Thomas Blubacher - Gustaf Gründgens

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Kein anderer war in der deutschen Theaterlandschaft über Epochen und Systeme hinweg so präsent wie der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens (1899–1963). Auch 50 Jahre nach seinem Tod polarisiert der Künstler nicht zuletzt wegen seiner kontrovers diskutierten Rolle im Dritten Reich. Gründgens' anhaltende Bedeutung zeigt sich auch in der großen Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen, Romane und Theaterstücke, die sich mit ihm und seinem Leben beschäftigen. Was die Biografie des Gründgens-Experten Thomas Blubacher aus diesen Werken heraushebt, ist die Fülle an neuen biografischen Details, die der Theaterwissenschaftler in akribischer Recherche und durch zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen herausgefunden hat. Seine lebendige Darstellung des «Mythos GG» ist somit das Porträt eines erstaunlich unsicheren, an sich selbst verzweifelnden, zutiefst einsamen Menschen. Blubacher zeigt, was häufig in Vergessenheit gerät: Gustaf Gründgens ist weit mehr als Mephisto, seine bekannteste Rolle.

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Seinen letzten Auftritt in Eckernförde hat Gründgens am 16. August 1923 in Max Mohrs im Jahr zuvor höchst erfolgreich uraufgeführtem Bühnenerstling IMPROVISATIONEN IM JUNI. Als neunte Rolle in nicht einmal acht Wochen spielt Gründgens den berühmten Improvisator Adam Zappe, von dessen Kunst man sich die Heilung eines schwermütigen jungen Mannes erhofft – eine Rolle, in der er alle schauspielerischen Register ziehen kann: »Der Stil, der Stil, meine Herren! Soll ich katholisch oder diabolisch anheben, soll ich allumfassende Liebe oder zerwuchtenden Haß aufklingen lassen, soll ich endlich die Tempel meiner Kunst mit indischen, französischen, russischen, jüdischen oder amerikanischen Parfüms durchwehen?« 58Wenig überraschend heißt es tags darauf in der Eckernförder Zeitung , er habe »den vielen hiesigen Freunden seiner mimischen Virtuosität« neue hinzugewonnen. Überraschender ist dagegen die Besetzung des melancholischen Jan Mill mit Hanns Böhmer, der nur für diese eine Aufführung in Eckernförde gastiert, »wobei ihn seine weiche, wie aus Traumland herüberklingende Stimme wirkungsvoll unterstützte« 59. Da Böhmer durch ein Engagement in München bestens versorgt ist, dürfte dieses vielleicht durch Gründgens vermittelte Gastspiel kaum eine Benefizaktion für den einstigen Freund gewesen sein. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, daß sich die beiden vorübergehend wieder angenähert haben, doch ist kein Brief, der das belegen könnte, erhalten …

Die wichtigste Rolle im privaten Leben des 23jährigen Gründgens spielt seit geraumer Zeit auch jemand anders: »[…] nun bist Du bald ›Schwiegermama‹. Immer neue Würden!«, teilt er seinem »lieben, süßen Muttchen« mit. Gründgens plant zu heiraten. Die Auserwählte ist seine Kollegin Erna Heicke 60, die er in Kiel kennengelernt hatte. »Glaub’ mir, es ist schon das beste. Seit ich mich dazu entschlossen habe, bin ich wie verwandelt; ruhig und zufrieden. Ich schicke Dir bald viele Bilder vom Heikchen. Ich wollte, Du hättest sie schon bei Dir, Du wirst sie sehr lieb haben, weil sie so ein herrlicher natürlicher Kerl ist. Und viel Schweres hat das liebe Ding schon mitgemacht. Und jetzt wollen wir uns aneinander ruhig und gesund machen. Du prophezeitest mir ja immer eine rabenschwarze Jüdin – aber nun ist es doch ein dunkelblondes Geschöpfchen geworden und so zierlich, daß man meinen könnte, man brauche bloß zu pusten, dann fiele sie um, aber die sind ja bekanntlich die stärksten. Geld hat sie soviel wie ich, nämlich nichts, aber jung ist sie und Talent hat sie für zehn. Ich will sie in Hamburg schon unterbringen. […] Wir wollen nun auch mit der Hochzeit nicht mehr zögern; wir kennen uns ja nun über zwei Jahre. Besorge mir doch umgehend meinen Geburtsschein, den brauche ich nämlich beim Standesamt.« 61Gründgens macht sich unterdessen daran, eine möblierte Dreizimmerwohnung in Hamburg zu suchen. Und es gelingt ihm tatsächlich, den Direktor der Hamburger Kammerspiele für die Kollegin zu interessieren. Doch einmal mehr verläuft das Leben nicht so verläßlich wie eine akkurat geprobte Theaterinszenierung, denn Erna Heicke ist nun doch nicht bereit, ihr Kieler Engagement aufzugeben: »Es war alles perfekt, sie brauchte nur zu kommen und wär engagiert worden; sie schreibt, hol mich ab; ich gehe zur Bahn, sie kommt nicht. (Bedenk’ was alles auf dem Spiel stand! Karriere, Heirat, alles.) Sie schreibt auch nicht; 14 Tage nicht; dann auf einen erstaunten und entrüsteten Brief von mir: Sie sei krank gewesen; weiter nichts«, klagt Gründgens seiner Mutter. »Was soll ich tun; jetzt ist eine andere engagiert. Nu – abwarten. Ich bitte Dich inständig, Mutter, ihr nicht zu schreiben. Ich will erst klar sehen. Schluß davon. Es könnte mir gesundheitlich besser gehen, das Herz rebelliert gegen meinen Lebenshunger.« 62

7. Der Monokelprinz

Seinen »Lebenshunger« kann Gründgens in Hamburg zweifellos stillen. Hatten ihn in Kiel seine »antiprovinzielle Erscheinung und seine exzentrische Individualität […] in dieser bürgerlichen Stadt zu einem umstrittenen Sonderfall« 1gemacht, wie Hans Söhnker rückblickend meinen wird, so bietet Hamburg mit über einer Million Einwohnern ein ganz anderes Umfeld. Es ist in den 20er Jahren ein Mittelpunkt moderner Kunst, nicht mit Berlin vergleichbar, aber alles andere als provinziell, und hat als Hafenstadt internationales Flair. »Im chinesischen Restaurant sangen sie beim Tanzen, die ganze Belegschaft, einstimmig und brausend – eine kleine Blonde hatte eine Kehle aus Blech – es klang wie aus einer Kindertrompete. Südamerikaner tanzten da und Siamesen und Neger. Die lächelten, wenn die kleinen Mädchen kreischten. Ich suchte, ob die Somali von Hagenbeck Vertreter entsandt hätten – aber so schön war hier niemand« 2, heißt es in einem Feuilleton von Peter Panter alias Kurt Tucholsky. Und der englische Schriftsteller Stephen Spender beschreibt die Atmosphäre so: »Flache Häuser, Expressionismus, atonale Musik, Schwulenkneipen, Nacktkultur […]. Das Mondäne überdeckte alles. Es war leicht, modern zu sein. Man brauchte sich nur auszuziehen.« 3

Hier stört sich kaum jemand daran, wenn ein junger Schauspieler wie Gründgens sein Bohemeleben exaltiert zur Schau stellt. Er trägt am liebsten einen langen, schon etwas schäbigen Ledermantel, im Gesicht ein silbernes Monokel, mitunter auch derer zwei – gleich ein halbes Dutzend besitzt er davon. So rast er auf dem Sozius von Paul Kemps Motorrad durch die Stadt, und so frequentiert er nicht nur die »HaKa« genannte Theaterkneipe der Kammerspiele, den bevorzugten Intellektuellen- und Künstlertreffpunkt der Stadt – vergleichbar dem Café du Dôme in Paris oder dem Romanischen Café in Berlin –, wo viele, unterhalten vom Klavierspiel des jungen Peter Kreuder und den Chansons, die Gründgens gelegentlich darbietet, am liebsten die günstigen Bratkartoffeln mit Senf essen und trotzdem anschreiben lassen müssen. Er verkehrt auch in den einschlägigen Hafenkneipen und Nachtlokalen St. Paulis, im Ballhaus Alkazar in der Reeperbahn 110 etwa, einem der großen Varietés auf der Meile, in dem auch die Nackttänzerin Anita Berber auftritt, oder in der Scala am Schulterblatt, in der die ebenso skandalträchtige Celly de Rheydt (alias Cäcilie Schmidt aus Rheydt bei Mönchengladbach) gastiert. Besonders gerne besucht Gründgens das im Keller der Großen Freiheit 10–12 gelegene Hippodrom, wo ein Stallmeister die Pferde traben läßt, die die Besucherinnen gegen einen Obolus reiten dürfen und auf denen sich manche Huren zum Kundenfang nackt präsentieren 4– nur manchmal freilich, nicht immer: »Es waren nicht nur Nachtbräute da, auch Tagesdamen und Familien mit Schwägerin, Tante und Großmama, denn es war Sonnabend« 5, berichtet Tucholsky. Im 1944 gedrehten Film GROßE FREIHEIT NR. 7 tritt Hans Albers in diesem Hippodrom als singender Seemann auf, 1961 werden in diesem Gebäude die Beatles spielen. 6Doch Gründgens, »ein verhätscheltes Kind, ein Monokelprinz – ein gefährlich Wissender« 7, pflegt nicht nur den Geist des épater le bourgeois , er experimentiert mit seinem Image, sucht sein Selbstbild, ja er scheint geradezu pubertär eine zweite Adoleszenz zu durchleben. Den Eltern in Düsseldorf berichtet er: »Mich packen alle Erschütterungen und alle Jubel stärker. Ich liebe schmerzlicher und bekomme tiefer Liebe. Ich lebe und muß leben in den Extremen. Die Mitte bietet keine Luft, in der ich atmen kann. Mein Glück ist tiefer, reiner und schöner und mein Unglück ist verzweifelter, hoffnungsloser und qualvoller. Ich erlebe in einer Stunde mehr, als mancher in seinem Leben. Dabei stürze ich mich nicht herein, es drängt sich an mich. Und so bin ich in meinem Glück unglücklich und in meinem Unglück glücklich. Doch das Wesentlichste ist, ich bin zufrieden (zufrieden damit, daß ich ewig unzufrieden bin). Es lebe die Unlogik des Denkens. Es lebe die Logik des Gefühls. Es lebe die Individualität des Einzelnen.« 8

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