Zuvor geben die hohlen Kreaturen in ihr Inneres Tochter-Volvoxe ab. Die Mutterkugel geht zugrunde und entlässt ihre Nachkommen, die dann heranwachsen und in sich wiederum Tochterkugeln bilden. So kann es vermutlich bis in alle Ewigkeit weitergehen, wenn keine Katastrophe dem Treiben Einhalt gebietet. (Hinzu kommt jedoch, dass auch Volvox eine innere Uhr zu haben scheint, die nach mehreren Generationen abläuft.) Der einzige offensichtliche Unterschied zwischen der Unsterblichkeit der Hydra und der des Kugeltieres ist, dass Hydra ihre Töchter nach außen abgibt, das Kugeltier dagegen nach innen. Alle Lebewesen, die in der Erdgeschichte vor den Kugeltieren entstanden sind, teilen sich bei ihrer Vermehrung in zwei neue Tiere auf. Vom Elterntier bleibt keine Spur. Volvox ist das erste Lebewesen, bei dem die Mutter zunächst erhalten bleibt und erst später stirbt. Deshalb sagt man, dass mit der Entstehung der Volvox-Hohlkugeln auch die ersten Leichen auf der Erde entstanden.
Die Teilungen ins ewige Leben – mit oder ohne Leiche – ähneln denjenigen von kopierten Menschen, die in diesem Buch an anderer Stelle vorgestellt werden (Seite 163ff.). Wenn es Wissenschaftlern oder Firmen demnächst gelingt, identische Menschen herzustellen, wiederholen sie im Grunde ein Experiment, das die Natur bereits in den Urtagen des Lebens vorgenommen hat. Der Unterschied: Die Natur hat diese Idee schon vor langer Zeit wieder aufgegeben. Und das aus gutem Grund.
Ewiges Leben hat einen entscheidenden Nachteil
Im Laufe der Jahrmillionen ging vielen Organismen die Vergänglichkeit verloren. Zwar leben auch heute noch zahlreiche solcher Wesen (vor allem Bakterien), aber je komplizierter die Lebewesen auf der Erde ausgetüftelt wurden, desto seltener kam das Unsterblichkeitsprogramm zum Einsatz. Warum ist das so? Und: Kann man, wenn man dieses Rätsel löst, den Zustand des ewigen Lebens wiederherstellen? Um das zu beantworten, nahmen Forscher die offenbar dem Jungbrunnen entstiegenen Tiere genau unter die Lupe.
Seit diese Lupe, in Form des Mikroskops, stark genug war, beobachtete man zum Beispiel »dies höchst merkwürdige, dem bloßen Auge völlig unsichtbare Geschöpf, bei dem sich Wunder auf Wunder häufen. Keine strenge Kälte, keine sengende Hitze soll es töten, und ein Tropfen Wassers das längst vertrocknete Leben zurückrufen.« Diese Beschreibung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Was der Autor gesehen hatte, waren so genannte Rädertiere. Man bewunderte ihre Fähigkeit, gleichsam aus dem Staube aufzuerstehen. Der Pionier der Mikroskopie, Antony van Leeuwenhoeck, verfasste darüber 1673 in einfachen Worten einen berühmten Bericht für die Londoner Royal Society. Leeuwenhoeck hatte ein wenig Schmutz aus seiner Regenrinne in Wasser gelöst und darin die »Entstehung« winzigster Lebewesen direkt beobachtet. Weit über hundert Jahre lang konnte sich niemand erklären, woher die Tiere kamen. Viele Forscher wiederholten den Versuch mit Staub, den sie über mehrere Jahre in absolut dicht verschlossenen Gefäßen knochentrocken aufbewahrt hatten. Alle Forscher kamen zum gleichen Ergebnis. Aus der toten Materie »entstand«, wenn man sie anfeuchtete, innerhalb kürzester Zeit Leben.
Heutzutage erfreut sich jedes Schulkind daran, Heu oder Schmutz mit Wasser zu übergießen und nach einigen Tagen die nicht entstandenen, sondern auferstehenden Wesen zu beobachten. Es wundert niemanden, dass Tiere aus dem Heu zum Leben erwachen. Die winzigen Wesen verharren dort getrocknet und eingekapselt in ihrem Ruhestadium und warten nur darauf, dass ein Tropfen Wasser sie aus ihrem Dornröschenschlaf, dem latenten Leben, erweckt. Kaum ist das geschehen, beginnen sie zu fressen und sich fortzupflanzen. Damit haben sie es sehr eilig, denn eine erneute Trockenperiode könnte sie ja schon im nächsten Moment überraschen.
Wir wissen also, dass die einzelligen Tiere aus ihren Ruhekapseln hervorkriechen und nicht aus Wasser und Luft entstehen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sind sie direkte Nachkommen von Tieren, die vor vielen hundert Millionen Jahren lebten: Eine Mutterzelle ist gewachsen und hat sich zweigeteilt. Die beiden Töchter haben gefressen, sind groß geworden und haben sich ebenfalls geteilt. Aus den so entstandenen vier Zellen wurden acht und so weiter. Dazwischen gab es durch Trockenheit erzwungene Ruhepausen und echte Katastrophen, die fast alle Nachkommen der Mutterzelle zerstörten. Doch einige Zellen überlebten und vermehrten sich umso schneller.
Diese Vermehrung durch direkte Teilung geht erstaunlich schnell vonstatten. Wenn eine Mutterzelle sich wohl fühlt, bringt sie innerhalb eines Tages mehr Nachkommen hervor, als es Menschen auf der ganzen Erde gibt.
Das ist ein Zustand ewigen Lebens. Obwohl die Mutterzelle als solche nicht mehr existiert, leben Bestandteile von ihr in allen Tochterzellen weiter. Bei Volvox und Hydra verhält es sich ebenso. Warum also pflanzen sich die meisten heutigen Lebewesen nicht mehr auf diese schnelle und praktische Art fort?
Schnelligkeit ist eben nicht der einzige Maßstab bei der Fortpflanzung. Je nach Lebensform beziehungsweise Lebensraum kann es wichtig sein, dass die Nachkommen in der Umwelt, in die sie entlassen werden, gut zurechtkommen. Die Schwierigkeit: Eltern können nicht wissen, wie die Umwelt ihrer Nachkommen aussehen wird. Wesen, die Kopien ihrer selbst herstellen, leben in ihren identischen Nachkommen zwar ewig weiter, es könnte aber sein, dass die gleichförmigen Zelltöchter sich in einer veränderten Umwelt nicht mehr wohl fühlen und krank werden. Schon eine kleine Änderung der Umgebungstemperatur kann den Stoffwechsel der Tiere gründlich durcheinander bringen. (Andererseits überleben kopierte Tiere viele kleinere Umweltschwankungen oft durch extrem hohe Nachkommenzahlen.)
Artensterben und Umweltveränderung
Viele Menschen sind besorgt über das Aussterben von Tierarten als Folge von Umweltveränderungen, wie sie oben beschrieben wurden. Das Artensterben an sich ist jedoch für Biologen nichts Ungewöhnliches. Seit es Leben gibt, verschwinden manche Arten unwiderruflich, während andere neu entstehen. Von allen jemals entstandenen Arten (insgesamt fünf bis fünfzig Milliarden) lebt heute nur noch jede tausendste. Zurzeit nimmt die Geschwindigkeit, mit der Arten aussterben, jedoch vermutlich stark zu: Die derzeit aussterbenden Arten sind an die neuen, oft von Menschen geschaffenen Umweltverhältnisse nicht mehr angepasst.
Ewiger Schlummer
Nicht nur Tiere, auch Pflanzen können in Ruhestadien leben oder schlummern. Pflanzen verkapseln jedoch nur ihre Samen, während einfach gebaute Tiere als Ganzes ins Ruhestadium übergehen können (zum Beispiel Amöben als »Zysten« oder Moostierchen als »Tönnchen«). Die Höchstlebensdauer von Pflanzensamen ist dabei nicht minder erstaunlich als die Überlebensleistungen verkapselter Tiere. So können Nachtkerzensamen länger leben als manche Menschen – sie werden bis zu achtzig Jahre alt. Auch Mais, Zwiebeln, Sellerie und Tabak bringen Samen hervor, die immerhin ein halbes menschliches Leben begleiten können. Die bislang bekannten »Bestleistungen« von Pflanzen, die nach überstandenen Samenruhen wieder erblühten:
Wiesenklee |
100 Jahre |
Kartoffel |
200 Jahre |
Indische Lotosblume |
250 Jahre |
Kriechender Hahnenfuß |
600 Jahre |
Feldspark 7 |
1700 Jahre |
Nun übertreffen allerdings die lebenden Pflanzen – in krassem Gegensatz zu lebenden Tieren – ihr eigenes Ruhestadium bei weitem. 400 Jahre alte Kirschbäume, 900 Jahre alte Rotbuchen, 1900 Jahre alte Linden und 4600 Jahre alte Borstenkiefern gibt es wirklich. Die Eiche, deutscher Inbegriff für Knorrigkeit und Beständigkeit, bringt es auf 1300 Jahre. Diese Höchstalter sind natürlich die Ausnahme. Eine »normale« Eiche wird nicht viel älter als 200 bis 300 Jahre und eine gewöhnliche Rotbuche nicht älter als 140 Jahre. 8
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