„Für wen haltet ihr mich?“ 3ist die Frage, die sich jeder Generation neu stellt und die sie für sich beantworten muss.
Die historischen Glaubensbekenntnisse der Christenheit sind Ausdruck der Notwendigkeit, diese Frage Jesu zu beantworten: „Für wen haltet ihr mich?“ Allerdings steht dieses „haltet ihr“ in einem konkreten Zusammenhang. Jeder neuen Generation, jeder Kultur ist das „haltet ihr“ aufgetragen. Und wenn wir diese Frage falsch beantworten, werden wir in allem daneben liegen, da Jesus Alpha und Omega, Anfang und Ende aller Dinge ist.
Jede Erweckung und jede Erneuerung in der Geschichte der Kirche lässt sich auf eine Wiederentdeckung eines bestimmten Aspektes Christi als Ergebnis der Beantwortung dieser entscheidenden Frage zurückführen. Tatsächlich kennzeichnen drei Merkmale jeden geistlichen Aufbruch in der Kirchengeschichte: Erstens, eine Wiederentdeckung des „lebendigen Wortes“ beziehungsweise der Heiligen Schrift und deren Autorität; zweitens, eine Wiederentdeckung des lebendigen Christus und seiner Vorherrschaft; und drittens, eine Wiederentdeckung des lebendigen Geistes und seiner Gaben und Kraft, Christus in der jeweiligen Kultur zu offenbaren. Gott pflegt Menschen ernst zu nehmen, die das EWIGE WORT ernst nehmen.
Genau das sagte Jesus selbst: „Ich … werde alle zu mir ziehen, wenn ich von der Erde erhöht bin“ (vgl. Joh 12,32). Weil wir Jesus aber nicht vertrauen, dass er tut, was er sagt, oder ihm nicht glauben, dass er der ist, der er sagt, dass er es sei, oder weil wir noch keinen Blick auf seine unendliche Herrlichkeit erhascht haben, setzen wir uns an Reißbretter und entwerfen Programme, Methoden und Strategien, mit deren Hilfe wir Menschen für Christus gewinnen wollen. Jesus hätte es aber eindeutiger nicht sagen können: Der eingeborene Sohn Gottes (vgl. Joh 1,18; 1 Joh 4,9) ist der „Entwurf“. Unser Auftrag besteht lediglich darin, ihn auf eine Weise groß zu machen und zu erhöhen, die unsere Kultur versteht und schätzt. Wo dies geschieht, folgt alles andere ganz von selbst.
Leider ist „Für wen haltet ihr mich?“ heute nicht mehr die einzige Frage, die gestellt wird. Es gibt andere Fragen, die den gleichen Rang bekommen haben, wie: „Was tust du, um Gottes Reich voranzubringen?“ oder: „Was trägst du zur (sozialen) Gerechtigkeit bei?“, „Für welche gute Sache engagierst du dich?“, „Wie förderst du die Evangelisierung der Welt?“, „Wem gegenüber bist du verantwortlich?“ oder „Was sind deine Gaben?“ Besonders aktuell scheint heute auch die Frage: „Was für ein Leiter bist du?“
Aber Jesus hat Petrus nur eine entscheidende Frage gestellt (vgl. Joh 21,15-17). Es ist dieselbe entscheidende Frage, die er noch heute an uns richtet. Sie lautet nicht:
• „Bist du bereit, als Leiter in meiner Gemeinde Verantwortung zu übernehmen?“
• „Weißt du, wie man eine Bewegung startet?“
• „Wie viele Menschen hast du zu mir geführt?“
• „Sprichst du schon in Zungen?“
• „Ist Leiterschaft deine Leidenschaft?“
• „Wem bist du verantwortlich?“
• „Gibst du mehr als dein Bestes, damit Gott mit dir zufrieden ist?“
• „Wirst du Leute mit Leitungspotenzial um dich scharen, damit du gut dastehst?“
Jesus stellt nur eine einzige Frage: „Liebst du mich?“
Was will Jesus von uns: Leiterschaft? Oder Liebe? Leider können wir ihn nicht wirklich lieben, solange wir noch nicht erfasst haben, wie unglaublich herrlich er ist. Haben wir Jesus aber einmal in seiner ganzen Herrlichkeit erblickt, dann werden wir bereitwillig unsere verstaubten Rituale, unser frommes Vokabular und unsere an die Pop-Kultur angepassten Gemeindeaufbaustrategien gegen die Freude eintauschen, ein lebendiges, wandelndes „Jesus-Manifest“ zu sein.
Im Folgenden möchten wir Ihren Blick für und Ihr Verständnis von Jesus Christus schärfen. Dabei hoffen wir, unseren Herrn so darzustellen, dass Sie nicht umhinkönnen, ihn zu lieben, zu seinen Füßen niederzufallen und sich für immer ihm hinzugeben – nicht aus einem Schuldgefühl heraus und auch nicht aus Zwang, Pflicht oder Angst, sondern weil Sie einen Blick auf die großartigste Person aller Zeiten, auf Jesus Christus, geworfen haben. Aus solcher Liebe ergibt sich alles andere.
Im Gegensatz dazu distanzieren wir uns von jedem billigen, lustig-lockeren und leichtfertigen „Jesus-Geschwafel“, das so viele religiöse Gespräche heute prägt. Nach unserer Überzeugung lässt sich der Name Jesus auf mancherlei Weise „missbrauchen“ (vgl. 2 Mo 20,7; 5 Mo 5,11), so zum Beispiel, wenn man ihn benutzt, ohne Jesus wirklich zu kennen. Es muss unseren Herrn geradezu peinlich anmuten, wenn sein Name als eine Art Talisman oder als Magie benutzt wird.
Wir haben dieses Buch bewusst in einem alten erbaulichen Stil geschrieben, den wir, wie wir finden, in der heutigen Gemeinde leider vermissen. Auf diese Weise soll der Unterschied zwischen dem Missbrauch des Jesus-Namens und einer Verwendung, die seine Schönheit offenbart und ihn ehrt, hervorgehoben werden. Kurz gesagt: Wir glauben, dass Jesus heute um die ihm zustehende Ehre gebracht wird, und diesen Trend möchten wir gerne umkehren.
Am Ende ihres Lebens haben einige der größten Denker dieser Welt zu einer Einfachheit zurückgefunden, die man in ihren Anfangswerken noch vermisst. Ludwig Wittgenstein, beispielsweise, der zu den größten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts zu rechnen ist, krönte sein Lebenswerk mit der Entdeckung des „Hasen-Enten-Kopfes“ 4, jenem umkehrbaren Bild, in dem man, je nach Blickwinkel, eine Ente oder einen Hasen erkennen kann. Wittgenstein hatte den Eindruck, dass diese eine Zeichnung, die beweist, dass etwas nicht gleichzeitig Ente und Hase sein kann (oder, präziser formuliert, nicht zeitgleich als solches „wahrgenommen“ werden kann), mehr Wahrheit vermittelte als seine größten philosophischen Schriften. 5
Karl Barth, einer der größten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts, soll auf die Bitte, seine vielbändige Kirchliche Dogmatik zusammenzufassen, mit einem alten englischen Kinderlied geantwortet haben: „Jesus loves me, this I know, for the Bible tells me so.“ („Jesus liebt mich ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies.“) 6
Heute muss die Gemeinde zu ihrer in Vergessenheit geratenen „ersten Liebe“ zurückkehren: „Jesus liebt mich ganz gewiss.“ 7Die theologisch präziseste Bekräftigung des christlichen Glaubens ist das kurze Glaubensbekenntnis des Jesus-Manifests, das wir in 1. Johannes 4,16 finden: „Wir glauben an die Liebe, die Gott für uns hat.“ 8Es ist eine Liebe, die nicht als ein abstraktes Prinzip erschienen ist, sondern die in der Gestalt einer wirklichen Person, nämlich in Gottes eigenem Sohn zu uns gekommen ist.
Achten Sie auf die Worte des Apostels Johannes: „Wir lieben ihn, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,19).
Doch wie sollen wir unser Leben als Nachfolger Christi leben ? Die Antwort findet sich zwischen den beiden zuletzt genannten Versen: „Denn wie er [Jesus] [ist], sind auch wir in der Welt“ (1 Joh 4,17). Die Bibel verheißt uns nicht einfach nur „ewiges Leben“ (vgl. Joh 3,16), sondern bietet uns auch das Geschenk eines durch Christus gelebten Lebens an: „… damit wir durch ihn leben“ (1 Joh 4,9). Hat uns die Beliebtheit eines einzigen Bibelverses (Johannes 3,16) mit seiner vermeintlichen Betonung des künftigen „ewigen Lebens“ blind gemacht für das, was die Bibel über das Leben im Heute aussagt?
Sie und ich sollen ein lebendiger Brief – das heißt ein „Jesus-Manifest“ – in unserer Welt sein: Eine Stadt auf einem Berg, Salz und Licht. 9Deshalb haben wir das vorliegende Buch geschrieben.
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