1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Das Prozedere meiner Tanzaktionen ist immer gleich. Ich beschäftige mich irgendwie, bis endlich die Zeit gekommen ist, in den Club oder die Tanzhalle zu gehen. Was ja oft erst gegen 24:00 Uhr angesagt ist. Meist bin ich einer der Ersten, die dann dort auftauchen. Ich stelle mich in eine dunklen Ecke und beobachte die Leute, falls da welche sind, hänge meinen Gedanken nach, und falle so langsam in die Musik. Die Gedanken werden immer blasser, leichter und verschwinden so nach und nach. Es existieren dann nur noch die Bilder, die meine Augen aufnehmen und das Wummern der Musik, die mein Wesen einnimmt. Gleichzeitig beginnt mein Körper zur Musik zu zucken. Einfach so, als ob er ein Eigenleben hätte. Wenn dann das richtige Musikstück kommt, ziehe ich meine Jacke aus, stelle mein Wasser in die Nähe meines Tanzplatzes und begebe mich auf die noch recht leere Tanzfläche. Meistens gehöre ich zu den Ersten oder bin überhaupt der Erste, der sich auf die bunt bestrahlte Tanzfläche wagt. Da zeigt sich eine irritierende Diskrepanz. Denn im Scheinwerferlicht zu stehen, war früher bestimmt nicht mein Fall. Zu unsicher war ich. Zu zurückhaltend. Und beim Tanzen beobachtet zu werden ist mir anfangs eher unangenehm. Auf der anderen Seite genieß ich die Aufmerksamkeit. Sonst hätte ich auch nie auffällige Klamotten getragen, merkwürdige Frisuren gezeigt oder bunte Autos gefahren. Und gerade beim Tanzen spüre ich, wie mehr Energie durch meinen Körper fließt, wenn ich Blicke von beobachtenden Menschen wahrnehme. Am liebsten ist mir natürlich, wenn Frauen schauen. Dann beginne ich meine Vorstellung zu genießen, denn ich weiß, dass meine Bewegungen ziemlich außergewöhnlich sind. Wobei es mir nie um Bestätigung geht, sondern tatsächlich um meine eigene Art und Weise in die Musik abzutauchen. Ich hab dann ja auch immer die Augen geschlossen ...
Der erste Schritt ist zwar immer noch merkwürdig, aber in dem Augenblick, in dem ich die Tanzfläche betrete, bin ich in einer anderen Welt. Ich schließe die Augen. Der Raum verändert sich. Die Musik wird zu Wellen, die meinen Körper umschweben. Die Worte formen sich zu Schwingungen, in denen ich fliegen kann. Die Instrumente, die sich aus den Wellen herausschälen, übernehmen Teile meines Körpers und beginnen ihn zu bewegen. Jedes Instrument, jeder Beat, jede Harmonie, jeder Paukenschlag erzeugt eine Bewegung, die ich nicht mehr steuern kann. Und nicht mehr steuern will. Ich schalte mein Bewusstsein aus und falle in die Musik, tiefer und tiefer, bis ich meinen Körper nicht mehr spüre. Es existiert nur noch die Freude meiner Zellen, die sich an der Musik berauschen. Die Schnelligkeit meiner Beine, die durch den Rhythmus bewegt werden. Das Schwingen, Rudern, Ziehen und Strecken meiner Arme, welche die musikalische Freiheit visuell untermalen. Die Bewegung meiner Hände und Finger, passend zu den angestimmten Akkorden.
Die Unterschiedlichkeit der Musikstile bringt unterschiedliche Tanzformen hervor. Es ist, als bewege sich mein Körper nur, um der Musik einen Ausdruck zu geben, ein wahres Dahinfließen und Dahinschweben. Ich erreiche je nach Musikstil für mich selbst unbegreifliche Geschwindigkeiten. Meine Beine scheinen nicht mehr den Kontakt zum Boden zu benötigen, das Gefühl eigentlich eher zu schweben bemächtigt sich meiner. Nach ziemlich genau zwei Stunden spüre ich, dass mein Körper an seine Kraftreserven kommt und langsam steige ich aus. Kaum stehe ich dann in einer dunklen Ecke, um einigermaßen trocken zu werden, ist mein Herz wieder so ruhig, als hätte ich die ganze Zeit meditiert. Und nicht im Grenzbereich des körperlich Möglichen jede Faser meines Körpers tanzen lassen. Tanzen ist mein Leben, mein Glück, meine Trauer, meine Freude, meine Freiheit, das pure Sein.
Ich durfte in den Momenten auf der Tanzfläche Gefühle erleben, die so großartig waren, dass ich sie nicht beschreiben kann. Durch die emotionsgeladene Musik befreie ich alle Gefühle, die in mir gelebt sein wollen. Ich gebe mich der Musik hin, gebe mich den darin verborgenen Emotionen hin und erlebe diese in mir. Drücke sie aus durch meine Bewegung, durch mein Sein. Und reinige und heile mich dadurch.
Natürlich bin ich nicht immer in dieser extremen Losgelöstheit. Es gibt auch Momente, in denen ich nicht abschalten kann. Dann spüre ich genau, dass die Kraft meines Tanzes nicht aus der großartigen Fülle des ewigen Energiestromes kommt, sondern kopflastiger und dreidimensional bewegt ist, was mich schneller ermüden lässt. Aber manchmal schaffen es auch die Frauen um mich herum, mich aus dem Konzept zu bringen. Es ist erstaunlich, wie viele sexuelle Energien beim Tanzen ausgesandt werden und durch die Luft schweben. Energien, die aus den unteren Chakrenbereichen fließen, aber auch andere Gefühle. Öffne ich meine Augen, sehe ich ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlen und Zuständen. Unsicherheit vor allem, aber auch hilferufende Wesen voller Verzweiflung oder benebelte Individuen, die nicht mehr Herr ihrer selbst sind. Gesteuert von dunklen, Angst erfüllenden Schatten. Wesen, die sich von anderen nähren. Aber auch Freude, Lebenslust, Spaß und Ungestümheit. Und immer wieder die Angst, sich völlig dem Fluss überwältigenden Loslassens hinzugeben.
Und so zähle ich Tanzen ebenfalls zu meinen ausgesprochen gut entwickelten Talenten.
Aber da sind noch mehr. Es gibt kein Fahrzeug, das ich nicht fahren könnte. Und ich bin ein guter Fahrer: ob Auto, Motorrad, Transporter oder was auch sonst. Zugegeben, in den ersten Jahren meiner Motorradzeit waren meine Schutzengel vollauf beschäftigt. Ich denke, dass ich bestimmt vier oder fünf verschlissen hab. Gott – hatte ich ein Glück.
Beim Fahren gelingt es mir, die perfekte Kurvenlinie zu finden. Und mich ihr hinzugeben. Genauso spüre ich die Proportionen meines Autos. Ich weiß genau, wie breit es ist und es fühlt sich an, als ob meine Amazone ein Teil meines Körpers wäre. So kann ich, ohne zu denken, zwischen den engsten Objekten hindurchfahren. Einfach, weil ich genau spüre, dass es passt. Wenn es zu eng wird, fühle ich das rechtzeitig. Es kam sogar schon vor, dass ich – kurz abgelenkt – beim Fahren wegsah, dann aber aus mir selbst unerfindlichen Gründen in die Bremsen stieg. Um dann erst nach vorne zu sehen und wahrzunehmen, dass das Bremsen eine mehr als gute Idee gewesen war. Kurzum: Ich fühle es einfach, wie meine Fahrzeuge sich bewegen müssen.
Während meiner Ausbildung zum Polsterer lernte ich das Nähen von Kissen und Bezügen. Einfache Arbeiten, die mich aber inspirierten, meine Klamotten selbst zu nähen. In Ermangelung interessanter Kleidungsangebote begann ich damals Secondhand–Outfits umzunähen, um sie spannender zu gestalten. Denn es gab und gibt immer noch keine wirklich gute Kleidung für Männer. Und schon gar nicht, wenn man etwas außergewöhnliches tragen möchte. So gelang es mir bald, jede Form, die ich für Jacke, Hose oder Hemd entwarf, schnitttechnisch zu realisieren. Auch die extremsten Formen. Ich wusste einfach, wie die Hülle einer dreidimensionalen Form zweidimensional aussehen muss. Dieses Können wollte ausgetestet und ausgelebt sein, was zu einer recht extravaganten Bekleidung führte, die ich damals auch zu tragen wagte.
Mein inneres Andersseingefühl präsentierte sich in der äußeren Form durch eine recht extravagante Auswahl meiner Kleidung. Eine Zeit lang lief ich sogar in Männerröcken herum. Aber nicht die schottisch angehauchte Faltenrockvariante, sondern wirklich männlich anmutende Kleidungsstücke. Ich entwarf die schrillsten Klamotten. Einerseits um auszutesten, wie ob ich den Schnitt hinbekäme, andererseits um mich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Obwohl ich dann die extremsten Kreationen nur selten trug. Manche sogar nie. Dabei war ich stets darauf bedacht, so perfekt wie möglich zu arbeiten.
Genauso verhielt es sich mit den Bühnenbauten, die ich später entwarf. Ich habe das sichere Gefühl, wie eine dreidimensionale Figur zweidimensional im Schnitt aussehen muss. Ebenso Statik: es liegt mir einfach im Blut. Ich weiß genau, wann eine Kurve zu extrem ist, wann etwas zu schwach, zu stark, zu krumm, zu unpassend ist. Ich spüre förmlich die Spannung einer Form und wie sie sich ihrer Natur gemäß am liebsten entfalten würde. Oder wie sie kränkelt und in sich zusammenfällt, wenn sie erzwungen oder gebändigt wird.
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