Was sie als erregend empfanden, änderte sich mit den neuen Themen und Drehbüchern, die ihnen das Internet präsentierte und die ihr Gehirn veränderten, ohne dass sie sich dessen bewusst wurden. Da Plastizität konkurrenzorientiert ist, vergrößerten sich die Gehirnkarten für die neuen, erregenden Bilder auf Kosten dessen, was sie früher erregt hatte. Das war vermutlich auch der Grund, warum sie ihre Partnerinnen weniger anziehend fanden.
Meine Pornopatienten nahmen den Entzug auf sich, nachdem sie das Problem verstanden und erkannt hatten, dass sie es plastisch verstärkten. Allmählich fühlten sie sich wieder stärker zu ihren Partnerinnen hingezogen.
Die Männer im Forum fanden dieses Material und die ihm zugrundeliegende Forschung sowohl beruhigend als auch hilfreich. Endlich verstanden sie, wie die Pornografie die primitiven Appetitmechanismen ihres Gehirns in Beschlag genommen hatte. Diese uralten Hirnstrukturen drängen uns zu evolutionär vorteilhaften Verhaltensweisen, einschließlich der Wertschätzung neuer Partner, und tragen dazu bei, Inzucht zu verhindern.
Unsere Verhaltensentscheidungen beeinflussen jedoch wiederum unser neurochemisches Gleichgewicht in eben diesen Hirnstrukturen. Auf diese Weise kann ein chronischer Überkonsum unerwartete Auswirkungen haben. Er kann dazu führen, dass wir von unseren bevorzugten Verlockungen übererregt werden, sodass unmittelbare Wünsche schwerer wiegen als sie im Verhältnis zu längerfristigen Wünschen wiegen sollten. Er ist dazu in der Lage, auch unsere Freude an den alltäglichen Vergnügungen – und unsere Reaktionsfähigkeit darauf – zu trüben. Möglicherweise verleitet er uns dazu, nach extremeren Reizen zu suchen. Oder er verursacht Entzugssymptome, die so schwerwiegend sind, dass sie selbst die Stärksten unter uns dazu bringen, nach Erleichterung zu suchen. Zudem kann er unsere Stimmung, unsere Wahrnehmung und unsere Prioritäten verändern – ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Bewaffnet mit einem auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gestützten Bericht darüber, „wie das Gehirn funktioniert“, erkannten ehemalige Pornokonsumenten, dass ihre Gehirne formbar waren und dass es durchaus möglich ist, pornoinduzierte Veränderungen rückgängig zu machen. Daher sahen sie keinen Sinn darin, auf einen Expertenkonsens darüber zu warten, ob Internetpornografie potenziell schädlich ist oder nicht. Stattdessen beschlossen Sie, sie selbst zu eliminieren und ihre eigenen Ergebnisse dazu zu überprüfen.
Diese Pioniere begannen, die Kontrolle über ihr Verhalten zu übernehmen und die von ihnen gewünschten Ergebnisse anzusteuern. Sie erkannten die Fortschritte, die durch Beständigkeit erzielt wurden, und konnten nun Rückschläge ohne Angst und mit größerem Selbstvertrauen akzeptieren.
Gleichzeitig erlangten und teilten sie einige wirklich faszinierende Einsichten über die Genesung von durch Internetpornografie verursachten Problemen – völlig neue Entdeckungen, die Menschen mit den gleichen Problemen eine Wiederherstellung ihres Gleichgewichts erleichterte. Das war ein Glücksfall, da sehr viele jüngere Menschen schon früh in ihrem Leben, während ihre Gehirne noch weitaus formbarer waren, mit dem Konsum von Internetpornografie begonnen hatten. Genau diese jungen Menschen reihten sich nun in die Reihen derer ein, die Hilfe bei ihrem Pornoproblem suchten.
Leider waren viele dieser Menschen durch schwere sexuelle Funktionsstörungen motiviert (verzögerte Ejakulation, Anorgasmie, erektile Dysfunktion und mangelnde Attraktivität für echte Partner). Dabei waren die renommierten Sexualwissenschaftler Janssen und Bancroft bereits 2007 auf Hinweise gestoßen, dass das Ansehen von Streaming-Pornos offenbar erektile Schwierigkeiten verursachte und dass „eine hohe Exposition gegenüber Erotika zu einer geringeren Empfindlichkeit gegenüber ‚Blümchensex‘-Erotik und einem erhöhten Bedarf an Neuheit und Abwechslung zu führen schien“. Leider entschieden sie sich, dem keine Bedeutung zuzumessen, und untersuchten dies nicht weiter. 7
In Ermangelung solcher Informationen überraschte die anhaltende pornoinduzierte erektile Dysfunktion (ED) bei jungen Männern die Ärzteschaft. Im Jahr 2014 begann die Ärztegemeinde endlich, dies anzuerkennen. Der Harvard-Professor für Urologie und Autor von Why Men Fake It: The Totally Unexpected Truth About Men and Sex , Abraham Morgentaler, sagte: „Es ist schwierig, genau festzustellen, wie viele junge Männer an pornoinduzierter erektiler Dysfunktion leiden. Aber es ist klar, dass dies ein neues und nicht seltenes Phänomen ist“. 8Ein anderer Urologe und Autor, Harry Fisch, schreibt unverblümt, dass Pornos zum Tod der Sexualität führen. In seinem Buch The New Naked geht er auf das entscheidende Element ein: das Internet. Es „bietet einen ultraleichten Zugang zu etwas, das als gelegentlicher Leckerbissen in Ordnung ist, bei täglichem Gebrauch für die […] sexuelle Gesundheit aber die Hölle darstellt“. 9
Im Mai 2014 veröffentlichte die renommierte medizinische Fachzeitschrift JAMA Psychiatry Forschungsergebnisse, die zeigen, dass selbst bei moderaten Pornokonsumenten die Nutzung (Anzahl der Jahre und aktuelle Stunden pro Woche) mit einer verringerten grauen Substanz und einer verminderten sexuellen Reaktionsfähigkeit korreliert. Die Studie trug den Untertitel „The Brain on Porn“. 10Die Forscher warnten davor, dass die Gehirne bei starken Pornokonsumenten durch den bereits andauernden Pornokonsum schon stark abgeschrumpft sein könnten und dass der Grad des Pornogebrauchs hierfür die plausibelste Erklärung sei. Die Hauptautorin Simone Kühn drückt es so aus:
Das könnte bedeuten, dass der regelmäßige Konsum von Pornografie das Belohnungssystem gewissermaßen ausleiert.
Im Juli 2014 gab ein Team von Neurowissenschaftsexperten unter der Leitung eines Psychiaters an der Universität Cambridge bekannt, dass mehr als die Hälfte der Probanden in ihrer Studie über Pornosüchtige angaben,
dass sie aufgrund des übermäßigen Gebrauchs sexuell eindeutiger Materialien … eine verminderte Libido oder geringere erektile Funktion speziell in körperlichen Beziehungen zu Frauen erfahren hatten (jedoch nicht in Bezug auf das explizit sexuelle Material). 11
Seitdem haben Dutzende von Studien und Literaturrecherchen Hinweise auf relevante Gehirnveränderungen bei Internetporno-Usern gefunden. Die von mir beschriebenen Pioniere hatten jedoch keine formelle Bestätigung. Sie erarbeiteten alles durch den Austausch von Selbstberichten.
Ich habe dieses Buch geschrieben, um eine einfache Zusammenfassung dessen zu geben, was wir jetzt über die Auswirkungen der Pornografie auf die Konsumenten wissen. Dazu recherchierte ich, wie sie sich zu den Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Evolutionsbiologie verhält und wie wir die mit der Pornografie verbundenen Probleme am besten lösen können – sowohl für den Einzelnen als auch insgesamt. Wenn Sie Probleme im Zusammenhang mit Internetpornografie haben, schenken Sie mir ein paar Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit. So besteht eine gute Chance, dass ich Ihnen ein Verständnis über Ihren Zustand vermitteln und Ihnen zeigen kann, wie Sie damit umgehen können.
Wie kann ein Mann nun aber erkennen, ob seine schwache sexuelle Leistung mit seinem Pornokonsum zusammenhängt oder stattdessen auf Versagensängsten beruht (die Standard-Diagnose für Männer, die keinerlei organische Probleme unter der Gürtellinie aufweisen)?
1. Gehen Sie zunächst zu einem guten Urologen und schließen Sie jede medizinische Anomalie aus.
2. Masturbieren Sie bei einer Gelegenheit zu Ihrem Lieblingsporno (oder, falls Sie dem Pornokonsum abgeschworen haben, stellen Sie sich einfach vor, wie dies war).
3. Dann masturbieren Sie bei einer anderen Gelegenheit ohne Porno und ohne über Pornos zu fantasieren.
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