukzessiv das Bild, das Objekt, immer noch unbewusst, und entlang einer dorsalen Bahn (Wo-Bahn) wird dieses verortet.
Abb. 2: Sensorische Verarbeitung in den ersten 100 ms
(in Anlehnung an: MÜLLER, M. (2017) S. 54)
In dieser nichtbewussten Phase der sensorischen Verarbeitung von Sinnesreizen werden diese nach Bekanntheit und Wichtigkeit bewertet. Je neuer und wichtiger ein Ereignis eingestuft wird, umso intensiver wird es in der bewussten Phase der Aufmerksamkeit verarbeitet.
Erst nach ca. 300 ms wird das Bild mit den im Temporallappen vorhandenen Netzwerken abgeglichen (Abb. 3). Im Frontallappen wird das Bild kurzfristig aufrechterhalten (Kurzzeitgedächtnis).
Abb. 3: Bewusstsein nach ca. 300 ms
(in Anlehnung an: MÜLLER, M. (2017) S. 54)
Das ist ein energieintensiver Schritt, hoher Sauerstoffverbrauch und viel Zucker für den Hirnbetrieb-Stoffwechsel, die Speicherkapazität ist gering, daher wird nur ein Ausschnitt aus unserem Sehfeld aufmerksam betrachtet (siehe dazu auch 2.3. Aufmerksamkeit und 2.4. Arbeitsgedächtnis).
Diese bisher nur visuelle Räpresentation wird mit Hilfe im Temporallappen gespeicherter Netzwerke sprachlich kodiert
(Abb. 4).
Abb. 4: Sprachliche Codierung nach ca. 500 ms
(in Anlehnung an: MÜLLER, M. (2017) S. 55)
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