Der König gab schließlich nach und die Nationalversammlung konnte weiter tagen. In der Folge blieb Mirabeau einer der Anführer der beginnenden Revolution. Der Zorn des Volkes von Paris entlud sich schließlich am 14. Juli 1789 im Sturm auf die Bastille, einem Gefängnis und Symbol des Ancién Regime (in welchem zu diesem Zeitpunkt allerdings gar keine politischen Gefangenen mehr inhaftiert waren). Mirabeau nahm an diesem Ausbruch der Gewalt nicht teil, da sein Vater am selben Tag verstarb. Mit diesem hatte Mirabeau sich mittlerweile ausgesöhnt. Er half in der Folge wichtige Reformen voranzutreiben. Die Revolution zog immer weiter ihre Kreise und Schritt für Schritt wurden der König und die alten Eliten entmachtet und dadurch ein Systemwechsel eingeleitet. 1791 wurde Mirabeau sogar zum Präsidenten der neuen Nationalversammlung gewählt.
Noch im selben Jahr starb er allerdings überraschend am 2. April – ob es sich dabei um einen natürlichen Tod oder um Mord handelte, konnte nie geklärt werden. Er erhielt als erster ein Staatsbegräbnis im Pariser Pantheon, einer ehemaligen Kirche, die nun zur zentralen Gedenkstätte Frankreichs für verdiente Persönlichkeiten und Revolutionäre wurde.
Durch die Radikalisierung der Revolution nach seinem Tod und der Aufdeckung von Mirabeaus Kontakten zum Hof Ludwigs XVI. fiel er beim Volk jedoch postum in Ungnade und seine Gebeine wurden wieder aus dem Pantheon entfernt. Karl Marx war von der Person Mirabeaus derart angetan, dass er ihn in seinem Werk „Das Kapital“ jedoch ehrfurchtsvoll den „Löwen der Revolution“ nannte.
Erotika Biblion – Ein Meisterwerk der pornographischen Literatur?
Der Marquis de Mirabeau verfasste eine ganze Reihe von Werken, meist rein politischen Charakters. Im Geheimen verfasste er jedoch auch erotische Geschichten, die anonym publiziert wurden. Die bekanntesten sind „Le Rideau levé, ou l'Education de Laure“ (Der gelüftete Vorhang oder Lauras Erziehung) von 1786 oder „Erotika Biblion“. Der Schriftsteller Henry Marchand nannte dieses in seinem Werk „The erotic history of France“ „eines der seltsamsten Bücher, das jemals geschrieben wurde“.
In der Einsamkeit und Trennung von seiner Geliebten Sophie hinter den Gefängnismauern von Vicennes ist das Buch entstanden und wurde 1783 anonym und mit dem fiktiven Erscheinungsort „A Rome de l‘ Imprimerie du Vatican“ veröffentlicht.
Auf den ersten Blick handelt es sich um ein erotisches und – für die damalige Zeit – pornographisches Werk: Mirabeau geht auf unterschiedlichste Aspekte der menschlichen Sexualität ein. Er skizziert diese in den einzelnen Kapiteln des Buches, die mit Kunstworten überschrieben sind. So werden zum Beispiel Themen wie Homosexualität (überschrieben mit „Thalaba“), Tribadismus („Andrandine“), Beschneidungen („Akripodie“) oder Nymphomanie („Kadhesch“) abgehandelt. Genüsslich führt er dabei aus, wie „verdorben“ die Völker der Antike in Wahrheit gewesen seien, die immer wieder als die Vorbilder in Sachen Vernunft, Ethik und Religion dargestellt wurden. Verschont werden dabei weder die Philosophen des antiken Griechenlands, noch das biblische Volk Israel, dessen sexuelle Ausschweifungen anhand von Zitaten aus der Bibel beschrieben werden. Der Leser erfährt so von Inzucht, Sodomie und Masturbation in der Heiligen Schrift. Der starke Fokus auf das „heilige Buch“ gab Mirabeaus Buch schließlich auch den Titel.
Derart anzügliche Werke sind in dieser Epoche keine Seltenheit. Der Marquis de Sade, der für ungleich pornographischere Schriften berühmt wurde, war ein Zeitgenosse Mirabeaus. Die beiden begegneten sich sogar, als sie zeitgleich in Vicennes eingesperrt waren, ein Treffen, das allerdings von starker gegenseitiger Abneigung geprägt gewesen sein soll. Das Spielen mit erotischen Themen stellte für die Zeitgenossen einen Ausbruch aus den althergebrachten Normen dar. Die Werke spiegeln den Willen zu Neuerung und Auflehnung wider.
Zeitgenössische Rezensenten nannten das Buch das Werk eines armen Sünders, der die Abscheu eines jeden Christen verdiene, voll von Lastern und Unflätereien. Die Kirche setzte es auf den Index Librorum Prohibitorium, das Verzeichnis der durch die Inquisition verbotenen Bücher. Von der Erstauflage sind gerade einmal 14 Exemplare erhalten. Das Buch wurde als pornografisches Machwerk abgetan, dabei wurde jedoch seine politische Dimension verkannt.
Schon im ersten Kapitel („Anagogie“ – die planetarische Erzählung) findet sich ein Plädoyer für den Fortschritt der Wissenschaft und die Freiheit. In diesem Abschnitt wird von den fiktiven Bewohnern des Saturns erzählt. Diese seien wissenschaftlich sehr weit fortgeschritten und der Austausch ihres Wissens stelle ihr höchstes Gut dar. Sie würden in vollkommener Freiheit und Frieden leben, Künste wären hoch angesehen. Mirabeau erzählt von ihnen, um eine idealtypische, utopische Welt zu entwerfen. Für die Menschheit erhofft er sich, dass sie diesem Ideal nachstreben und sich ähnlich entwickeln. Es handelt sich letztlich um ein Plädoyer für Wissenschaft und Meinungsfreiheit. In den folgenden Kapiteln illustriert er den Fortschritt, den die Menschheit und der menschliche Verstand allerdings bereits gemacht haben. Die Verderbtheit der antiken Völker unterscheide sich schließlich bereits massiv von den Gepflogenheiten der Zeitgenossen Mirabeaus – die Menschheit sei also grundsätzlich zum Fortschritt fähig, so die Botschaft. Diese Einstellung spiegelt den Optimismus des Humanismus wider, die treibende Idee hinter der Epoche der Aufklärung. Die humanistische Lehre betonte den Wert jedes einzelnen Menschen und seine Fähigkeiten (Vernunft, Werte, Friede etc.). Derartige Ideen waren seit der Epoche der antiken Philosophen in Vergessenheit geraten – der einzelne Mensch zählte zu Zeiten Mirabeaus dagegen nur so viel, wie sein Stand es zuließ.
Im Kontrast dazu stand das monarchische System. Dieses System, in dem Mirabeau selbst aufwuchs und sozialisiert wurde, stützte sich auf Despotismus und Aberglaube. Adel und Priester hielten die Monarchie aufrecht, das Volk wurde dadurch gleichsam in Fesseln gelegt. Die Menschheit, so Mirabeaus These, sei nur deshalb noch nicht vollkommen, weil ihre Regierungen, deren eigentliche Aufgabe es sei, die Freiheit zu sichern, dies verhindern würden.
Mirabeau selbst schrieb über das Erotika Biblion an seine geliebte Sophie, es seien „amüsante Themen, sie werden zwar ernsthaft, dafür aber nicht weniger grotesk und doch dezent behandelt.“ Die Unterscheidung zwischen einem anzüglichen und einem ernsten Werk gilt für Mirabeau nicht – er stellt sein Werk in den Dienst der Sache. So ist das Erotika Biblion ein philosophisches und revolutionäres Werk. Es betont das Naturrecht der Menschen, die aufgeklärte Vernunft. Durch diese soll die Menschheit erkennen, auf welche Art der Despotismus sie unterdrückt. Dabei bedient sich Mirabeau spielerisch sexueller und teils pornographischer Diskurse und Anekdoten, um die scheinbar überlegene Moral der alten Eliten, wie Adel und Kirche, zu diffamieren. Das Buch „ist ein Kampf für die Philosophie und ein Kampf für die Freiheit.“
Autor: Benjamin Koerfer
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[7] Bekanntlich[1] ) haben unter den zahllosen Ausgrabungen der Altertümer von Herkulanum die Handschriften die Geduld und den Scharfsinn der Künstler und Gelehrten erschöpft. Die Schwierigkeit besteht in dem Aufrollen der seit zweitausend Jahren durch die Lava des Vesuvs halbvernichteten Schriften. Sowie man sie berührt, zerfällt alles in Staub.
Indessen haben ungarische Mineralogen, die geduldiger und gewandter als die Italiener sind, Vorteile aus den Erzeugnissen, die der Mutterschoß der Erde darbietet, zu ziehen, der Königin von Neapel ihre Dienste angeboten. Die Fürstin, eine Freundin aller Künste, die den Wetteifer geschickt anzufeuern versteht, hat die Künstler liebenswürdig aufgenommen: sie aber stürzten sich auf diese unsäglich schwierige Arbeit.
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