Schnell ist die privilegierte Zeit der Wahrnehmung wieder vorbei und manche haben nicht mitbekommen, dass das Göttliche in ihrer eigenen Kreatürlichkeit ruht. Man muss sich erst einmal selbst entdecken, liebhaben und ernst nehmen. Und wenn man das dann kann, geht es auch besonders gut mit anderen.
Mein Glück zu zeigen, ist jedenfalls ganz normal für mich. Musik ist dabei ein beschwingtes Medium, mit dem ich mich ausdrücken und Freude vermitteln kann. Ich will es wenigstens versuchen, denn ich habe von Anfang an so viel davon.
Als meine Mutter noch lebte, erzählte sie mir einmal, dass ich als Fünfjähriger meinem Zwillingsbrüderchen beim Spielen folgende Frage gestellt haben soll:
»Winfried, bist du eigentlich froh, dass es dich gibt?«
Mein Bruder soll daraufhin lange nachgedacht und dann fast weise geantwortet haben:
»Ja, Wolfgang, ich bin eigentlich auch ganz froh, dass es mich gibt.«
Woraufhin ich ihm beigepflichtet hätte: »Ich nämlich auch.«
Schon früh habe ich wohl Gleichheit gesucht - dass andere neben mir ähnlich glücklich und zufrieden sind. Winfried hatte immerhin noch ein zögerliches ›eigentlich‹ in seine Antwort eingeflochten, war immer ein wenig nachdenklicher, war stiller als ich. Mein Bruder hat sein Leben den Menschen und ihrem Wohlergehen gewidmet. Heute ist er als Arzt bei seinen Patienten sehr beliebt. Wir können unseren Eltern nur dafür danken, dass sie uns reichlich Glücksgene und ein emphatisches Empfinden vererbt haben. Und wenn ich sterben muss, dann ist mein Paradies abgelaufen, dann werde ich traurig sein, dass ich keine Freude mehr schenken und nicht mehr wahrnehmen darf. Keine Farben mehr fühlen, kein Licht mehr schmecken, keinen Duft mehr greifen, keine Haut mehr streicheln, keine Stimmen mehr trinken, kein Lachen genießen, nicht Tränen mehr gießen – das stelle ich mir fürchterlich vor.
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KHATCHATURIAN IM FIEBER - KLICKERN, KNISTERN, FLÜSTERN
Frankfurt am Main, 17. Juli 1951 +++ Im zarten Alter von vier Jahren begann mich alles zu faszinieren, was klingt und tönt. Ich tippte, klopfte und schnippte gegen sämtliche Materialien, die mir unter die Finger kamen, um deren Klang zu erforschen. Musikinstrumente wurden bei uns zu Hause nicht gespielt. Gesungen wurde nur gezwungen unter dem Weihnachtsbaum, also nur einmal im Jahr, und ich erinnere mich mit Unbehagen, dass das immer krampfig war.
Als Zwilling und dritter Sohn meiner Eltern Hildegard und Heribert 1947 im zerbombten Frankfurt am Main geboren, spielte ich mit meinen Brüdern und den Nachbarkindern am liebsten auf den umliegenden Trümmergrundstücken. Dabei konnte man allerlei Unbekanntes und Tönendes finden. Natürlich lag auch Gruseliges und Gefährliches unter den mit Unkraut und hohen Pflanzenstauden überwucherten Steinhaufen der zerbombten Wohnhäuser in unserer Straße. Gefährlich waren die Entdeckungsreisen in dunkle Keller allemal. Regelmäßig brachten wir Schürf- und Platzwunden an Armen und Beinen mit nach Hause. Gewagte Kraxeleien versetzten unsere armen Eltern oft genug in Angst und Schrecken.
Da es an der Zeit war, wieder alles aufzubauen, was unsere Eltern sich hatten zerstören lassen, gab es kaum Spielzeug. Die ruinierte Wirtschaft hatte nur wenig Ausstoß und wir Kinder mussten uns unsere Spiele selbst ausdenken. Der Fantasie waren dabei kaum Grenzen gesetzt. Die Sommer waren heiß und wir brauchten nicht viel. Jeder hatte so wenig wie die anderen und es gab deshalb auch nichts, was wir uns gegenseitig hätten neiden können. Außer Sandalen und den obligatorischen Lederhosen, die viel zu groß um unsere dünnen Leiber schlenkerten, hatten wir nichts auf dem Leib.
Wir hielten uns am liebsten auf den Straßen auf, wo wir gar zu gerne nachmittags auf den gelben Eiswagen warteten, der, von zwei Pferden gezogen, die Familien mit Kühleis versorgte. Für zehn Pfennig schlug der Fuhrmann gekonnt abgezirkelte Stücke von meterlangen gefrorenen Wasserbarren mit dem Hammer ab, und warf sie in die von uns bereitgestellten Zinkeimer. Kleine kalte Splitter flogen dabei glitzernd durch die warme Sommerluft und fielen auf den Boden. Sie waren unsere Beute. Gierig prügelten wir uns um sie und lutschten sie schnell weg. Das Knirschen und Knacken der kristallenen Eisstangen übte eine ungeheure Faszination auf mich aus.
Vater war im Krieg bei der Luftwaffe gewesen. Aus der Gefangenschaft in Belgien hatte er von den Amerikanern Swingmusik auf leicht zerbrechlichen Schellackscheiben mitgebracht – von Benny Goodman, Glenn Miller und Duke Ellington. Er spielte sie auf einem hölzernen Koffergrammophon in unserer Sachsenhauser Wohnung ab. Dazu musste er umständlich eine Stahlnadel in den Führungsschlitz des hohlen blechernen Tonarms stecken und sie mit einer Schraube an der Membran des Tonabnehmers festziehen. Dann drehte er an der Seite mit einer Kurbel und zog das Federwerk für den Laufmotor auf, um einige Minuten Drehzeit des mit schwarzem Filztuch belegten Plattentellers zu erreichen. Er öffnete nun im unteren Teil des Holzmöbels zwei kleine Türen, hinter denen sich ein gefaltetes Horn befand, das die Musik entließ. ›In The Mood‹ von Glenn Miller war damals der Hit, den man ständig auf AFN, dem Soldatensender der amerikanischen Besatzer hörte.
Der schwarze Musikkasten war aufregend für uns Kinder, aber es war uns strengstens verboten, das wertvollen Gerät anzufassen. Die krächzende Musik, die daraus hervorkam und die perfekte Mechanik des Uhrwerks faszinierte uns aber derart, dass wir uns oft über das Grammophon hermachten, sobald die Eltern einmal nicht da waren und vergessen hatten, das Wohnzimmer abzuschließen, in dem der Kasten repräsentativ aufgebaut stand. Meist wurde aber abgeschlossen. Mein Zwillingsbruder und ich waren gnadenlos neugierig und geschickt. Mit einem selbstgebastelten Dietrich bekamen wir immer wieder die Tür zum ›Schönzimmer‹ auf, in dessen Kredenz es auch ein Barfach mit Eierlikör gab. Ziemlich regelmäßig naschten wir von der süßen Creme und füllten danach den Schwund mit Milch auf. Ich war besonders gierig und konnte nicht genug davon bekommen. Ich verlängerte und verlängerte die süße Brühe, bis sie ganz blass aussah und völlig laff schmeckte. Irgendwann flog der ganze Schwindel auf und Vater legte mich heftigst übers Knie. Keinen Ton gab ich dabei von mir. Zu stolz war ich, dem Alten meinen Schmerz zu zeigen. Ich verachtete ihn für seine feige Tat, die er nur für seine Frau ausführte, um ihr den starken Mann zu mimen. Früh merkte ich, dass Vater ein schwacher Mensch war, der sich nicht gut durchsetzen konnte. Früh merkte ich auch, dass es ihm gar keinen Spaß machte, mich zu verhauen. Er tat es wohl mehr für meine Mutter, die Zucht durch ihn für mich erwartete. Mutter hatte auf jeden Fall die Hosen an in unserer Familie, und ich sehe sie immer noch in ihren eleganten Kleidern und beim Lackieren der Fingernägel vor mir. Heimlich beobachtete ich sie manchmal durchs Schlüsselloch beim Anziehen ihrer scharfen Unterwäsche, die ich auch schon mal selbst überstreifte, wenn sie fort war. Schön glatt und kühl fühlten sich die seidigen Fetzen auf meiner Haut an und ich drehte mich lustvoll von allen Seiten betrachtend vor dem Spiegel. Ja, ich hatte Spaß an mir.
Vor dem Schlafengehen holte uns die Urgroßmutter, die gemeinsam mit uns den zweiten Stock ihres Hauses in der Rubensstraße bewohnte, in ihr riesiges, mit Möbeln vollgestopftes Zimmer, setzte uns an den großen Esstisch mit der Samtdecke drauf und las uns unter ihrer riesigen Lupe aus Grimms Märchen vor. Dabei zog die alte Dame die Deckenlampe an der Schnur ganz tief über den Tisch herunter, damit es schön schummrig im Zimmer wurde. Lange, mit Glasperlen beknüpfte Fransen des pendelnden Lampenschirms warfen dabei gespenstische Schatten und bizarre Glitzerreflexe auf das weiche Tuch. In der Nähe des Erkerfensters stand der eiserne Kohleofen, auf dem die Uroma gern Äpfel schmorte. Das ganze Zimmer roch dann lecker nach Backobst und getrockneten Pflaumen, die mit Zahnstochern zu kleinen Männchen gesteckt auf der Kredenz aufgereiht waren. Dort stand auch der quadratische schwarze Volksempfänger, vor dem die wache Frau oft saß, um den Nachrichten und den Reden unsers ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer zu lauschen. Sie verehrte ihn über alle Maßen. »Der einzige gescheite Mann in Deutschland«, das war ihre feste Überzeugung. Die abendliche Atmosphäre war äußerst sinnlich und öffnete uns für die Geschichten, die wir zu hören bekamen. Man kann sich denken, was aus Kindern wird, denen in solch gemütlicher Atmosphäre die schönsten und gruseligsten Märchen zelebriert werden. Eine bessere Lehre für unsere Fantasie konnten wir nicht bekommen.
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