Gioia vereint so viele Eigenschaften, die ich mir für mich wünschen würde. Wo ich längst schon über Hund oder Herrchen gerichtet habe, geht Gioia offen auf die Menschen zu oder uninteressiert an ihnen vorüber. Wenn ich das doch auch so könnte. Gioia geht auch schlechter Laune aus dem Weg. Auch meiner!
Gioia hat gelernt, das Beste aus einem Tag zu machen. Wenn sich keiner um sie kümmert, dann tut sie es eben selber. Und wenn man sich um sie kümmert, dann genießt sie das genauso.
Gioia ist transparent, Gioia ist ehrlich, Gioia ist, wie sie ist und versucht nicht, etwas anderes zu sein.
Was ich mir für mich auch oft wünsche. Wenigstens manchmal… hin und wieder. Einfach nur sein und in mir ruhen. Selbstzufrieden, unkritisch. Die Dinge nehmen, wie sie sind und das Beste daraus machen.
Ich könnte jetzt erzählen, wie spannend es war, die ersten Fortschritte in der Erziehung zu machen. Wie Gioia zum ersten Mal über eine grüne Wiese peste und sich im Gras wälzte. Wie sie gelernt hat, immer besser zu gehorchen und Männchen machen konnte oder Sitz und Platz. Ja, alles schön.
Aber das Schönste, was Gioia für mich macht, ist das, was sie aus mir macht. Runterkommen ist wohl das passendste Wort dafür.
Sie zeigt mir sehr deutlich, wenn eine Kommunikation mit mir nicht lohnt, weil ich genervt oder angespannt bin. Wenn man besser einen Bogen um meine Stimmung machen sollte, dann tut sie das ganz einfach. Sie holt mich wieder runter und „belohnt“ mich mit ihrer Freundschaft und ihrem Gehorsam, wenn ich es mir verdient habe. Wenn ich für sie einen respektablen Rudelführer abgebe, dann ist sie auch mehr als bereit, mir zu folgen.
Als Dank darf sie nicht bei mir im Bett schlafen, hat keinen Platz neben mir auf dem Sofa oder bekommt ihr Futter auch nicht vom Tisch, wenn ich esse. Als Dank dafür schaffe ich für sie klare Regeln und versuche, so gut ich es kann, auch für sie transparent zu sein, damit sie sich bei mir wohl fühlt.
Gioia hat ihre Aufgaben in unserem kleinen Rudel, die ihrem Wesen entsprechen.
Da sie nicht gerne mit Bällen spielt, quäle ich sie auch nicht mit Apportierspielen oder Dummy-Übungen, nur weil ich das vielleicht schön fände.
Gioia hat eine ausgesprochen gute Schnüffelnase. Daher darf sie sich bei Schnüffel- und Fährtensuchspiele auspowern, auch wenn das für mich einen gewissen Aufwand bedeutet.
Gioia geht es gut, wenn sie ausgelastet ist. Daher darf sie mich zum Joggen begleiten, auch wenn ich dann immer wieder stoppen muss, weil sie mit einem anderen Vierbeiner spricht.
Gioia liebt Leckerli und löst dafür gerne Aufgaben. Daher darf sie als Therapiehund mit ins Seniorenheim und für Frolic & Co. die alten Menschen erfreuen.
Gioia liebt Wiesen und Maisfelder. Daher finden unsere Spaziergänge oft außerhalb der Stadt statt, auch wenn ich dafür hin- und hergurken muss. Gioia geht gerne jagen. Darüber reden wir in einer anderen Geschichte.
Gioia ist eine kontaktfreudige Hündin und wir versuchen, in Freilaufgebieten diesen Kontakt zu anderen Hunden zu fördern.
Das ist das Mindeste was ich für Gioia tun kann.
Das ist das Mindeste, was ich für mich tun kann.
Leckerli
„Lassen Sie ihre Hunde ruhig los.“
„Nein. Das tue ich lieber nicht. Die sind im Erstkontakt etwas schwierig.“
„Das macht nichts. Meiner kann dann endlich mal sehen, wie das ist.“
„Aha. Die Lektion müsste ich Ihnen aber berechnen.“
„…?“

Schafft Deutschland sich wirklich ab oder war Winnetou doch kein Indianer?
Ein fröhlicher Frühlings-Sonnen-Sonntag lockt mich und meine Hündin raus in die weite Welt der Pankower Grünanlagen. Heute lassen wir das Auto mal stehen und genießen die nähere Umgebung. Es ist noch früh am Morgen und wir hegen die Hoffnung, wenige Familien mit kleinen Kindern und Präventiv-Alle-Hunde-Sind-Kampfhunde-Trauma zu treffen.
Stattdessen treffen wir unterwegs Doreen mit ihrem Vierbeiner, einem dicken Kumpel meiner Hündin. Gemeinsam setzen wir den Weg Richtung Bürgerpark fort, gut gelaunt und fröhlich schnatternd, wie es sich für anständige Hundebesitzerinnen an einem sonnigen Sonntag gehört. Im Bürgerpark angekommen, toben unsere Fellpfoten erst einmal ordentlich über das satte Grün der Wiese. Eigentlich wollen wir noch weiterziehen in die Schönholzer Heide, aber lassen wir die Beiden doch erst einmal toben und schauen mit einem verzückten Lächeln dabei zu.
Nach wenigen Minuten gesellt sich ein älterer Herr mit seinem Rüden zu uns auf die Wiese und setzt auch gleich mit dem Ballspiel ein. Doreen und ich schauen uns an; Augenbrauen hoch, Mundwinkel nach unten, Augen verdreht. Wir verstehen uns. Klarer Fall von Balljunkie. Dieser Hund wird, ein Hoch auf unsere Vorurteile, einige Zeit damit verbringen, seinem Beuteverhalten zu frönen und dem Ball hinterher zu hecheln. Und Herrchen wird – stolz wie Bolle – zehn, 20, 30, 50 mal den Ball werfen und sich freuen, was für einen ausgelasteten Hund er später wieder mit nach Hause bringen wird.
Aber da haben beide die Rechnung ohne Gioia gemacht. La Gioia , möchte man fast sagen, wenn man sieht, wie athletisch sie sich in die Flugbahn des Balles schraubt, diesen aus der Luft angelt, fest zwischen die Hauer nimmt und – ab damit.
Doreen und ich stehen inzwischen mit verschränkten Armen da und schauen als selbsternannte Sonntagmittaghundeflüsterer dem Ganzen amüsiert zu. Oh ja, wir sind stolz auf Gioa, mächtig stolz. Und weder Doreen noch ich kommen auch nur ansatzweise auf die Idee, ihr den Ball wieder abzunehmen. Warum denn auch? Zum einen, um allen Ungehorsamspeinlichkeiten aus dem Weg zu gehen. Und zum anderen ist der Mann selber schuld. Kommt auf eine Wiese, auf der schon zwei Hunde toben und fängt mit dem Ballspiel an. Dass das Probleme gibt, das dürfte ja mal klar sein.
Das sieht der Herr allerdings zunächst einmal anders. Er hat offensichtlich extrem viel Hundeerfahrung sammeln dürfen im Laufe seines Lebens, das bereits deutlich länger andauert als unseres. Und das müsste sich auf jeden Fall bis zu Gioia herumgesprochen haben. Und wenn nicht, dann merkt das ein Hund ja offensichtlich sofort an Mimik und Gestik, woran er bei diesem Manne ist. Daher schreitet er auch sogleich strammen Schrittes auf Gioia zu und schmettert kurz vor ihr ein munteres „Aus!“ über die Wiese.
Wow!
Doreen und ich schauen uns an.
Noch unsicher, was das jetzt werden soll.
Gioia hingegen bleibt relativ unbeeindruckt, da sie weder Befehl noch Mann kennt. Dass sie aber den Ball behalten möchte, das weiß sie ziemlich genau und passt die letzte Sekunde ab, bevor die Hand des Mannes sich ums Bällchen im Mäulchen schließen kann und rennt mit diesem in die andere Ecke der Wiese.
Mann gibt nicht so leicht auf und läuft energischen Schrittes hinterher. „Aus!“, tönt es von 100 Metern auf 9 Uhr.
Gioia legt den Kopf schief, grinst, lässt die Zunge heraushängen und wiegt den Gegner kurz in Sicherheit. Aber schon Sekunden später ist sie wieder mit dem Ball auf und davon.
Der Mann schreitet hinterher, ach was, er rennt geradezu. Ich sehe Doreen fragend an.
„Wir sind weit und breit die einzigen Menschen hier auf der Wiese weit und breit. Wir haben jeder eine Hundeleine in der Hand. Da liegt doch die Vermutung nahe, dass das unsere Hunde sein können. Oder?“
„Jawoll!“
„Warum spricht der Mann nicht mit uns?“
„Keine Ahnung!“
„Aha.“
„Der will das offensichtlich alleine schaffen!“
„Na gut!“
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