Thomas Blubacher - Gustaf Gründgens

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Kein anderer war in der deutschen Theaterlandschaft über Epochen und Systeme hinweg so präsent wie der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens (1899–1963). Auch 50 Jahre nach seinem Tod polarisiert der Künstler nicht zuletzt wegen seiner kontrovers diskutierten Rolle im Dritten Reich. Gründgens' anhaltende Bedeutung zeigt sich auch in der großen Zahl der wissenschaftlichen Untersuchungen, Romane und Theaterstücke, die sich mit ihm und seinem Leben beschäftigen. Was die Biografie des Gründgens-Experten Thomas Blubacher aus diesen Werken heraushebt, ist die Fülle an neuen biografischen Details, die der Theaterwissenschaftler in akribischer Recherche und durch zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen herausgefunden hat. Seine lebendige Darstellung des «Mythos GG» ist somit das Porträt eines erstaunlich unsicheren, an sich selbst verzweifelnden, zutiefst einsamen Menschen. Blubacher zeigt, was häufig in Vergessenheit gerät: Gustaf Gründgens ist weit mehr als Mephisto, seine bekannteste Rolle.

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Gustaf Gründgens im Kostüm des Geisterbeschwörers aus Shakespeares Komödie der - фото 10

Gustaf Gründgens im Kostüm des Geisterbeschwörers aus Shakespeares Komödie der Irrungen, Hamburger Kammerspiele, 1923

© Theatermuseum Düsseldorf

Sein Hamburger Debüt gibt der 23jährige Gründgens, der seit dem Abschluß seiner Schauspielausbildung vor drei Jahren über 80 verschiedene Rollen gespielt und sich große Routine erworben hat, am 8. September 1923 »in einer glänzenden Rolle« 23, wie er selbst findet, nämlich als Aloysius Wolkenwind in Hugo Wolfgang Philipps grotesker Tragödie DER CLOWN GOTTES. Zu Jahresbeginn 1923 an drei Häusern gleichzeitig uraufgeführt, hat sie sich rasch zu einem der erfolgreichsten Theaterstücke auf deutschen Bühnen entwickelt und den Autor quasi über Nacht zum Star der Literaturszene gemacht. Der erfolglose Maler Wolkenwind, seit langem von Schulden bedrückt und von Gläubigern bedrängt, kapituliert vor einer kunstfeindlichen Gesellschaft, indem er seine künstlerische Existenz selbst auslöscht: Er besorgt sich die Papiere des verstorbenen Hieronymus Siebenkäs und schiebt die seinen dem Toten unter. Doch dann wird er als Mörder Wolkenwinds – also als Mörder seiner selbst – zum Tode verurteilt. Am Schluß kriecht der vermeintliche Delinquent unterm Schafott hervor und erhebt sich als Prometheus. Regie bei dieser Tragigroteske um den Stellenwert der Kunst, die Individualität des Künstlers und das Überleben des Einzelnen in einer menschenfeindlichen Welt führt der Gründgens aus vielen Arbeiten vertraute Clemens Schubert, den Staatsanwalt gibt Karl Zistig, bei dem der Soldat Gründgens einst einige Schauspielstunden genommen hatte. Die Presse lobt den »verheißungsvollen« 24Neuzugang, »der sich hier mit einer imponierenden Leistung zeigen konnte, der neben einer puppenhaften Sprache gelenkiger Gliedmaßen auch über den einfachen Menschenschrei jenseits aller Rednerei verfügt« 25. Acht Tage später übernimmt Gründgens den Grafen in Arthur Schnitzlers skandalträchtigem REIGEN, dann folgen zumeist kleinere Parte, immerhin aber auch – »komisch durch die Bewegungen, Gesten, Gebärden, durch das Augenrollen, das Schlenkern der langen Arme und Beine« 26– die Titelrolle in Paul Kornfelds Charakterkomödie PALME ODER DER GEKRÄNKTE und der Schauspieler Albert Becher in Paul Apels heiterem Traumspiel HANS SONNENSTÖßERS HÖLLENFAHRT. 1936 wird das Stück in Gründgens’ Bearbeitung und Inszenierung, mit Chansons versehen und mit ihm selbst in der Titelrolle einer der größten Erfolge am Berliner Staatstheater. Gründgens, durchaus zufrieden, »eine sehr, sehr schöne Stellung […] gefunden zu haben«, charakterisiert seine schauspielerische Entwicklung selbst so: »Also als Typ: ein etwas neurasthenischer Henckels mit jugendlichem Bonvivant-Einschlag« 27. Weiß er, was er mit dem Hinweis auf die Modekrankheit Neurasthenie (eine erhöhte Reizbarkeit und herabgeminderte Leistungsfähigkeit der Nerven aufgrund der Überlastung durch geistige Tätigkeiten) bekennt? Für Sigmund Freud zählt diese zu den Aktualneurosen, die durch eine inadäquate Verarbeitung der Libido verursacht werden, wesentliche Symptome sind Schlafstörungen und Kopfschmerzen – wenige Jahre später die Probleme, die Gründgens am meisten belasten.

Schon in seiner zweiten Spielzeit entwickelt sich Gründgens zu einem »Senkrechtstarter«, wie ihn die Stadt lange nicht gesehen hat. Er darf sich auch in Hamburg als Regisseur versuchen und inszeniert – mit dem berühmten Albert Steinrück als Gast – Octave Mirbeaus Boulevardstück GESCHÄFT IST GESCHÄFT, das am 26. August 1924 Premiere hat; noch in derselben Saison führt er unter anderem Regie bei Georg Kaisers KOLPORTAGE mit sich selbst in der wirkungsvollen Rolle des Acke, bei Shaws Komödie HELDEN, in der er einen sarkastischen Bluntschli gibt, und – mit sich als Dr. Jura – bei Hermann Bahrs KONZERT, einem Stück, das ihn bis ans Lebensende begleiten wird. Er zeichnet unter Ziegels Regie den Junker Andreas von Bleichenwang in Shakespeares WAS IHR WOLLT als lächerlichen Korpsstudenten mit Reitpeitsche und Monokel und spielt – zwei Tage nach der Uraufführung des Stückes in Meißen – mit tänzerischer Anmut und der Freude darüber, auf der Bühne endlich einmal »schön« sein zu dürfen, den Prinzen Pao in Klabunds KREIDEKREIS. Die Rolle der Haitang, gespielt von Lilly Eisenlohr, wird in der kommenden Spielzeit in einzelnen Aufführungen Elisabeth Bergner übernehmen, in Berlin eine »Sensation«, in die die ganze Stadt vernarrt ist, knabenhafte femme enfant und verführerische femme fatale zugleich. Auch in ihrer gefeierten Rolle als Rosalinde in Shakespeares WIE ES EUCH GEFÄLLT wird die Bergner in Hamburg gastieren. Solche Rollengastspiele sind an der Tagesordnung: Bereits 1924 hatte Gründgens in Leonid Andrejews Stück DER GEDANKE mit Paul Wegener und in Schnitzlers Einakter GROßE SZENE mit Albert Bassermann gespielt, dem wohl bedeutendsten realistischen Darsteller des frühen 20. Jahrhunderts. 1927 wird die als Stummfilmdiva gefeierte Maria Orska, die als Morphinistin berüchtigte Exfrau des Bankiers Hans von Bleichröder, seine Partnerin in Georges de Porto-Riches GERMAINE sein. Gründgens wiederum gastiert als Pao in Lübeck und in Oldenburg als Jaques in WIE ES EUCH GEFÄLLT.

Franz Werfels »magische Trilogie« SPIEGELMENSCH, die am 13. Dezember 1924 an den Hamburger Kammerspielen unter der Regie des Oberspielleiters Friedrich Brandenburg Premiere hat, zeigt die Läuterung des von Lebensüberdruß getriebenen Thamal im Kampf gegen sein zweites Ich, eben den Spiegelmenschen, oder anders gesagt: den inneren Kampf des Ichs, allegorisiert im »Sein-Ich« des Mannes Thamal, der sich nach der absoluten Wirklichkeit verzehrt, und im »Schein-Ich« des Spiegelmenschen, der ihn zum Genuß verführt. Gründgens gibt die Rolle des Thamal »tänzerisch – dämonisch und irrlichternd« 28. Ist schon diese in einem homoerotischen Kontext situiert 29, so spielt Gründgens am 9. April 1925 mit der Titelrolle in Carl Sternheims OSKAR WILDE den vielleicht bekanntesten Homosexuellen der Jahrhundertwende. Kaum ein Schauspieler verkörpert in den 20er und 30er Jahren derart häufig homosexuelle, homoerotisch konnotierte oder zumindest homosexuellem Begehren ausgesetzte Charaktere wie Gustaf Gründgens. Erst später wird er sich genötigt sehen, auf Distanz zu dem Bild zu gehen, das die Öffentlichkeit nicht zuletzt durch solche Rollen von ihm hat, wie er sie in Eulenbergs BELINDE spielt, in Burtes KATTE, Werfels SPIEGELMENSCH, Erich Ebermayers KASPAR HAUSER, Klaus Manns ANJA UND ESTHER, Ferdinand Bruckners VERBRECHERN, Eduard Künnekes LISELOTT, Hermann von Boettichers KÖNIG, Shakespeares RICHARD II., Hans Rehbergs SIEBENJÄHRIGEM KRIEG, Hans Baumanns ALEXANDER – und eben auch in OSKAR WILDE. Sternheims Drama behandelt die Ereignisse um die Verurteilung Oscar Wildes zu zwei Jahren Zuchthaus im Jahr 1895 wegen »unzüchtiger Handlungen«. Die Hamburger Kritik zeigt sich von Gründgens’ Darstellung beeindruckt, obschon ihm das »(nach den Bildern zu schließen) recht respektable Bäuchlein« 30des historischen Wilde fehle: »Gustaf Gründgens war auf Grund natürlicher Gaben und seiner nervös-hemmungslosen Spieltechnik wegen der ideale Vertreter des sensiblen, eitlen, pathetischen und weibisch-schwachen Dichters« 31. Der gerühmte Darsteller jedoch veröffentlicht ein Vierteljahr nach der Premiere einen Artikel in Hans Reimanns Zeitschrift Das Stachelschwein , zu deren literarischen Mitarbeitern Max Brod, Erich Kästner, Anton Kuh, Roda Roda und Karl Valentin gehören und für die auch Gründgens gelegentlich Gedichte und humorvoll-satirische Kurzgeschichten verfaßt. Selbstbewußt verkündet der Schauspieler: »Als der Vorhang sich nach der Premiere […] senkte, wußte ich genau, daß ich den Wilde den Absichten des Autors entgegen gespielt habe. Der Erfolg hat mir recht gegeben. Als ich die Rolle bekam, war mir von vornherein klar, daß ich mich zu entscheiden hatte, entweder Sternheim oder Wilde zu spielen, denn nur einem von beiden konnte ich – der Dichtung nach – gerecht werden.« Das ist nicht nur höchst ungewöhnlich für einen Schauspieler – so etwas leistet sich sonst kein Kollege in Hamburg –, sondern auch das seltene Zeugnis einer Rollenanalyse unter dem Blickwinkel der Homosexualität: Das Hauptmotiv für Wilde, sich seiner Verhaftung nicht zu entziehen, sei, so Gründgens »trotz Sternheim« Bosie gewesen. »Wilde wußte ganz genau, wie sehr Bosie (Alfred Douglas) seine Flucht verabscheuen würde. […] Flucht war gleichbedeutend mit Bosies Verlust, also ließ es Wilde eben darauf ankommen. Der ganze erste Teil der ›Epistola‹ mit seinen kleinlichen Rechnereien ist ein Beweis dafür: ›… vom Freihalten beim Diner im Savoy-Hotel bis ins Zuchthaus habe ich alles für dich getan.‹ Für Bosie – nicht für sich ; denn Wilde gehörte sich selbst nicht mehr in dieser Zeit, konnte also auch gar nicht er selbst sein. […] Der Sternheim’sche Grund: sich und seinem Lebensgesetz treu bleiben zu müssen, ist zwar sehr dichterisch und idealistisch, aber bei diesem hymnischen Gesetzlosen, dem schillernden, unter keinen noch so weiten Hut zu bringenden, weil mit männlichem und weiblichem zu reich bedachten Oscar Wilde, kann das (zum Hauptmotiv erhoben) nichts weiter als eine Phrase sein. Schmus. Schmonzes. Der große Umschwung in Wildes Leben kam erst ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Kerker, als Bosie, mit dem er […] wieder zusammen gekommen war […], ihn endgültig hatte sitzen lassen. Da erst brach er zusammen, und da erst war ihm alles gleich. Von da an ließ er sich fallen. Nun kam es für ihn ja auf nichts mehr an, wo ihm in Bosie der ganze Lebensreiz genommen war.« 32Gründgens korrigiert also nicht nur die Motivation Wildes, sich verhaften zu lassen – bei Sternheim provoziert Wilde seine Verurteilung, um sich selbst zu verwirklichen –, sondern lastet Sternheim die Herabspielung des homosexuellen Elements an. 33Wilde habe im Elend wohl »die Hoffnung, nie die Sehnsucht« verlassen, also habe er »nicht, wie verlangt, einen abgeklärten, zufriedenen, nichts bereuenden Wilde« spielen können, sondern »einen gequälten, unglücklichen, dessen Freude und Leichtfertigkeit geheuchelt war« 34.

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