Seit jenen Tagen hatte ich LDS mit den Grateful Dead eingeworfen, hatte Southern Comfort mit Janis Joplin gekippt und sogar Chuck Berrys Amp für ihn repariert (er war ja so verdammt dankbar – er bot an, auf meiner Hochzeit zu singen, was er dann aber nicht tat, darum geht’s hier allerdings nicht). Ich war auf Tour mit David Sanborn, James Taylor, Bonnie Raitt, Tom Waits, den Sex Pistols und zahllosen anderen, die euch vermutlich nichts sagen werden. Die einzige Band, mit der ich unterwegs war, die sich mit Van Halen in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren vergleichen lässt, waren die Rolling Stones. Allerdings glaube ich, dass nicht einmal sie in puncto Dynamik mithalten konnten. Ich behaupte nicht, dass Van Halen eine „bessere“ Band waren als die Stones, nein, ich beziehe mich hier nur auf die Power der jeweiligen Liveshows sowie die Fähigkeit, das Publikum zu fesseln. Van Halen waren diesbezüglich das Beste, das ich je gesehen habe. Und ich sag euch noch was: So toll Keith auch in seinem ureigenen Genre sein mag, an Eddie kam er in puncto musikalischer Brillanz und Innovation nicht heran.
War ich also begeistert von der Möglichkeit, Van Halens Durchbruch miterleben zu dürfen? Da könnt ihr euren Arsch drauf verwetten! Hier ging es nicht darum, eine halbfertige Band, die zuvor in erster Linie Coverversionen in kleinen Clubs gespielt hatte, auf Tour zu begleiten. Van Halen waren eine Truppe, die wirkte, als ob sie praktisch von Null auf 100 durchstartete, was zum Teil daran lag, dass sie eigentlich schon seit Jahren komponierten und spielten, wodurch sie sowohl das Repertoire als auch das Charisma einer erfahrenen Band vorzuweisen hatten – einer Band, die sich verzweifelt danach sehnte, den Durchbruch zu schaffen. Und nun erhielt sie die Chance dazu. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. In diesen ersten paar Wochen neben der Bühne zu stehen, gehörte zu den aufregendsten Erfahrungen in meinem Berufsleben. Sie performten brandneues Material vom wahrscheinlich besten Debütalbum, das ich je gehört hatte, und spielten mit einer Haltung und Dynamik, die ihresgleichen suchte.
Apropos erstes Album. Den Großteil davon lernte ich durch die Konzerte kennen, von denen die Band in dieser ersten Woche drei absolvierte. Erst als wir mal einen freien Tag hatten, konnte ich mir die tatsächliche Aufnahme zu Gemüte führen. Und ab da wusste ich es: Diese Jungs sind unaufhaltbar.
Nach Indianapolis – unserer dritten Show an ebenso vielen Tagen – pausierte wir. Doch diese Unterbrechung war nur kurz, da schon am 7. März wieder ein Auftritt, dieses Mal in Madison, Wisconsin, auf dem Programm stand. Am Morgen dieses Tages weckte ich die Bandmitglieder telefonisch. Dies gehörte seit Jahren zu meinem Job, weshalb ich mich bereits an die ungehaltenen Reaktionen, die Anrufe zu dieser Tageszeit verursachten, gewöhnt hatte. Aus irgendeinem Grund sind Musiker keine Frühaufsteher.
„Gute Morgen“, sagte ich üblicherweise mit fröhlicher Stimme. „Gepäck wird in 30 Minuten verladen, Abfahrt ist in einer Stunde.“
Diese Routine zog sich durch jede Tour hindurch, bis zum Schluss. Fast immer erhielt ich eine Antwort wie diese: „Fick dich, Noel! Wir sind gerade erst ins Bett gekommen.“
Als ob das mein Problem gewesen wäre oder ich den Terminplan zu verantworten hatte. Na ja, Letzteres eigentlich schon. Aber sobald die Sache einmal in Stein gemeißelt war, gab es keine Alternative dazu. Das Leben eines Tourmanagers ist komplett der Uhr unterworfen. Wenn er hinter den Zeitplan zurückfällt, sind alle anderen ebenso betroffen. Also muss er nicht nur in Bezug auf Details pingelig sein, sondern auch ein dickes Fell haben. Während dieser ersten Nordamerika-Tour fingen die Jungs jedenfalls an, mich „Li’l Caesar“ zu nennen, womit sie auf mein angeblich diktatorisches Gebaren anspielten. (Tatsächlich besaß ich ja nur sehr wenig Macht.)
Noch vor dem vierten Gig in Madison kam es innerhalb von Van Halens Crew zu einer kleinen, aber nicht unbedeutenden Änderung, was die jeweiligen Aufgabenbereiche betraf. Während einer kurzen nachmittäglichen Probe brach David plötzlich ab und wandte sich an Marshall Berle.
„Hey, Marshall, ich muss dir sagen, dass die Art, wie du die Band ansagst, irgendwie lahm ist.“
Das war schon brutal – und eine erste Andeutung von Davids Direktheit. Allerdings lag er damit völlig richtig. Marshall machte es offenbar nervös, in ein Mikrofon sprechen zu müssen. So waren seine bisherigen Vorstellungen allesamt schrecklich gewesen. Dreimal hatte er sich durch schlimme Versionen von „Ladies and gentlemen … hier sind sie … die großartigen V-V-V-Van Halen!“ gestottert und gestammelt. Er hatte bereits angekündigt, schon bald nach Los Angeles zurückzukehren, weshalb sein Posten als Ansager ohnehin in näherer Zukunft neu besetzt werden musste, doch ich glaube, dass sich David verpflichtet sah, die Sache an Ort und Stelle zu regeln.
„Wer wäre sonst noch verfügbar?“, fragte er und ließ seinen Blick über die Arena schweifen. Wenig überraschend meldete sich niemand freiwillig.
„Es muss jemand sein, der die ganze Tour über dabei ist.“
Wieder hielt David kurz inne, während er die kleine Menschenansammlung, die ausschließlich aus Crew-Mitgliedern und Leuten aus dem Management bestand, ins Visier nahm. Dann sah er mich an.
„Hey, Monk, wie sieht es mit dir aus?“
Verzweifelt versuchte ich, dieser Anfrage auszuweichen, und hob abwehrend die Hände. Auch wenn ich die Band bei jedem Auftritt ihrer Welttournee 1978 begleiten sollte, die insgesamt 174 Shows in weniger als zehn Monaten umfasste, so wollte ich mir doch nicht aufhalsen lassen, zu Beginn jedes einzelnen Konzerts vor Ort sein zu müssen. Außerdem verspürte ich so wie Marshall auch eine beinahe schon krankhafte Ablehnung gegenüber Mikrofonen.
„Danke für das Angebot“, sagte ich, „aber ich muss leider absagen.“
Zu meiner Erleichterung zuckte David mit den Schultern und ließ mich stehen. Puh, das war knapp.
„Okay, wen haben wir denn noch so?“
Aus irgendeinem Grund fiel nun Rudy Leirens Name. Abgesehen davon, dass er gerade da herumstand, konnte ich mir nie wirklich erklären, wieso es dazu kam. Rudy machte einen ausgezeichneten Job als Gitarrentechniker und war Eddie ein treuer Freund, doch soweit ich weiß, verfügte er über keinerlei Erfahrung als Ansager. Er befand sich eigentlich nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
„Komm schon, Rudy“, sagte David und überließ diesem das Mikrofon. Rudy, der aussah, als wäre ihm nicht ganz wohl zumute, räusperte sich und rief: „Die großartigen Van Halen!“
Seine Stimme hallte durch die leere Arena, robust und klar, ohne den Anflug eines Stotterns. Alle lächelten. Es erhob sich sogar ein sanfter Applaus.
„Du bist engagiert!“, lachte David.
Von diesem Augenblick an, bis zur Implosion der Band über sechs Jahre später, war Rudy, der Gitarrentechniker, nun auch Rudy, der Ansager – die körperlose Stimme, die Hunderte Van-Halen-Konzerte eröffnete.
Marshall, dessen offenkundiges Unbehagen verriet, wie fehl er hier am Platz war, tauschte das Leben auf Tour bereits am nächsten Tag gegen die Geborgenheit eines südkalifornischen Bürogebäudes und sollte eine Weile lang nicht mehr zurückkehren. Rudy übernahm seine Aufgabe am Mikrofon, was meiner Meinung nach in jeder Hinsicht ein guter Tausch war. Die Band hatte nun einen glaubwürdigen Ansager, Rudy durfte seine Kumpels ankündigen, und keiner von uns musste sich mehr mit Marshall herumärgern. Ich würde das als Gewinn bezeichnen.
Vom ersten Tag an – bzw. von der ersten Woche an – waren Van Halen eine Band, die gerne abfeierte, was das Zeug hielt, und niemand, der mit ihnen unterwegs war, entkam ihnen dabei. Nicht dass sich irgendjemand darüber beschwert hätte. Dies waren die späten Siebziger, eine Zeit, in der praktisch keiner illegalen Substanz ein Stigma anhaftete, solange sie in Maßen konsumiert wurde, was jedoch sehr relativ war. Die Latte hierfür lag im Musikbusiness und besonders auf Tour nämlich einigermaßen hoch. Die ersten ein, zwei Jahre stellte das nicht wirklich ein Problem dar. Die Jungs tranken gerne und rauchten Gras, weshalb ich unter dem Eindruck stand, dass dieser Lebensstil nicht gerade neu für sie war, als ich sie traf. Doch es hielt sich alles im Rahmen. Zumindest am Anfang. David besaß ein wenig Kohle, weshalb er gelegentlich auch als Ansprechpartner in Sachen Kokain fungierte. Aber es war sicher nicht so, als hätten sie sich vor den Auftritten in der Garderobe Unmengen Koks durch die Nase gezogen. Wir alle verstanden es, hart zu arbeiten, eine großartige Show abzuliefern und erst im Anschluss an den Gig ein wenig abzuschalten, bevor am nächsten Tag alles wieder von vorne losging.
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