Fünf Wochen zuvor war der 48jährige Max Alberty in der Nacht auf den 15. März 1922 völlig überraschend an einem Herzinfarkt verstorben. Gründgens, dem Alberty eine weitere Spielzeit in Kiel, nun sogar mit einer Jahresgage von 30000 Mark und den Hauptrollen in Franz Werfels Verstrilogie SPIEGELMENSCH und in Schillers FIESCO, angeboten hatte (»Diesen beiden Aufgaben kann doch kein Menschen widerstehen, nicht?« 23so Gründgens damals), muß sich nun eine neue Verpflichtung suchen. Als sich die Aussicht auf »eine glänzende Position mit einer Riesengage« 24an den von Saladin Schmitt geleiteten Vereinigten Stadttheatern Bochum-Duisburg zerschlägt, entschließt er sich relativ kurzfristig zu einem weit weniger prestigeträchtigen Engagement am Theater in der Kommandantenstraße in Berlin, denn dorthin geht als Oberspielleiter Clemens Schubert, und mit ihm wechseln auch die Schauspieler Florian Kienzl und Elisabeth Bechtel. 25Am 2. Juni unterzeichnet Gustaf Gründgens seinen vom 15. Juli 1922 bis zum 31. Mai 1923 gültigen »Normalvertrag«, zehn Tage später gibt der »eigenwillig begabte Künstler« 26in der Titelrolle von Friedrich Sebrechts Tragödie KLEIST 27seine Kieler Abschiedsvorstellung.
In Berlin erhält Gründgens für seine Tätigkeit als jugendlicher Bonvivant und Charakterspieler eine Monatsgage in Höhe von 5000 Mark, doch das ist angesichts der Inflation keineswegs viel. Allein für eine Mahlzeit muß er mit 35 bis 45 Mark rechnen, für das möblierte Zimmer, das er ab 1. August gemietet hat – zuvor kommt er für eine Nacht bei seinem Kollegen Kienzl, dann bei einem Freund von Schubert unter –, bezahlt er 1000 Mark. Es liegt in der Wohnung der Architektenwitwe Wally Langer-Wagner im vierten Stock der Augsburger Straße 54, nur wenige Häuser entfernt von einem der bevorzugten Theaterlokale, in dem Stars wie Emil Jannings, Fritzi Massary und Conrad Veidt ebenso verkehren wie die vielen, die es noch nicht geschafft haben: der Bierstube von Änne Maenz, Berlins populärster Künstlerwirtin, die immer bereit ist, einen mittellosen jungen Schauspieler mit ihren berühmten Bouletten durchzufüttern. »Ehe man in Berlin die billigen Lokale ausfindig gemacht hat, vergeht eine Menge Zeit«, berichtet Gründgens seinen Eltern und klagt etwas selbstmitleidig über die »unbarmherzige, kalte, grausame Stadt« 28. Noch vor Probenbeginn wird die erste Teuerungszulage von 2000 Mark bewilligt. Rasch klettert die Gagensumme in eine astronomische Höhe, reicht aber dennoch nie zum Lebensunterhalt aus; die Inflation wird denn auch Hauptgrund für das Scheitern des ambitionierten Theaterunternehmens sein. Der neue Unterpächter des zur Metropol-Theater AG gehörenden Theaters in der Kommandantenstraße ist »ein Doktor Poell unbekannten Ursprungs« 29, wie Alfred Döblin im Prager Tagblatt kolportiert. Der ehemalige Innsbrucker Zahnarzt Eugen Poell hat, um das Theater übernehmen zu können, seine wertvolle Briefmarkensammlung im Ausland gegen Devisen versilbert – wohl vor allem seiner Freundin zuliebe, der Schauspielerin Ebba Maran, die sich am Theater in der Kommandantenstraße profilieren soll. Er selbst ist völlig theaterunerfahren, das südlich der Stadtmitte gelegene Haus mit 800 Zuschauerplätzen, 1906 durch die Brüder Herrnfeld erbaut, indes keineswegs eine Kleinbühne. Bis 1916 hatten diese deutsch-jüdische Milieustücke und Komödien in jiddischer Sprache gezeigt, von 1921 bis März 1922 hatte die »Wilnaer Truppe« in dem vorübergehend Jüdisches Künstlertheater benannten Haus gastiert – von 1935 bis 1941 dient das baufällige Gebäude in der Kommandantenstraße 57 dem Jüdischen Kulturbund als Zufluchtsstätte und wird 1944 zerstört, seine Ruine 1953 gesprengt. 30Neben Clemens Schubert, dem die Oberspielleitung obliegt, ist der auch als Schauspieler wirkende Friedrich Lobe als Regisseur verpflichtet, Schuberts Freund Fritz Gabsch fungiert als »musikalischer Beirat«. Erklärtes Ziel ist es, eine moderne literarische Bühne zu gründen. 31»Das Programm ist […], wenn auch ungeschrieben klar: deutsche Kunst, literarische Bemühtheit«, kommentiert Alfred Döblin. »Es sind lauter abseitige, leicht (Verzeihung) provinzmäßige, nicht großstädtische Größen. Heimatkunst […].« 32
Als Weislingen in Goethes Götz von Berlichingen, Vereinigte Städtische Theater zu Kiel, 1921
© Theatermuseum Düsseldorf
In einer Art Vorsaison zeigt man zunächst den Schwank LIEBE UND TROMPETENBLASEN von Hans Sturm und Hans Bachwitz, die man gerne auch als »Literaturfabrikationsfirma Sturm & Bachwitz« bezeichnet. Gründgens gibt darin am 4. August 1922 sein Berlin-Debüt in der Rolle des Karlstadt, klagt aber den Eltern: »Die Proben waren gräßlich; ich habe doch nicht die richtige Einstellung zu so leichter Ware.« 33Am 12. September wird die »Winterspielzeit« dann offiziell mit Wilhelm Schmidtbonns ebenso pathetischem wie lyrischem Schauspiel DER GESCHLAGENE eröffnet, das bis 25. Oktober auf dem Spielplan steht. Der Regisseur des Abends, Clemens Schubert, verkörpert zugleich die Titelrolle des bei einem Absturz erblindeten Fliegers Josef Wacholder, der mit dem Argwohn, seine Frau könne ein Verhältnis mit seinem Bruder David beginnen, die ganze Familie martert; Gründgens ist nur im letzten Akt als blind geborener Johannes Pracht zu sehen. Die zweite Premiere am 20. September gilt Friedrich Lienhards Schelmenspiel DER FREMDE, vereint an einem Doppelabend mit Franz Johannes Weinrichs Tanzpoem DER TÄNZER UNSERER LIEBEN FRAU mit Gründgens in der Titelrolle eines Spielmanns, der aus Verehrung für die Mutter Gottes zum Bruder Simplizius wird und sich vor dem Marienbild in Tod und ewige Seligkeit tanzt. Die Kritik ist uneins angesichts der ersten nennenswerten Aufgabe für Gründgens in Berlin: Paul Wiegler hält ihn für »nicht untalentiert« 34, Fritz Engel meint sogar, Gründgens sei »gut in Sprache und Rhythmus« 35gewesen, Ludwig Sternaux hingegen, er habe »mit viel hohlem Pathos Moissi nachgestümpert« 36und könne zudem nicht tanzen. In Adolf Pauls Komödie DIE SPRACHE DER VÖGEL, die am 5. Oktober Premiere hat, spielt Gründgens den zentralen Part des Sabud, der die Freundschaft des Königs Ealomo den Launen einer Frau zuliebe preisgibt.
Parallel dazu tritt Gründgens ab Mitte September fünf Monate lang spätabends im Cabaret Größenwahn auf, dessen Domizil sich unweit seines möblierten Zimmers am anderen Ende der Augsburger Straße befindet: an der Ecke von Kurfürstendamm und Joachimstaler Straße (dem heutigen Kranzler-Eck), eine Etage über dem ehemaligen Café des Westens – allgemein Café Größenwahn genannt –, das von 1898 bis 1915, von Literaten, Journalisten, Künstlern, Musikern und Theaterleuten frequentiert, vielen Bohemiens als eine Art Heimat gedient hatte. Die Schauspielerin und Diseuse Rosa Valetti, »häßlich wie die schwarze Nacht und platzend von lichtstarker Persönlichkeit« 37, so ihre Kollegin und Konkurrentin Trude Hesterberg, hatte das politisch-literarische Cabaret, das einen Hauch Montmartre nach Berlin bringen sollte, Ende 1920 als eine entschiedene Kampfansage an Philistertum und politische Reaktion gegründet. Im Größenwahn waren Valettis Bruder Hermann Vallentin, Kurt Gerron und Paul Morgan aufgetreten, hatten Blandine Ebinger Friedrich Hollaenders LIEDER EINES ARMEN MÄDCHENS und Kate Kühl Chansons von Aristide Bruant und Frank Wedekind vorgetragen. Nun steht hier – kurz bevor die Valetti nach nur zwei Jahren die Leitung wieder abgibt – in Kniehosen, einem Hemd mit Schillerkragen, den Rucksack geschultert und das Schmetterlingsnetz in der Hand auch der Berlin-Neuling Gründgens auf dem Podium. Vermittelt hat das Engagement der Bühnenbildner Edward Suhr, man kennt sich vom Schauspielhaus Düsseldorf her. Für ein abendliches Honorar von zunächst 200 Mark – was dank der Inflation nicht einmal mehr fünf amerikanischen Cents entspricht, das deutsche Briefporto beträgt zu dieser Zeit sechs Mark – trägt Gründgens eine selbstverfaßte Wandervogelparodie 38mit dem Titel DER NEUE MENSCH ODER HAB SONNE IM HERZEN! 39vor. Vertont hat sie Theo Mackeben, der 15 Jahre später auch die Musik zum Gründgens-Film TANZ AUF DEM VULKAN samt dem noch heute oft gespielten Chanson DIE NACHT IST NICHT ALLEIN ZUM SCHLAFEN DA komponieren wird. »Der bekannte Führer der Jugendbewegung, Hans Blüher 40, der sich einst unter der Mimikry begabter psychoanalytischer Philosophie das Vertrauen einer großen Anhängerschaft erschlich, war, nachdem er die Maske lüftete und sich als pseudowissenschaftlicher Antisemit und ›Entlarver der jüdischen Mimikry‹ entpuppte, längst reif zur Verwertung als komisch-traurige Figur für das intellektuell interessierte Cabaret. Das ›Größenwahn‹ hat ein unbestreitbares literarisches Verdienst dadurch erworben, daß es jetzt in einer erquickend-komischen Szene Blüher, den Begriffsmythiker, Flaischlen 41, den Sonnen-Naivling, und die ganze lautenklimpernde, wadenstrumpfbedeckte teutonische Wandervogelei verspottete. Gustav Gründgens hat diesen witzigen Dialog verfaßt und spielt ihn grotesk-parodistisch mit Else Ehser« 42, lobt die B. Z. am Mittag . Gründgens erregt damit weit mehr die Aufmerksamkeit des verwöhnten und kritischen Berliner Publikums als am Theater in der Kommandantenstraße.
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