Abdul führte die Gruppe weiter, während die beiden Posten zurückblieben.
Es dauerte nur noch wenige Minuten, bis sie den Eingang der Höhle erreichten.
"Folgen Sie mir einfach!", forderte Abdul an Kurt gewandt. "Ich weiß, dass es ziemlich dunkel hier ist, aber jede Form von Beleuchtung könnte den Feind auf uns aufmerksam machen!"
"Schon klar", knurrte Kurt.
Er tastete sich an der Felswand entlang. Der Eingang der Höhle war verhältnismäßig schmal. Der Gang machte nach wenigen Metern eine Biegung. Der flackernde Schein eines Lagerfeuers erhellte den gewölbeartigen Raum, in dem Karalaitis und seine Rekruten kampierten. Schatten tanzten an der Wand. Das Gemurmel unter den Männern erstarb.
Kurt Farmoon blieb stehen.
Einer der Männer am Feuer erhob sich. Es war niemand anders als Jannis Karalaitis.
Der Balte nahm Haltung an und salutierte.
Schließlich war Kurt Farmoon als Fähnrich inzwischen an dem Master Sergeant in der Hierarchie der Garde vorbeigezogen.
"Lassen Sie den Unsinn, Master Sergeant Karalaitis", sagte Kurt.
"Sie sind der Ranghöhere", erinnerte ihn Karalaitis.
"Wie auch immer. Ich freue mich, Sie wohlbehalten, hier anzutreffen."
Karalaitis' Körperhaltung entspannte sich. Er nickte. "Wir sind in einer schlimmen Lage. Vor allem, weil wir keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Die einzigen beiden Hyperfunksender sind zerstört. Aber ich nehme an, dass Abdul und Gary Ihnen das bereits berichtet haben."
Kurt nickte.
"Das haben sie. Und wir haben auch gesehen, was die Kelradan-Angreifer aus dem Vorposten gemacht haben."
Karalaitis Gesicht wurde düster.
Er ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. "Es hat viele Tote dort gegeben. Außerdem dürften ein Reihe unserer Leute in Gefangenschaft sein. Unser Trupp hatte einfach Glück, gerade nicht am Ort des Geschehens zu sein, denn ich glaube kaum, dass wir etwas gegen die Waffen des Doppelkugelraumers hätten ausrichten können." Karalaitis schluckte. Er nahm im nächsten Moment jedoch wieder Haltung an und deutete auf einen Mann, der sich inzwischen auch erhoben hatte.
"Ich habe die Ehre, Ihnen Roy Cabezas vorzustellen, den Kommandanten der SPECTRTAL."
Jetzt war es Kurt Farmoon, der salutierte.
Roy Cabezas, der erste Mann auf dem Mars.
Für Kurt Farmoon war Cabezas eine lebende Legende.
"Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen", sagte Kurt etwas steif.
Cabezas lächelte nachsichtig.
"Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, auch wenn die Umstände nicht gerade günstig sind. Ich habe schon eine Menge von Ihnen gehört, Fähnrich Farmoon. Sie sind der entscheidende Kopf hinter der Entwicklung des X-Space JUMPER ZERO."
"Nun, ich..."
"Seien Sie nicht zu bescheiden, Farmoon."
"Jedenfalls sind Sie zweifellos der ranghöchste anwesende Offizier, Kommandant Cabezas. Also hätten Sie auch Anspruch auf das Kommando."
Cabezas zuckte die Achseln und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich bin Raumfahrer und habe darüber hinaus einige Zeit als Gefangener einer künstlichen Intelligenz zugebracht, die in mir einen willkommenen Gesellschafter sah. Alles, womit ich mich auskenne sind Rechner. Aber Situationen wie die, in der wir uns gerade befinden, können Sie mit Sicherheit viel besser meistern, Fähnrich Farmoon."
"Aber..."
"Kein aber. Ich verzichte auf das Kommando. Sagen Sie uns, was wir machen sollen, um aus diesem Schlamassel wieder herauszukommen."
Kurt nickte schließlich.
"Wenn Sie meinen."
Eine kurze Pause entstand. Jannis Karalaitis nutzte sie dazu, um wieder zu Wort zu kommen und das Gesprächsthema auf das Wesentliche zu lenken. "Wenn die CALLISTO in fünf Tagen kein Signal durch den inzwischen zerstörten Hyperfunksender des Vorpostens empfängt, wird sie im Boulanger-System auftauchen und direkt in ihr Verderben fliegen", stellte der Master Sergeant fest. "Der Kelradan-Raumer ist der CALLISTO ohne Zweifel an Kampfkraft weit überlegen. Ich habe mir schon das Hirn zermartert, aber bislang habe ich keine Möglichkeit gefunden, wie wir Major Acondo und seine Leute warnen können." Der Master Sergeant atmete schwer und warf Kurt Farmoon einen bitteren Blick zu. "Ein Hyperfunksender lässt sich leider nicht so leicht zusammenbasteln wie eine Bombe, die Roboter zu zerstören vermag!", fügte er schließlich noch hinzu. "Das zweite Problem, um das wir uns kümmern müssen, sind die Gefangenen, die die Kelradan gemacht haben."
"Haben Sie irgendeine Ahnung, was die Kelradan überhaupt hier suchen?"
"Ich nehme an, dass sie von den Tirifotium-Vorkommen auf Eldorado gehört haben. So etwas weckt natürlich die Gier."
"Aber würde das Kelradan-Imperium deswegen einen Konflikt mit Terra riskieren?", fragte Wladimir.
Karalaitis schüttelte den Kopf. "Es sind wahrscheinlich keine regulären Truppen des Imperiums. Soweit unsere Leite das herausfinden konnten, trägt der Doppelkugelraumer, von dem der Angriff ausging, keinerlei offizielle Kennung der Kelradan-Flotte."
"Das kann natürlich auch Tarnung sein", warf Wladimir ein. "Eine verdeckte Operation oder dergleichen."
"Ich glaube eher, dass wir es mit Abtrünnigen zu tun haben. Irgendeine Rebellenorganisation, die auf eigene Faust handelt."
Das Kelradan-Imperium mit seiner Zentralwelt Kelradania umfasste nominell mehr als zehntausend besiedelte Planeten. Die humanoiden und äußerlich den Menschen zum verwechseln ähnlichen Kelradan hatten die Alienwandler-Technologie schon ein paar Jahrhunderte früher als die Menschheit von Terra entdeckt. So hatten sie ein weit verzweigtes Netz von Kolonien schaffen können. Aber gerade in den Randbezirken des Reiches stand die Herrschaft Kelradanias mehr oder minder nur auf der Datenfolie. Ein dermaßen ausgedehnter Machtbereich ließ sich einfach nicht bis ins letzte kontrollieren und von einer einzigen Zentralwelt aus lenken.
"Es gibt Dutzende von Autonomiebewegungen in den Kolonien", erläuterte Karalaitis. "Allerdings berichten unsere Medien darüber kaum. Man muss sich schon bemühen, die entsprechenden Berichte aus dem Datennetz zu fischen, wenn man sich dafür interessiert."
"Was unser nächstes Vorgehen angeht, ändert sich durch die Frage, ob es sich um Renegaten oder reguläre Kelradan Verbände handelt, erst einmal nichts", stellte Kurt fest. Er sah Karalaitis ins Gesicht. "Ich nehme an, Gary Keogh und Abdul Al-Zia waren nicht die einzigen Posten, die Sie in der Umgebung verteilt haben." Kurt ließ den Blick durch die Höhle schweifen. Seiner Schätzung nach waren von den etwa vierzig Mann in Karalaitis' Truppe etwa die Hälfte nicht in der Höhle.
"Richtig", sagte Karalaitis.
"Ich schlage vor, Sie holen als erstes alle Männer zurück. Natürlich bis auf ein paar Posten in unmittelbarer Nähe des Höhleneingangs, die verhindern sollen, dass uns hier unliebsamer Besuch überrascht."
"Wir sind auf Boten angewiesen", erinnerte Karalaitis. "Jegliche Form von Funkkontakt wäre unser Ende! Also wird es ein paar Stunden dauern, bis alle hier sind."
"Dann schicken Sie die Boten jetzt los. Wir brauchen nämlich an den kommenden drei Tagen jeden Mann."
Roy Cabezas hob die Augenbrauen.
"Heißt das, Sie haben einen Plan?", fragte der Kommandant der SPECTRAL.
Kurt zuckte die Achseln.
"Plan ist ein bisschen übertrieben. Eine vage Idee würde ich eher sagen. Aber mit Ihrer beider Hilfe wird sicher noch ein richtiger Plan daraus!"
*
In den nächsten Stunden trafen nach und nach die von Karalaitis ausgesandten Gardisten in der Höhle ein.
In dieser Zeit wurde intensiv über das weitere Vorgehen beraten.
Kurt Farmoon wandte sich an Roy Cabezas. "Wissen Sie, wo sich die Gefangenen befinden?"
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