Ist also die Ursache eines Problems nur in einem komplexen Zusammenhang zu finden, lässt es sich auch nur unter Berücksichtigung dieser Komplexität erklären und eine Lösung finden, die nachhaltig ist. Eine methodische Schwierigkeit liegt dann darin, die einzelnen als beteiligt erkannten Sachlagen, von denen jede viele Bücher füllen kann und eine je eigene Diskussion wert ist, auseinander zu halten, um daraufhin deren Abhängigkeiten präzise aufzeigen zu können. Daran sollte man allein schon dann Interesse haben, wenn man – neben den Steinen – auch mit dem Begriff der Wahrheit um sich wirft. Aus den Unterschieden der Menschen ergeben sich mal mehr mal weniger unterschiedliche Einschätzungen. Für Kreativität, Innovation und Neuheiten z.B. scheint diese Divergenz (bzw. Diversität als solche) unverzichtbar, aber auch das ist bedingt ein anderes Thema. Zwischenmenschlich können diese Unterschiede sowohl die Abneigung als auch den Reiz ausmachen; und speziell das politische Engagement in seinen Bedeutungen hervorheben. Dialog und Zusammenarbeit sind die Ansprüche, die hier nun in ihrer bürgerlichen wie auch feudalistischen Praxis gemeinsam thematisiert werden. Durch differenzierende Erläuterungen können Überzeugungen wie auch Entscheidungen besser erkannt, benannt und in ihren Relevanzen kritisiert werden. Es sollte politisch erfahren werden, dass es zwischen traditionell und radikal begehbare Wege geben kann.
Nun ist es in Foren, Artikeln und anderen Diskursrahmungen oft zu beobachten, wie die einen damit beschäftigt sind, ihre Meinungen und Sorgen kund zu tun, und die anderen damit, diese Stellungnahmen zu widerlegen. Da wird zum einen von den Errungenschaften und Fehlern einzelner Politiker gesprochen, in welchen Zusammenhängen die Proteste um S21 und E10 stehen und welche Erfahrungen mit Solarenergie gemacht wurden. Zum anderen wird der Verbraucherschutz, die Stromversorgung, die Geheimdienste, Terrorgefahren, diverse Kriegstemperaturen und die politische Arbeit der Parteien bis hin zur Kultur im Allgemeinen hinterfragt. Mit Blick auf ein kritisches und meinungsbildendes Bürgertum augenscheinlich eine kaum verdrossene Reaktion. Aus der angesprochenen Vielfalt der subjektiven Einschätzung von Sachlagen und Ereignissen kann so ein kommunikatives Potpourri resultieren, das sowohl faszinierend und erstrebenswert, als auch unvollkommen daherkommt. Es folgen – fast zwangsläufig – viele freundliche und feindliche Gemeinsamkeiten, Konfundierungen und Gegensätze.
Eine Unterhaltung entsteht, und das ist gut so.
Sich zu unterhalten und zu diskutieren, ist – bei vorliegender Befassung – aber zu unterscheiden, d.h. zunächst Mal: wir haben nicht nur das Recht der freien Meinungsäußerung, sondern können auch die moralische Pflicht daraus ableiten, bzw.: gewinnen, davon Gebrauch machen zu sollen. Eine auf Erklärung, konstruktive Kritik oder Ursachenlösung abzielende Diskussion jedoch unterscheidet sich in der feinen Art, die einer geäußerten Meinung zugrunde liegenden Argumente zu überprüfen und nicht die Person, die die Meinung geäußert hat, anzugreifen und dieser eine „falsche Einstellung“ vorzuhalten; also die Persönlichkeit anzugehen. Das bedeutet: Für diejenigen, die über die bloße Bestätigung der eigenen Meinung hinaus nach verbesserten Erklärungen suchen, ist das Vermischen oder gar Verlassen der Argumentationsebenen kontraproduktiv bzw. unzulässig. Man kann zwar durchaus Politiker untereinander oder den einen Störfall mit anderen Vorkommnissen vergleichen – vielleicht Konfliktverläufe prognostizieren, sich für Lösungen engagieren oder Ziele formulieren –, nimmt damit dann aber automatisch einen zum ursprünglich beobachteten Ereignis oder auch konfrontierten Sachlage unterschiedlichen Blickwinkel ein. Von der Einzelfallbetrachtung darf also nicht ohne weiteres, d.h. ohne Kennzeichnung und Begründung, auf in Sichtweise stehende Kontroversen übergegangen werden. Für uns Sterbliche heißt das: Wir alle sind unterschiedlich nicht nur im Wissen, sondern auch im Können. Mithilfe des eigenen Denkens und der eigenen Sprache dem eigenen Sinn Ausdruck zu verleihen, ist eine Sache. Mithilfe derselben Mittel den fremden Sinn zu erfassen, eine andere. Das bedingt den Willen und die Fähigkeit zur Differenzierung! 3Differenziert man also die Problemsicht, sollten sich auch die diesbezüglichen Argumente differenzieren.
Und zu guter Letzt kann eine Diskussion überhaupt nur so gut funktionieren, soweit über die verwendeten Begriffe konstruktive Einigkeit herrscht. Benennungen und Interpretationen einzelner Wörter werden in ihren Bedeutungen allzu oft unterschätzt, bedingen aber ebenso oft vertraute Verständigung und verständliches Misstrauen in einer jeden Erklärung wie Meinung; oder/und umgekehrt … Auch das ist menschlich. Auch das kann der Mensch lernen und so beherrschen. Wie wichtig der Gebrauch der Sprache im thematisierten Wechsel der fiktiven Kommunikation zwischen Bürger, Medium und Politik gespielt werden kann, scheint so ersichtlich.
2.1. Im Dschungel der Debatten
Was das Verhalten der „betroffenen Bürger“, der Politiker wie das vieler Medienmacher angeht, so die hier formulierte Diagnose, treten oft schon am Rand dieses Wechselspiels Mängel auf, die dann nicht weniger oft zu einem Pseudo-Diskurs führen, der in Pöbeleien, Schuldzuweisungen und verhärteten Fronten enden muss. Sich auf diese Schauplätze zu begeben ist zumeist ein Zeichen dafür, dass demjenigen die sachlichen Argumente ausgegangen sind und sich zuviel Tradition, Ignoranz und Macht breitgemacht hat. Die authentische Absicht zur Aufklärung ist vielleicht nicht verloren, wird aber oft zu schnell geopfert. Eine Diskussion hat dann schon keine Chance auf Erfolg mehr.
Selbst die „gewöhnliche Unterhaltung“, die eigentlich nicht nur von fremden Meinungen, sondern auch von unterschiedlichen Sprachen und andersartigem Sprechen essenziell belebt wird, ist dann davon belastet. Doch soweit sollte man es vielleicht gar nicht kommen lassen, will sagen: einer politischen oder auch redaktionellen Entscheidung liegen auch zwischenmenschliche Handhabungen zu Grunde. Eben dieses zwischenmenschliche Restrisiko gilt es aber vernünftig zu beherrschen, wenn wir – beim Politisieren wie beim Berichten wie auch bei der Mündigwerdung – besagte Unverhältnismäßigkeiten mehr vermeiden wollen. Macht das alles komplizierter? Nun, nicht unbedingt; es sei eher gefragt: wie kompliziert wollen wir es denn haben?, und: welchen Preis sind wir bereit für unsere Antwort zu zahlen?
Sachlichkeit und Argumentationen, auch wenn das vermeintlich mehr Zeit und Mühe kostet, können – über den rationalen Erklärungsbeitrag hinaus – einem nicht nur das Gefühl von Gerechtigkeit, Authentizität und Ruhe bescheren, sondern auch den möglichen Missbrauch dieser Werte präziser offen legen. Dieses Tun allein sorgt nämlich schon dafür, die öffentliche Auffassung des Redners von Problem und Lösung recht deutlich veranschaulichen zu können. Damit wäre der Weg, selbstmächtig Politik zu betreiben, Idyllen zu bedienen und ernstlose Wahlversprechen abzugeben, zumindest erschwert. Soweit zum Prinzip, das im Kontext – über Parteienkalkül, Situationslogik und Schauspielkunst hinweg – immer wieder jede demokratische Gesinnung herausfordert. Politik aber sollte klarer entschieden mit einem aufgeklärten Menschenbild in Erscheinung treten, anstatt die stete Studie moderner Menschlichkeit bloß als theoretischen Anspruch der Kulturwissenschaften zu marginalisieren, und damit hinter der sog. Systemrelevanz einen Muster-Menschen mondän zu mystifizieren.
Sachlichkeit an sich schließt provokante Formulierungen, das Stammtisch-Zanken und die altbekannte Wahrhaftigkeit nicht aus, sondern steht schlicht für die andere Seite der Medaille. Beide Seiten unter einen Hut zu bringen, d.h. sachliche Darstellung und subjektive Meinung sozusagen koexistieren zu lassen, ist infolgedessen auch einer der Ansprüche, den wir Menschen uns selbst auferlegen und auch als Bürger unseren Rollenanforderungen des Politikers bezüglich von Tatsache und Bedeutung angedeihen lassen können.
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