Bitte führen Sie die Übung noch mehrmals durch. Sie können ersatzweise auch andere Fragen stellen, etwa „Welche Farbe hat mein nächster Gedanke?“, oder „Wie wird mein nächster Gedanke riechen?“, oder „Wie wird mein nächster Gedanke aussehen?“. Die Frage selbst ist nicht wichtig, jedoch Ihre Aufmerksamkeit. Sie lässt die Lücke zutage treten, den Raum zwischen Gedanken. Diese Lücke ist reines Bewusstsein. Sie mag flüchtig sein, aber sie ist da. Sobald Sie sich dieser Pause in den Gedanken regelmäßig bewusst werden, wird das Magie in Ihr Leben bringen.
Zurück an die Arbeit. Machen Sie diese Übung noch weitere zwei oder drei Minuten lang, wobei Sie die Frage etwa alle 15 Sekunden erneut stellen. Achten Sie auf die Lücke, sobald sie auftaucht. Halten Sie nach ihr Ausschau, wenn sie nicht da ist. Innerhalb weniger Minuten werden Sie feststellen, dass Ihre Gedanken sich beruhigen und Ihr Körper sich entspannt.
Abbildung 3: Die Lücke
Warum ist das so? Sie beabsichtigen gar nicht, sich zu entspannen oder friedvoll zu werden. Es geschieht von selbst, ohne Ihr Zutun. Warum fühlen und verhalten wir uns so anders, wenn wir uns unseres Bewusstseins gewahr werden? Indem Sie bewusst wurden, konnten Sie mit Ihren Gedanken auf immer höheren und feineren Ebenen in Kontakt kommen. Und auf jeder Ebene ist die Ordnung ausgeprägter und die Energie höher. Die Lücke, die Sie zwischen Ihren Gedanken wahrnahmen, war das Erfahren der Nicht-Erfahrung, die ich bereits erwähnte. Diese Nicht-Erfahrung war reines Bewusstsein.
Meditieren Sie mehrmals täglich eine Minute lang und stellen Sie dabei dem Verstand alle 15 Sekunden eine neue Frage. Sie werden sich bald des Raumes bewusst sein, den Sie zwischen Ihren Gedanken entdeckt haben, selbst wenn Sie anderen Aktivitäten nachgehen, sich z.B. unterhalten oder Auto fahren. Auch wenn Sie nichts anderes tun sollten, als regelmäßig diese kurze Pause zwischen Gedanken zu beobachten, würden Sie sich im Laufe der Zeit energiegeladener fühlen, weniger Stress empfinden und sogar eine geschmeidige Leichtigkeit in Ihren Beziehungen mit anderen feststellen. Vielleicht nehmen Sie auch eine heiterere Stimmung wahr, die ein wenig an Spitzbübigkeit erinnert. Sich gut zu fühlen ist ein Vergnügen. Dieses Empfinden ist die Grundlage für kommende tiefere, erfüllendere Erfahrungen. Doch allein diese Übung lohnt sich schon. Nun wollen wir unser Wissen um die Quelle der Gedanken erweitern, damit wir sie noch intensiver nutzen können.
Die Lücke zwischen Gedanken war das Erfahren der Nicht-Erfahrung. Diese Nicht-Erfahrung war reines Bewusstsein.
6. Wer bin ich?
„Das nicht hinterfragte Leben lohnt es nicht, gelebt zu werden. Die einzig wahre Weisheit besteht darin zu wissen, dass man nichts weiß.“
Sokrates
Vor etlichen Jahren drängte uns Sokrates: „Erkenne dich selbst!“ Haben Sie sich je gefragt, warum er das als so überaus wichtig empfand? Welche möglichen Vorteile hätten wir davon, wenn wir mit unserem Selbst vertraut würden? Und was, zum Kuckuck, ist überhaupt unser Selbst? Lassen Sie uns das einmal näher anschauen.
Wiederholen Sie Übung Nr. 1: Das reine Bewusstsein finden und stellen Sie erneut die Lücke zwischen den Gedanken fest. Machen Sie das einige Minuten lang und stellen Sie dabei eine der Vorbereitungsfragen. Stellen Sie die Frage ungefähr alle 15 Sekunden und denken Sie daran, ganz wachsam zu sein, um festzustellen, was unmittelbar nach dem Fragen geschieht.
Der Erfahrung nach ist diese Lücke zwischen Gedanken nicht gerade etwas, worüber man viel schreiben könnte. Sie ist einfach ein Raum voller Stille, die nur deutlich wird, nachdem ein Gedanke endet und bevor der nächste beginnt. Da in der Pause zwischen den Gedanken kein Denken stattfindet, werden Sie sich des Denkens nicht bewusst sein, bis es wieder einsetzt und vielleicht nicht einmal dann. Der Verstand folgt der Bewegung. Ihn faszinieren Bewegung und Form. In der Lücke sind beide nicht vorhanden. Sie enthält nichts. Nun ja, das Nichts bedeutet nichts für den Verstand. Doch das ist ein schwer wiegender Fehler, und zwar aus folgendem Grund: Alle Gedanken unseres Verstandes kommen aus diesem Nichts, das wir als reines Bewusstsein identifiziert haben. Prüfen Sie selbst. Wiederholen Sie die Übung und beobachten Sie die Lücke. Automatisch und ohne weiteres Zutun. Ihrerseits taucht der nächste Gedanke spontan auf. Er ist taghell, ein brandneuer Gedanke. Das ist recht wundersam, wenn Sie innehalten, um darüber nachzudenken. Jeder neue Gedanke ist ein Wunder der Schöpfung und kommt aus dem Nichts. Deshalb kann das Nichts nicht leer sein. Irgendetwas muss in dem Nichts enthalten sein, sonst könnte es keine Gedanken hervorbringen. Interessant, nicht wahr?
Da in der Pause zwischen den Gedanken kein Denken stattfindet, werden Sie sich des Denkens nicht bewusst sein, bis es wieder einsetzt …
Wiederholen Sie Übung Nr. 1 (S. 33) noch einige Male. Denken Sie insbesondere daran, wachsam zu sein, und achten Sie darauf, was geschieht. Mittlerweile sind Sie schon ein alter Hase darin, die Pause zwischen Ihren Gedanken zu beobachten. Jetzt stelle ich Ihnen die 64 000-Euro-Frage: Wer beobachtet die Lücke? Es gibt keine Gedanken, keine Emotionen, keinerlei Bewegung – doch Sie sind immer noch da, nicht wahr? Sie sind nicht ins Koma gefallen und auch nicht nach Oklahoma gefahren. Sie haben genau hier darauf gewartet, dass wieder ein Gedanke auftaucht. Wer hat da gewartet? Wer ist dieses Sie? Wer beobachtet, wenn der Verstand verschwindet?
Wenn Sie sich mit Ihren Gedanken identifizieren, die in Ihren Erinnerungen und Zukunftsplänen durcheinanderlaufen, dann verweisen Sie auf das „Ich“. „Ich“ ist die Ansammlung von „Dingen“, wie Ihr Alter, Ihr Geschlecht, Ihre Interessen und Vorlieben, Ihre Hoffnungen und Erinnerungen, die Sie Ihr Leben nennen. Doch nichts davon existiert in dem Moment, in dem Ihr Denken stoppt. Um das zu beobachten, müssen Sie bewusst sein, stimmt’s? In dem Augenblick, in dem der Verstand ausgeschaltet wird, sind Sie sich nichts bewusst. In dem Moment existiert nichts außer dem reinen Bewusstsein. Und jetzt haben Sie das Rätsel gelöst, wer Sie wirklich sind: Sie sind Bewusstsein!
Wer beobachtet, wenn der Verstand verschwindet?
Klingt das unmöglich? Die Tatsache selbst lässt sich nicht leugnen. Ihre unmittelbare Wahrnehmung hat gezeigt, dass Ihr inneres Selbst Bewusstsein ist. Ja, bevor das „Ich“ geboren und in das Selbstbild eingefügt wurde, das Sie als Ihr Selbst ausmachen, existierte das einzige Selbst, reines Bewusstsein. Um dieses Tohuwabohu ging es bei den bohrenden Fragen, die Sokrates vor 2500 Jahren stellte. Er ermunterte die Menschen dazu, nicht nur den Inhalt ihrer Gedanken, sondern die Gedanken selbst in Frage zu stellen. Sie und ich wissen freilich, dass das recht schnell zum reinen Bewusstsein führt, dem unteilbaren inneren Selbst.
Lassen Sie uns noch ein wenig darüber nachdenken, dass wir reines Bewusstsein sind. Lassen Sie Ihr Leben noch einmal Revue passieren. Holen Sie einen Moment aus Ihrer Kindheit und dann aus Ihren Jugendjahren her. Erinnern Sie sich jetzt an eine Zeit in Ihren 20er- oder 30er-Jahren, bis Sie bei Ihrem heutigen Alter angelangt sind. Denken Sie an das, was Sie jetzt tun. Im Laufe Ihres Lebens haben sich Ihre Interessen und Gefühle gewandelt, Ihr Körper ist gewachsen und gealtert, die Familie ist älter geworden und Freunde haben gewechselt. Doch da war immer ein Teil von Ihnen, der schon da ist, seit Sie denken können. Er hat sich in allen Lebensphasen nicht gewandelt.
„Ich“ ist die Ansammlung von „Dingen“, wie Ihr Alter, Ihr Geschlecht, Ihre Interessen und Vorlieben, Ihre Hoffnungen und Erinnerungen, die Sie Ihr Leben nennen.
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