Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewöhnlich zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels:
„Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.“
Es ist sehr klar, und es ist sehr augenscheinlich, daß Gott Adam als Zwitter geschaffen hat; denn nach dem folgenden Verse sagt er zu Adam:
„Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde.“
Dies wurde am sechsten Tage bewerkstelligt. Erst am siebenten Tage schuf Gott das Weib. Ungeheures tat Gott zwischen der Erschaffung des Mannes und der des Weibes. Er ließ Adam alles kennen lernen, was er geschaffen hatte: Tiere, Pflanzen usw. Alle Tiere erschienen vor Adam.
„Adam[9] ) bemerkte sie alle; und der Name, den Adam jedem der Tiere gegeben hat, ist sein wirklicher Name.“
„Adam[10] ) gab also einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen usw.“
Bis dahin ist das Weib noch nicht erschienen; es ist unerschaffen. Adam ist immer Zwitter. Er hat allein fruchtbar sein und sich vermehren können.
Und um die Zeit zu verstehen, während welcher Adam die beiden Geschlechter in sich hat vereinigen [30] können, genügt es, darüber nachzudenken, was diese Tage, von denen die Schrift spricht, sein können, diese sechs Tage der Schöpfung, dieser siebente Tag der Ruhe usw.
Es kann wirklich nur niederschmetternd wirken, daß beinahe alle unsere Theologen, alle unsere Mucker den großen, den heiligen Namen Gottes mißbrauchen; jedesmal ist man verletzt, daß der Mensch ihn herabwürdigt, daß er die Idee des ersten Wesens schändet, indem er ihr die des Hirngespinsts seiner Meinungen unterschiebt. Je tiefer man in den Busen der Natur eindringt, desto höher ehrt man ihren Schöpfer.
Eine blinde Ehrfurcht aber ist Aberglaube; einzig eine aufgeklärte Ehrfurcht gebührt der wahren Religion. Um in lauterer Weise die ersten Taten zu verstehen, die uns der göttliche Interpret hat zuteil werden lassen, muß man, wie es der beredte Buffon tut, mit Sorgfalt die Strahlen auffangen, die von dem himmlischen Lichte ausgegangen sind. Anstatt die Wahrheit zu verdunkeln, kann ihr das nur einen neuen Grad von Glanz hinzufügen.
Worauf kann man, wenn man dies voraussetzt, aus den sechs Tagen, die Moses so genau bezeichnet, indem er sie einen nach dem anderen zählt, schließen, wenn nicht auf sechs Zeitspannen, sechs dauernde Zwischenräume? Diese mangels anderer Ausdrücke durch den Namen Tag angezeigten Zeitspannen können nicht mit unseren wirklichen Tagen in Verbindung gebracht werden, da drei dieser Tage nacheinander verstrichen sind, bevor die Sonne erschaffen worden ist. Diese Tage waren demnach unseren nicht ähnlich, und Moses zeigt das klar an, indem er sie von Abend bis Morgen rechnet, während man die Sonnentage von Morgen bis Abend rechnet und rechnen muß. [31] Diese sechs Tage waren also weder den unsrigen ähnlich, noch untereinander gleich, sie waren der Arbeit angemessen. Es waren demnach nur sechs Zeitspannen. Wenn also Adam den sechsten Tag als Zwitter erschaffen und das Weib erst am Ende des siebenten hervorgebracht worden ist, so hat Adam all die Zeit über, die es Gott gefallen hat, zwischen diese beiden Zeitpunkte zu legen, in sich selber und durch sich selber erzeugen können.
Dieser Zustand der Androgeneität ist weder den Philosophen des Heidentums und seinen Mythologien, noch den Rabbinern unbekannt gewesen. Die einen haben behauptet, Adam sei auf der einen Seite als Mann, auf der anderen als Weib erschaffen worden, aus zwei Körpern zusammengesetzt, die Gott nur zu trennen hatte. Die anderen, wie Plato, haben ihm eine runde Figur von ungewöhnlicher Kraft gegeben; so wollte denn auch das Geschlecht, das von ihm ausging, den Göttern den Krieg erklären. — Jupiter in seinem Zorn wollte es vernichten. — Gab sich aber damit zufrieden, den Menschen zu schwächen, indem er ihn spaltete, und Apollo dehnte die Haut aus, die er am Nabel zusammenband. Davon geht die Neigung aus, die ein Geschlecht nach dem anderen hinzieht, dank dem sehnsüchtigen Wunsche sich zu vereinigen, den beide Hälften verspüren, und die menschliche Unbeständigkeit infolge der Schwierigkeit, die jede Hälfte empfindet, seinem ihm entsprechenden Teile zu begegnen. Erscheint uns ein Weib liebenswürdig, so halten wir es für die Hälfte, mit der wir erst ein Ganzes ausmachen. Der Herr sagt uns: die da, die ist's; bei der Prüfung aber, wehe, ist sie's zu oft nicht.
Zweifelsohne behaupten auf Grund einiger dieser Ideen die Basilitier und die Carpocratier, daß wir [32] in dem Zustande der unschuldigen Natur so wie Adam im Augenblicke der Schöpfung geboren werden und infolgedessen seine Blöße nachahmen müssen. Sie verabscheuen die Ehe, behaupten, die eheliche Vereinigung würde ohne die Sünde niemals auf Erden stattgefunden haben, halten den gemeinsamen Genuß des Weibes für ein Vorrecht ihrer Wiedereinsetzung in die ursprüngliche Unschuld, und setzen ihre Dogmen in einem köstlichen, unterirdischen Tempel in die Tat um, der durch Öfen erwärmt ist, und den sie, Männer und Weiber, ganz nackt betreten. Da war ihnen alles bis zu Vereinigungen erlaubt, die wir Ehebruch und Blutschande nennen, sobald der Älteste oder das Haupt ihrer Gemeinde die Worte der Genesis: „seid fruchtbar und vermehret euch“ ausgesprochen hatte.
Tranchelin erneuerte diese Sekte im zwölften Jahrhundert; er predigte offen, Hurerei und Ehebruch wären verdienstvolle Handlungen; und die berühmtesten dieser Sektierer wurden in Savoyen die Turlupins genannt. Mehrere Gelehrte leiten den Ursprung dieser Sekten von Muacha her, der Mutter Afas, des Königs von Juda, der Hohenpriesterin des Priapus: wie man sieht, heißt das zu weit zurückgreifen.
Diese doppelte Kraft Adams scheint noch in der Fabel vom Narziß angedeutet zu sein, der, von Liebe zu sich selber trunken, sich seines Bildes erfreuen will und schließlich einschlummert, da er bei dem Werke scheitert[11] ).
[33] Alle diese Zweifel, alle diese Untersuchungen über Genüsse, die unserer wirklichen Natur zuwiderlaufen, haben zu einer großen Frage Veranlassung gegeben, zu wissen: an imperforata mulier possit concipere? „Ob ein verschlossenes Mädchen heiraten kann?“
Man kann sich denken, daß gelehrte Jesuiten, wie die Patres Cucufa und Tournemine, dieser Frage auf den Grund gegangen, und daß sie für die Bejahung gewesen sind. „Gottes Werk,“ sagen sie, „kann auf keinen Fall in einer Weise vorhanden sein, die jenseits der Grenzen der Natur steht; ein scheinbar der Vulva beraubtes Mädchen muß also im Anus Mittel und Wege finden, um dem Triebe der Fortpflanzung, der ersten und unzertrennlichsten der Funktionen unserer Existenz, genug zu tun.“
Cucufa und Tournemine sind angegriffen worden; das mußte sein. Der Spanier Sanchez aber, der „auf einem Marmorstuhle sitzend“ dreißig Jahre seines Lebens über diese Fragen nachgedacht hat, der niemals weder Pfeffer noch Salz noch Essig zu sich nahm, der, wenn er zu Tische saß, stets seine Füße in die Luft streckte[12] ), Sanchez hat seinen Mitbrüdern mit einer Beredtsamkeit, die man nicht glauben möchte, das Nachdenken über eine derartig empfindliche Materie verboten. Nichtsdestoweniger ist die Eifersucht gegen die Jesuiten so mächtig gewesen, daß die Päpste einen [34] für junge Mädchen, die diesen Weg in Ermangelung eines anderen betreten lassen wollten, aufgesparten Fall daraus gemacht haben. Bis Benedikt XIV., aufgeklärt durch die Entdeckungen der Pariser Fakultät, den aufgesparten Fall aufgehoben und den Gebrauch der „Hinterpost“ im Sinne der Patres Cucufa und Tournemine erlaubt hat.
Tatsächlich hat Herr Louis, ständiger Sekretär der chirurgischen Akademie, im Jahre 1755 die Frage über die Verschlossenen behandelt; er hat bewiesen, daß die Anelytroiden empfangen könnten, und die in seiner mit Vorrecht gedruckten These angeführten Fälle beweisen es. Trotz dieser Urkundlichkeit unterließ es das Parlament nicht, die These des Herrn Louis als gegen die guten Sitten verstoßend anzugreifen. Der große und nicht minder scharfsinnige und boshafte Chirurg mußte seine Zuflucht zur Sorbonne nehmen; und bewies dann leichtlich, daß das Parlament eine Frage beurteile, die seine Zuständigkeit ebensowenig angehe wie die Beurteilung eines Brechmittels. Und auf diese Erklärung hin gab das Parlament keinerlei Antwort.
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