Pablo lachte heiser, und die anderen grinsten dazu erwartungsvoll.
„Wenn du spielst, mußt du dich auch an die Regeln halten“, sagte er ungerührt. „Bilde dir nur nicht ein, daß ich mich auf eine so plumpe Weise übers Ohr hauen lasse. Da such’ dir lieber gleich einen Dümmeren aus, es gibt ja genug Idioten an Bord dieses verdammten Kahns.“
Für einen Moment herrschte Totenstille. Die Spielkumpane blickten in gespannter Erwartung auf die massigen Körper der beiden dunkelhäutigen Giganten.
Sie wurden nicht enttäuscht.
Die Rechte Cascos zuckte blitzschnell zum Gürtel, und einen Lidschlag später blitzte die Klinge seines Messers grell im Licht der Vormittagssonne.
Jawohl, über der versteckten Bucht im Labyrinth der Islas de Mangles vor der westlichen Südküste Kubas brauten sich an jenem 23. April im Jahre des Herrn 1594 Wolken des Unheils zusammen.
Schon seit Tagen spürte jeder an Bord des schwarz gestrichenen Zweideckers mit dem anspruchsvollen Namen „Caribian Queen“, daß etwas in der Luft lag, aber keiner der Piraten konnte sich einen Reim darauf bilden. Die Stimmung an Bord glich der dumpfen Atmosphäre, die einem heftigen Gewitter vorausgeht.
Eigentlich hatte der sonnige Apriltag recht harmlos begonnen. Ein halbes Dutzend der verluderten Kerle hatte sich auf der Back im Schatten des mächtigen Schanzkleides hingehockt und ließ einen Würfelbecher kreisen. Kleinere und größere Häufchen von Perlen sowie Gold- und Silbermünzen wechselten ihre Besitzer und wurden von gierigen Händen hin und her geschoben.
Jetzt aber hatten die Piraten kaum noch Interesse an den Münzen. Ihre Augen waren auf Casco und Pablo gerichtet. Endlich passierte mal wieder etwas auf diesem Teufelskahn, auf dem die Kerle seit dem Anlaufen des Schlupfwinkels im Dezember des vergangenen Jahres tatenlos herumgammelten. Die nervtötende Warterei ging ihnen schon lange aufs Gemüt. Da half es auch nicht, wenn von Zeit zu Zeit eine kleinere Gruppe zum kubanischen Festland übersetzte, um dort in einer der zahlreichen Hafenkneipen mal tüchtig auf die Pauke zu hauen.
Das war ohne Zweifel der begehrteste Zeitvertreib, denn die glutäugigen Schönen, die fast schon zum Inventar der Spelunken gehörten, warfen allem, was Hosen trug, verführerische Blicke zu, und nicht nur das. Trotzdem hatten es die meisten Schnapphähne von der „Caribian Queen“ längst satt, einen Großteil ihrer Zeit faul an Bord herumzulungern oder bei den zahlreichen Glücksspielen ihre Barschaft zu verjubeln. So verschlechterte sich die Stimmung von Tag zu Tag mehr, und immer wieder mußte sich mal einer der Kerle „Luft“ verschaffen – gleich auf welche Weise.
Auch Casco war seit Tagen übelgelaunt. Kein Wunder, daß er jetzt die Nasenflügel blähte wie ein Büffel, der im Begriff ist, seinen Gegner auf die Hörner zu nehmen. Seine Rechte umklammerte den Griff des Messers, seine Augen funkelten tückisch.
„Komm her, du Ratte!“ zischte er. „Niemand bezeichnet mich ungestraft als Falschspieler. Auch du nicht.“
„Trotzdem hast du mich beschissen!“ schnaubte Pablo. „Alle können das bezeugen. Außerdem scheinst du die Hosen gestrichen voll zu haben. Warum sonst brauchst du einen Piekser? Deinen zarten Fäusten traust du wohl nichts mehr zu, wie?“
Casco warf einen verdutzten Blick auf sein Messer.
„Na schön“, sagte er dann mit rauher Stimme, „du sollst es haben, wie du willst – heiß oder kalt, langsam oder schnell. Wenn du dich vor einem Messerkampf fürchtest, bin ich gern bereit, dir mit den Fäusten was zu verpassen. Aber verlaß dich drauf – ich werde dir jeden Knochen einzeln brechen.“ Mit einer raschen Bewegung schob er das Messer in den Gürtel zurück.
Pablo quittierte das mit einem höhnischen Grinsen.
„So ist’s besser, Freundchen. Und jetzt zeig endlich, ob du deine großspurigen Versprechungen auch einhalten kannst.“ Sein narbiges Gesicht nahm einen lauernden Ausdruck an. Er stand nach vorn gebeugt wie ein Gorilla und hatte die Hände zu Fäusten geballt.
„Und ob ich dir das zeigen werde!“ stieß Casco hervor. Fast gleichzeitig wuchtete er seinem Gegner eine rechte Gerade entgegen.
Pablo hatte jedoch damit gerechnet. Er kannte die wilde und ungestüme Art Cascos und ebenso seine Verschlagenheit, Skrupellosigkeit und Hinterlist. Da er dem Kreolen, was diese und einige andere Charaktereigenschaften betraf, durchaus ebenbürtig war, reagierte er entsprechend. Trotz seiner massigen Gestalt war er flink und beweglich. Er tauchte blitzschnell unter der Faust Cascos weg und rammte diesem den kantigen Schädel in die Magengrube.
Casco keuchte und krümmte sich für einen Moment zusammen. Dann entrang sich ihm ein wütender Aufschrei, der an das Brüllen eines Ochsen erinnerte.
„Jetzt bist du endgültig dran!“ schrie er mit haßverzerrtem Gesicht. „Dir drehe ich die Nase so auf den Rücken, daß du dein eigenes Hinterteil betrachten kannst.“
„Versuch’s doch“, entgegnete Pablo wild. Im selben Augenblick stießen seine Pranken zu. Offensichtlich wollte er seinen Rammstoß mit den Fäusten wiederholen, um dem Kreolen abermals die Luft aus dem mächtigen Brustkorb zu jagen.
Doch diesmal war Casco auf der Hut. Er blockte den Hieb geschickt ab und erwischte seinen Gegner mit einem harten Schlag gegen die rechte Schulter.
Pablo wurde ein Stück um die eigene Achse gerissen. Dennoch reagierte er geistesgegenwärtig und ging sofort in die Hocke, denn der zweite Hieb Cascos hätte ihn ohne Zweifel am Kopf erwischt und von den Beinen gefegt. So aber stieß die Faust des Kreolen ins Leere, und er torkelte durch die Wucht des eigenen Schlages ein Stück vor.
Pablo nutzte das aus. Noch in der Hocke wirbelte er herum, warf sich der Länge nach zu Boden und griff nach Cascos Beinen. Bevor dieser zur Seite springen konnte, zog er ihm die Füße unter dem Körper weg, so daß der bullige Mann mit einem wüsten Fluch auf die Planken krachte.
Die Zuschauer, die den Schlagabtausch mit Begeisterung verfolgten, brüllten lachend auf. Solange sie Casco kannten, hatte es noch keiner geschafft, den Bullen auf eine so simple Weise aufs Kreuz zu legen.
Aber sie freuten sich zu früh. Der Kampf strebte rasch seinem Ende entgegen.
Pablo, der Casco an Körperkräften unterlegen war, wollte seinen bisherigen Erfolg auskosten. Der Gedanke, am Ende doch noch der Unterlegene zu sein, war ihm unerträglich, deshalb riß er mit einer jähen Bewegung sein Entermesser aus dem Gürtel. Er wollte unter allen Umständen verhindern, daß der Kreole wieder auf die Beine kam. Schon Sekunden danach zerschnitt die scharfe Klinge seines Messers die Luft und raste auf Casco zu.
Einen Atemzug lang sah Casco dem Tod ins Auge, dann warf er seinen schweren Körper in einem wilden Aufbäumen zur Seite. Das Messer fuhr mit einem dumpfen Geräusch in das Holz der Schiffsplanken.
Casco schäumte vor Wut. Mit einem Schrei, der seinen ganzen Haß zum Ausdruck brachte, griff er ebenfalls zum Messer. Dabei verwünschte er sich selber, weil er es zu Beginn des Kampfes in den Gürtel zurückgesteckt hatte.
Bevor Pablo die scharfe Klinge seiner Waffe aus dem Holz ziehen konnte, war sein Schicksal besiegelt.
„Stirb, du hinterlistiger Hund!“ brüllte Casco und stieß dem narbengesichtigen Burschen, der noch halb über ihn gebeugt war, von unten das Messer in die Brust.
Pablo kippte zur Seite und rollte auf den Rücken. Ein Röcheln verriet dem bulligen Kreolen, daß er seinen Gegner endgültig besiegt hatte. Trotzdem warf er sich in seiner unbändigen Wut über Pablo und hätte ohne Zweifel ein zweites Mal zugestoßen, wenn ihn nicht plötzlich die Stimme einer Frau in die Wirklichkeit zurückgerissen hätte.
Die Stimme gehörte der Black Queen, jener halbnackten Negerin mit dem athletischen Körperbau, die den gefürchteten Zweidecker mit eiserner Hand regierte und sich zum Ziel gesetzt hatte, die gesamte Karibik zu beherrschen.
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