Von der Existenz des Riffs erfuhren die Portugiesen erst, als sich das Schicksal nicht mehr abwenden ließ. Giganten und Dämonen der Tiefsee schienen jäh mit riesigen Hämmern auf den Kriegssegler einzuschlagen, so hörte es sich an. Da war ein Dröhnen und Krachen, das alles andere übertönte, und ein gewaltiger Ruck lief durch das ganze Schiff. Monforte spürte, wie seine Galeone hochgehoben wurde, und er wußte sofort, was das zu bedeuten hatte.
Dann schrie es auch der erste Offizier: „Wir laufen auf!“
Niemand konnte sich auf den Beinen halten. Alle fielen, als die „Sao Sirio“ ihren Rumpf auf das schartige Riff setzte, die Felsen die Planken wie lächerliches Weichholz knackten und Wasser rauschend durch die Lecks eindrang.
Das Schiff krängte mehr und mehr. Alvaro Monforte sah Männer über das Deck schießen und hörte sie brüllen, als sie im Strudel der Fluten übers Schanzkleid glitten und in der See verschwanden. Er klammerte sich an einem Manntau fest, schloß die Augen in ohnmächtigem Entsetzen und flüsterte: „Ave Maria, heilige Mutter Gottes, barmherzige Jungfrau Maria, steh uns bei.“
Urmächte richteten sich zu allen Seiten der Galeone auf, Klauen der Finsternis schienen sich nach den Männern auszustrecken. Die „Sao Sirio“ brach auf dem, Riff auseinander, neue Schläge trafen sie. Seeleute, Soldaten und Offiziere wurden wild durcheinandergewirbelt.
„Die Beiboote abfieren!“ rief der Kapitän noch. Aber er selbst war sich im klaren darüber, wie unsinnig diese Order war. Auch die Boote zerschellten. Alles ging im Brüllen und Tosen des Sturmes unter.
Die Männer bekreuzigten sich und bekannten ihre Sünden, flehten um Gnade und Erbarmen. Einige sprangen freiwillig ins Wasser, denn die „Sao Sirio“ war jetzt eine tödliche Falle, die jeden Augenblick alle noch Lebenden unter ihren Trümmern begraben konnte.
Monforte stieß sich den Hinterkopf an einem über Deck trudelnden Balken des zerfetzten Schanzkleides. Es dröhnte in seinem Schädel, fast schwanden ihm die Sinne. Er wußte nicht mehr, wo der erste Offizier war, wo die anderen Offiziere, wer noch lebte, wen es erwischt hatte – er sah nur eine düstere, wogende Masse aus Leibern vor sich. Er hörte das Geschrei und das Heulen aller Dämonen der Hölle, das Orgeln von Feuerstürmen. Und er glaubte, gleichzeitig bronzene Glocken tönen zu hören und die Apokalyptischen Reiter herangaloppieren zu sehen.
Alles brach in sich zusammen, alles versank in erlösender Finsternis.
Alvaro Monforte befand sich auf einer schwarzen Rutschbahn geradewegs in den Höllenschlund. Ein letzter Gedanke gab ihm ein, daß dieses Abtreten von der Weltbühne doch letztlich genauso war, wie er es sich in seinen finstersten Träumen immer vorgestellt hatte.
Monforte tauchte in das Fegefeuer ein, aber es war erstaunlicherweise nicht heiß, sondern kalt, ernüchternd. Er drehte sich um die Körperachse und arbeitete verzweifelt mit Händen und Füßen wie ein in den Fluß geworfener Hund. Etwas schnürte seine Kehle zu, etwas drückte heftig auf seine Brust, aber er hatte dann doch das Gefühl, Auftrieb zu haben und nach oben zu schießen.
Konturen glitten an ihm vorbei, er sah wieder, gewahrte Düsteres, Undefinierbares – Felsen? Wrackteile? Menschen?
Er geriet endlich mit dem Kopf über Wasser, schnappte japsend nach Luft und griff instinktiv nach dem ersten Gegenstand, der ihm zwischen die Finger geriet. Es war ein Stück Schiffsbalken, ein letztes trauriges Andenken der „Sao Sirio“. Monforte erschien der Balken in diesem Augenblick wie ein Geschenk des Himmels. Er klammerte sich daran fest, bewegte die Beine und trieb durch die Sturmsee.
Wohin? Er wußte es nicht.
Ein Kopf tauchte neben ihm aus dem Wasser auf. Monforte erkannte seinen ersten Offizier und streckte eine Hand nach ihm aus. Er packte den Haarschopf des Mannes und zerrte ihn zu sich heran. Mit letzter Kraft hielt sich auch der Erste an dem Schiffsbalken fest.
Zwischen Wogenhängen und brüllenden Schlünden schossen sie dahin und stammelten ihre Gebete.
„Es ist aus, Capitán!“ stieß der erste Offizier aus.
„Nein, Reto!“ Zum erstenmal nannte der Kapitän seinen Untergebenen bei dessen Vornamen. „Wir schaffen es! Wir schwimmen – bis zum Ufer!“
„Si, Senor.“
„Es kann nicht mehr weit sein.“
„Si, Senor. Ich glaube aber, die Entfernung ist immer noch groß genug!“ schrie Reto, der Erste, verzweifelt. „Wir saufen trotzdem ab.“
„Sind Sie wahnsinnig?“
„Ich sage nur, wie es ist!“
„Reißen Sie sich zusammen!“
„Jawohl, Kapitän“, würgte Reto hervor. „Ersaufen wir zusammen.“
„Land!“ schrie Monforte plötzlich. „Ich sehe es – das Land! Die Küste!“
„Strand“, stammelte Reto.
„Nein, es sind Felsen. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht darauf zerschmettert werden.“
Alvaro Monforte blickte über die Schulter zurück und sah zu seinem Entsetzen einen riesigen Brecher, der grollend und gischtend auf sie zurollte. Zweifellos würde er sie hochheben und bis zu den Klippfelsen befördern – wenn er sie nicht schon auf halbem Weg ertränkte.
Der Seewolf hatte an Land drei Doppelposten aufziehen lassen, die nach jeweils acht Glasen abgelöst wurden. Er wollte in jeder Hinsicht die Gewißheit haben, daß die Portugiesen oder die Spanier ihn nicht von Land her überraschen konnten. Nach dem Überfall auf Cadiz mußten die Dons geradezu versessen darauf sein, Drake und dessen Mitstreiter zu jagen. Und auch sonst war es klug, keine Vorsichtsmaßnahme auszulassen. Während ihrer Fahrten um den Erdball hatten die Seewölfe immer wieder erleben müssen, welch unglaubliche Überraschungen in unbekannten Gegenden auftreten konnten.
Matt Davies und Dan O’Flynn hatten freiwillig den ersten Doppelposten übernommen, der den nördlichen Bereich des Buchtufers kontrollierte. Sie hockten in einer Felsennische knapp unterhalb des höchsten Punktes der Klippen und unterhielten sich gedämpft, während die Brandung gegen die Küste donnerte und das Seewasser in der Bucht gischtete und rauschte.
Dan O’Flynn hob plötzlich den Kopf. „Matt, da war etwas.“
„Wie meinst du das? Kriegen wir jetzt etwa auch noch ein Gewitter aufs Haupt?“ fragte der Mann mit der Hakenhand verdutzt.
„Nein, glaube ich nicht. Ich habe ein Krachen gehört, als ob Holz zerbricht.“
„Was denn, mitten im Sturm?“
„Matt, wer gute Augen hat, hat auch gute Ohren.“
„Meistens ja, und es ist bekannt, daß deine fünf Sinne geschärft sind“, entgegnete Matt Davies. „Aber wie du diesen – diesen Laut durch dieses elende Getöse hindurch mitgekriegt haben willst, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel.“
„Und da war noch etwas anderes – ein Schrei.“
„Teufel, und das soll mir entgangen sein?“
„Matt“, sagte der junge O’Flynn. „Du warst eben doch wohl mehr auf unser Gespräch konzentriert.“
Der Hakenmann holte tief Luft. „Und ich sage, du täuschst dich, Dan. Weißt du was? Im Sturm glauben manche Leute, die Meersirenen singen und den Wassermann grölen zu hören – angefangen bei deinem Alten.“
„Jetzt hör aber auf“, entrüstete sich Dan.
Sie waren drauf und dran, sich in die Haare zu kriegen, aber Dan O’Flynn bog den Streit auf seine Art ab, indem er sagte: „Hör zu, Matt, ich steige jetzt kurz auf die Klippfelsen und sehe oben nach dem Rechten, klar?“
„Einverstanden. Du hast ja selber schuld, wenn du naß wirst.“
Dan beachtete Matts griesgrämige Miene nicht weiter. Er grinste sich eins, als er die Nische verlassen hatte und Matt ihn nicht mehr sehen konnte.
Beim Aufstieg in die höhergelegene Felsenregion mußte Dan darauf achtgeben, nicht auszurutschen und schneller auf den schmalen Streifen Kiesstrand zurückzukehren, der rund zwanzig Yards unter ihm lag, als ihm dies zu Fuß möglich gewesen wäre. Wind und Regen erschwerten das Klettern, der rauhe Untergrund war naß und glitschig.
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