Fünf Hunde waren es. Im Nu hatten sie ihn umzingelt und schnappten nach seinen Beinen. Einer versuchte, an ihm hochzuspringen und seine Kehle zu packen. Caligula setzte sich mit der Kette zur Wehr.
Es gab keine andere Möglichkeit. Er hielt sie mit beiden Händen und ließ sie wirbeln. Der erste Hund brach blutend zusammen. Caligula schöpfte Hoffnung und drosch wie ein Verrückter mit der Kette auf die übrigen Tiere ein. Auf die Köpfe, gegen die Kiefer, ins Rückgrat – er schlug sie, wo er sie treffen konnte.
Winselnd gingen wieder zwei Bluthunde zu Boden. Jetzt hatte Caligula nur noch zwei gegen sich. Sie sprangen um ihn herum, knurrten und schnappten erneut nach seinen Waden.
Die Kette surrte durch die Luft. Caligulas Gesicht war verzerrt. Er mußte sie treffen, immer wieder treffen, sonst war er verloren. Schon schienen die Reiter heranzusein. Er hörte das Hufgetrappel überlaut, es schien in seinen Ohren zu dröhnen, und er konnte auch die Stimmen der Männer vernehmen.
Der vierte Hund blieb, von der Kette getroffen, auf der Strecke. Doch jetzt passierte Caligula ein Mißgeschick. Er wich zurück, um dem Biß des fünften Hundes zu entgehen, strauchelte dabei aber über die Luftwurzel eines Mangrovenbaumes. Er fiel – und mit einem Satz war der Hund über ihm.
Caligula stöhnte. Um ein Haar hätte er sich den Hinterkopf an dem Baumstamm gestoßen. Doch er hatte noch einmal Glück. Und nur Schnelligkeit konnte jetzt entscheiden, denn der große, schwere Hund schnappte mit den spitzen Zähnen nach seinem Hals.
Mit den Ketten konnte Caligula nichts mehr gegen ihn ausrichten. Er stieß den Hund mit der linken Hand zurück, mit der rechten riß er eins der Messer aus dem Gurt. Bevor die messerscharfen Zähne seinen Hals trafen, stach er zu.
Mit einem verhaltenen, jammernden Laut sank das Tier zusammen. Caligula schob es von sich fort, sprang auf und zückte eine Pistole. Es prasselte im Dickicht – der erste Reiter stürmte daraus hervor und hielt auf ihn zu.
Caligula sprang nach links, duckte sich etwas und legte, die Pistole mit beiden Händen haltend, auf den Reiter an. Der Schuß krachte, ein Feuerblitz stach als grellrote Zunge durch die Nacht. Er traf. Der Soldat warf die Arme hoch und kippte aus dem Sattel, ehe er selbst mit seiner Muskete auf Caligula anlegen konnte.
Der Soldat landete auf dem Waldboden und regte sich nicht mehr. Sein Pferd stieg auf, schlug mit den Vorderläufen und wieherte. Dann setzte es sich wieder in Bewegung und wollte davongaloppieren.
Gebrüll ertönte im Urwald, die anderen Soldaten hielten, durch den Schuß alarmiert, auf den Kampfplatz zu. Caligula lief neben dem Pferd her, packte seine Zügel und hielt es fest.
Das Pferd schnaubte vor Angst, es schien die Gefahr zu spüren, die von dem schwarzen Riesen ausging. Doch Caligula gab nicht auf. Er zerrte es an den Zügeln zu sich heran. Er wußte, daß es falsch war, das Tier zu schlagen, und brachte es – trotz der prekären Lage – fertig, ein paar besänftigende Worte zu murmeln. Tatsächlich beruhigte sich das Tier.
Flüche und Rufe ertönten, Pferde wurden gezügelt. Die Soldaten hatten ihren toten Kameraden und die toten Bluthunde gefunden.
„Er muß hier irgendwo sein!“ schrie jemand. „Ganz in der Nähe! Er ist bewaffnet! Nehmt euch in acht!“
Caligula überlegte, ob er sie aus dem Hinterhalt angreifen sollte. Nein, auch das war falsch. Er wußte nicht, wie viele Soldaten es waren. Er hatte nur noch die eine Pistole zur Verfügung und hatte gewiß keine Zeit zum Nachladen. Nein – er mußte die Flucht fortsetzen.
Er stieg in den Sattel des Pferdes, schnalzte mit der Zunge und murmelte wieder ein paar Worte. Dann drückte er ihm die Hacken in die Weichen. Das Pferd gehorchte seinem Willen und trabte an. Caligula mußte höllisch auf Hindernisse achten. Schon eine Luftwurzel konnte zum Verhängnis werden.
Hinter ihm nahmen die Soldaten wieder die Verfolgung auf. Sie schienen das Hufgeräusch des Pferdes gehört zu haben und orientierten sich daran.
Caligula beschleunigte das Tempo etwas, als er einigermaßen sicher im Sattel saß. Tief über die Mähne gebeugt, ritt er weiter und versuchte, das Pferd von seinem Gewicht zu entlasten. Das Pferd hatte sich ebenfalls auf ihn eingestellt. Wir beide geben ein gutes Gespann ab, dachte Caligula. Hilf mir, von hier zu flüchten, du wirst es nicht bereuen.
Kurze Zeit darauf stieß er auf einen Bachlauf und lenkte, ohne zu zögern, das Pferd hinein. Eine Weile ritt er im Wasser und ließ das Tier in einen leichten Galopp fallen, dann wandte er sich erneut nach Süden und verschwand im Dschungel.
Die Soldaten trafen am Bach ein und suchten die ganze Umgebung nach dem schwarzen Mann ab. Doch sie entdeckten nichts, es gab keine Spur. Sie hörten ihn auch nicht mehr. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
Ohne die Bluthunde konnten die Soldaten die Fährte nicht mehr aufnehmen. Sie hatten sie verloren, jeder weitere Versuch, in der Dunkelheit doch noch auf die Fährte zu stoßen, schien sinnlos zu sein.
Dennoch fahndeten sie die ganze Nacht über nach dem Flüchtigen. Ohne Erfolg. Bis in die frühen Morgenstunden dauerte die Suche, und Don Antonio fand keinen Schlaf mehr.
Er hockte in seinem Raum und dachte mit verkniffener Miene darüber nach, was geschehen würde, wenn Caligula wirklich nicht gefunden wurde. Würde der Kerl nicht auf Rache sinnen und mit Verstärkung nach Havanna zurückkehren?
Diesen Verdacht wurde Don Antonio de Quintanilla nicht mehr los. Er hatte allen Grund, besorgt zu sein.
Caligula ritt durch den Urwald, seine Gedanken waren jetzt schon bei der Black Queen. Er hatte in Havanna nicht erfahren, ob Don Juan de Alcazar, der mit Cariba zur Schlangen-Insel unterwegs war, Erfolg gehabt hatte. Aber auch das würde sich noch herausstellen. Wichtig war jetzt, an Bord des Zweideckers zurückzukehren, ihr Bericht zu erstatten und zu beraten, wie man weiter verfahren sollte.
Außerdem war es ratsam, an Bord der „Caribian Queen“ nach dem Rechten zu sehen. Ganz richtig war sein eigenmächtiges Handeln doch nicht gewesen. Er konnte nur hoffen, daß die Kerle nicht aufsässig geworden waren. Sollte dies der Fall sein, würde er ihnen die Peitsche zu kosten geben – Kerlen wie Casco beispielsweise, die dauernd etwas zu meckern und zu murren hatten.
Caligulas Flucht, zumindest aus Havanna, war gelungen …
ENDE
Frank Moorfield
Meuterei auf der Caribian Queen
Casco drehte den Becher um und knallte ihn hart auf das Holz der Schiffsplanken. Die Spieler starrten wie gebannt auf die Würfel.
„Zum Teufel, jetzt hab’ ich dich endlich geschafft!“ brüllte der bullige Kreole, der die Muskeln und den Nacken eines Kampfstieres hatte. Er hieb sich mit beiden Pranken auf die Schenkel und grinste von einem Ohr zum anderen. Sein Gesicht glich in diesem Augenblick einer dämonischen Fratze, wozu sicherlich auch seine verknorpelten Ohren sowie die breitgeschlagene Nase beitrugen.
„Gar nichts hast du geschafft“, sagte Pablo. „Wir sind jetzt lediglich auf dem gleichen Stand.“
„Was soll das heißen, du Ratte?“ In den pechschwarzen Augen Cascos glomm ein gefährliches Feuer.
„Daß du mich beschissen hast“, erwiderte Pablo wütend. Er war ein vierschrötiger Kerl, muskelbepackt und mit einem Gesicht voller häßlicher Narben.
Der Kreole fuhr von den Planken hoch.
„Reiß dein Maul nur nicht zu weit auf!“ stieß er hervor. „Ein einziges Wort noch, und ich zerquetsche dich zwischen Daumen und Zeigefinger wie eine Kakerlake.“
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