Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung [22] der Art abzielten, waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben. Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen, waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres Glück ist.
Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen, die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können, wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.
[23]
[25] Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ältesten und seltsamsten Bücher, das es auf Erden gibt.
Die meisten Einwände, auf die sich Leute stützen, die nicht zu glauben vermögen, daß Moses ein göttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lächerliche gezogen worden als das Sinnliche der heiligen Bücher, das einen tatsächlich als sehr mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den ersten Menschenaltern gar nicht in Erwägung, für die das Buch ja schließlich verständlich sein mußte.
Das Sinnliche war damals das, was es heute noch sein würde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht hätte. Er sah den Himmel für ein Azurgewölbe an, auf welchem Sonne und Mond die wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten Zeitabschnitt über hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben Farbe wie das Azurgewölbe, und man glaubte, daß es den Himmel berühre, wenn man es von weitem betrachtete. Alle diesbezüglichen Gedanken des Volkes halten oder können sich nur an diese drei oder vier Eindrücke halten; und wie fehlerhaft sie auch sein mögen, man muß sich nach ihnen richten, um sich zu seinem Standpunkt herabzulassen.
[26] Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mußte man sich natürlich einbilden, daß es obere und untere Gewässer gäbe, deren eine den Himmel anfüllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewässer zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Stütze, eine starke und durchscheinende Wölbung, durch die man die azurnen oberen Gewässer erblickte.
Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt:
„Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel... Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.“
Klar ist, daß man auf diese Ideen beziehen muß:
1. die Katarakte des Himmels, die Türen und Fenster des festen Firmaments, die sich auftun, wenn die oberen Gewässer auf die Erde fallen sollen, um sie zu überschwemmen,
2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vögeln, erstere durch die unteren Wasser hervorgebracht, die Vögel durch die oberen Gewässer, weil sie sich auf ihrem Fluge der Azurwölbung nähern, von welcher das Volk glaubt, daß sie nicht viel höher ist als die Wolken.
Ebenso glaubt dies Volk, daß die Sterne, die wie Nägel in die Wölbung geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde die Planeten in der ganzen Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt. Alles dies ist in Rücksicht auf den gewöhnlichen Men- [27] schen dargestellt worden, bei dem es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu erklären, sondern für den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem höchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so sagen kann, dürfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wäre; wenn er entfernt von seinem Ursprung, ihn schließlich vergessen würde, wenn er an das große Schauspiel des Weltalls gewöhnt, aufhören sollte, dadurch gerührt zu sein und wagen würde, den Schöpfer nicht kennen zu wollen. Die großen aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrößerten den Gedanken an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schöpfer näher bringt. Eine neue Wahrheit wird ein großes Wunder, ein größeres Wunder zum höheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns aufführt, weil die, selbst wenn man sie gelten läßt, nur Glanzlichter sind, die Gott unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und für alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezählt, den Menschen unaufhörlich, nicht allein durch das gegenwärtige Schauspiel, sondern mehr noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schöpfer gemahnen müssen.
[28] Das ist's, was unsere unwissenden und dünkelhaften Theologen uns lehren müßten. Die große Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft, Glaubenstreue und Philosophie unaufhörlich gegeneinander auszuspielen.
Eine der Quellen des Mißkredits, in den die heiligen Bücher gerieten, sind die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte, mit unserem Elend so übereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben wußte, die wir uns nicht zu erklären vermögen. Von da sind die bildlichen Bedeutungen, die ungewöhnlichen und unschicklichen Gedanken, die abergläubischen Übungen, die seltsamen Gebräuche, die lächerlichen oder ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die menschlichen Narrheiten stützen sich auf Stellen, die den Auslegern Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnäckig sind und nichts wissen, wie wenn das höchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu geben vermocht hätte, die er nur in künftigen Jahrhunderten kennen lernen, wissen und ergründen sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, daß die Bibel für den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwägen, daß man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man – vierzig Jahrhunderte sind inzwischen verstrichen – damals nicht kannte, und daß man in vierhundert weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise fortschreitend, und sie erschließen sich nur in unmerklichem Vorwärtsgehen, welches die Umwälzungen der Reiche und der Natur verzögern oder beschleunigen. Nun heischt das Verständnis der [29] Bibel, die seit einer so großen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist – gibt es doch wenige Dinge von einem ebenso hohen Alter anzuführen – vielleicht noch eine lange Periode von Anstrengungen und Nachforschungen.
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