Nun stand seine Frau erneut mit verschränkten Armen im Türrahmen, zog ein ärgerliches Gesicht. » Du musst ja schließlich nicht den ganzen Tag hier herumsitzen, darauf warten, dass der Tag vorüber geht und dich langweilen«, meckerte sie vorwurfsvoll.
»Dann geh gefälligst spazieren oder suche dir sonst irgendeine Beschäftigung. Zum Beispiel könntest du hier drin wieder mal gründlich sauber machen«, gab er wütend zurück.
»Das kann ich wohl kaum den ganzen Tag lang tun. In dieser scheußlichen Bruchbude ist das ohnehin vergebliche Liebesmüh. Der helle Kunststoff ist dank unserer Vormieter total verkratzt, den bekommt man nie mehr sauber. Und wo wäre eigentlich das Problem, wenn wir uns so eine Mediatapete holen würden? Sogar die asoziale Sabine von nebenan hat schon eine und ist total glücklich damit!«
Philipp seufzte. Er hatte es ihr schon so oft erklärt. »Weil wir kein überzähliges Geld besitzen! Jetzt haben wir grade erst das alte Auto abbezahlt, auf dem Konto ist Ebbe.«
»Aber das ist bei der Sabine auch nicht anders. Sie hat sich einfach so eine NullProzentFinanzierung beim Megatech Markt besorgt. Wenn sie eines Tages die monatlichen Raten nicht mehr bezahlen kann – na und? Dann geht sie eben in Privatinsolvenz. Das hat sie vor ein paar Jahren schon einmal gemacht. Wer nichts hat, dem kann man auch nichts wegnehmen. Wir sind doch eh ständig pleite. Aber mit Mediatapete könnte ich das sicherlich besser ertragen.«
»Die Sabine arbeitet nicht, das ist ein großer Unterschied. Mir könnte man jedoch im Zweifelsfall den Lohn pfänden.
Wir würden am Ende unser Auto verlieren, und wie sollte ich dann bitteschön zur Arbeit, ans andere Ende der Stadt, gelangen? Du weißt doch genau, wie beschissen es um die Öffentlichen Verkehrsmittel bestellt ist. Sie sind zu jeder Tagesund Nachtzeit total überfüllt. Mittlerweile ist es lebensgefährlich, sich in die Bahnhöfe der Transrapid Magnetbahn zu wagen. Erst neulich ist mein Arbeitskollege Erik an der Station Alexanderplatz halb tot geprügelt worden.«
Swetlana gingen vorläufig die Argumente aus. Sie seufzte resigniert, entfernte sich schmollend.
Terra, 24. Dezember 2116 nach Christus, Donnerstag
Am späten Vormittag wurden vier Rollen, allesamt in Raumhöhe, bei der Wohnung der Emmersons angeliefert. Swetlana hatte das Sonderangebot des Elektro großmarkts genutzt und, ohne das Einverständnis ihres Ehemanns einzuholen, auf Pump eine halbwegs erschwingliche Mediatapete geordert. Zwei kräftige Megatech Männer schleppten die silbrig glänzenden Rollen fluchend das Treppenhaus hinauf bis zum siebten Stockwerk. In den Aufzug passten die sperrigen Dinger nicht hinein.
Philipp wollte drei Stunden später vor Wut schier platzen. Noch stand er mit gezückter Chipkarte vor der Wohnungstür, aber schon von hier draußen vernahm er überdeutlich die charakteristische Geräuschkulisse einer Nachrichtensendung, die immer wieder von Werbeeinblendungen unterbrochen wurde.
Neuerdings waren die Fernsehanstalten dazu übergegangen, selbst die Informationen über das Weltgeschehen mit, scheinbar bestens zum jeweiligen Thema passenden, Werbespots zu durchbrechen. Lief beispielsweise ein Beitrag zu den Gefahren der Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung, wurde gleich danach ein besonders reines Mineralwasser angepriesen.
Der Berichterstattung über den erneut ausgebrochenen Krieg zwischen Nord- und Südkorea folgte ein holografisches 3D-Game, mit dem man haargenau diesen Konflikt spielerisch im heimischen Wohnzimmer nachvollziehen konnte; so realistisch, als befände man sich tatsächlich im Kriegsgebiet.
Philipp zog die Karte durch den Schlitz und wartete zwei Sekunden, bis die Kontrollleuchte grünes Licht zeigte. Er atmete tief durch und betrat mit gerunzelter Stirn seine Miniwohnung. Swetlana sah ihn gar nicht kommen, denn sie übte sich vor der riesigen Bildfläche in Gestensteuerung.
Er tippte ihr auf die Schulter. »Hör mal, musst du mir diesen Tag vollends vermiesen? Es reicht mir schon dicke, dass ich heute ab 18 Uhr Bereitschaft für das Klärbecken aufgedrückt bekommen habe. Wer weiß, was die Leute am Weihnachtsabend wieder alles ins Klo schmeißen!
Zusätzlich kann ich mir hier im Haus den Hintern aufreißen. Manche Dinge ändern sich eben nie, jedes Jahr dasselbe Theater. Abfackelnde Weihnachtsbäume, Selbstmordkandidaten, tätlich ausgetragene Familienkonflikte … ich könnte kotzen, wenn ich an das letzte Weihnachtsfest zurückdenke. Und zur Krönung des Ganzen bugsierst du uns mit dem verdammten Ding da ins finanzielle Abseits. Eigentlich könnte ich ja gleich aus dem Fenster springen!«
Swetlana strahlte immer noch, schloss Philipp anstelle einer Erwiderung in die Arme. Er vermochte die merkwürdige Reaktion nicht einzuordnen, blieb hölzern stehen.
»Nun rege dich bitte wieder ab, mein Schatz. Wir haben heute auf jeden Fall Grund zum Feiern. Zum ersten Januar werde ich eigenes Geld verdienen. Die Hausverwaltung hat mir eine Putzstelle verpasst. Ich säubere in Zukunft unser Treppenhaus. Also können wir uns diese Mediawand durchaus leisten. Na, was sagst du?«
Philipp war immer noch nicht zum Lachen zumute, doch er liebte seine Frau. Also schluckte er die Bemerkung, dass man üblicherweise zuerst Geld verdiente und es dann erst ausgab, im letzten Moment hinunter.
»Na schön … wenn das Ding nun mal da ist, sehe ich mir jetzt den Rest der Nachrichten an«, meinte er augenzwinkernd. Gemeinsam setzten sie sich auf die verschlissene Couch.
» … scheint dank der Mikrorobotik nun endlich der finale Coup gegen die Terrormiliz IS gelungen zu sein. Ferngelenkte Nanodrohnen in Wespenform spritzen den Führungspersonen hochwirksames Nervengift unter die Haut, worauf sie in fürchterlichen Zuckungen einen grausamen Tod sterben. Mittlerweile finden sich für höhere Positionen kaum noch Kandidaten. Dem Dschihad geht allmählich der Nachschub aus«, vermeldete der geschniegelte Nachrichtensprecher.
»Na endlich. Lange genug hat es gedauert«, knurrte Philipp schadenfroh. Die zugehörigen Bilder flimmerten in brillanter Qualität über die Tapete. Ein bärtiger Araber mit Turban und Maschinengewehr hauchte soeben schlotternd und sabbernd sein Leben aus. Fast meinte man, der Islamist würde inmitten des Wohnzimmers verenden, so täuschend echt wirkten die dreidimensionalen Aufnahmen.
Unvermittelt erschien eine überdimensional große Tablettenpackung auf der Bildfläche. Eine schmale, top manikürte Frauenhand reichte sie quasi aus der Tapete.
»Die lang ersehnte Rettung für Epileptiker – garantiert ohne lästige Nebenwirkungen. Gleiter fliegen, zum Mars reisen, an Maschinen arbeiten, pure Lebensqualität genießen … mit diesem innovativen Medikament wird das künftig kein Problem mehr sein«, versprach eine säuselnde weibliche Stimme.
*
Sechs Monate später flimmerte eine Werbung der besonderen Art über die oft und gern genutzte Wundertapete. Sie wurde von der Bundesregierung in Kooperation mit der Europäischen Union und der ESA ausgestrahlt, entsprechend plakativ in Szene gesetzt.
Man sah eine attraktive Frau mittleren Alters, die lächelnd in einem kleinen Gemüsegarten stand. Im Hintergrund leuchtete ein Wohnmodul aus weiß glänzendem Kunststoff, das sich kontrastreich gegen den blauvioletten Himmel abhob. In einiger Entfernung erkannte man schroffe rötliche Bergkämme.
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