Dass ich mit dieser meiner Einschätzung allerdings völlig auf dem Holzweg lag, wurde mir harsch und kurz und bündig klar gemacht, als wir eines schönen Abends wieder vor gedecktem Tisch saßen und ich mir mein obligatorisches Marmeladenbrötchen schmierte. Ihm selbst war vor einiger Zeit bereits aufgefallen, dass er in letzter Zeit unheimlich viel Marmelade kaufen musste. Aber damals hatte ich nur entgegnet, ich sei eben süchtig nach Marmelade, und ansonsten das Thema tot geschwiegen.
Bis zu jenem Abend X, als ich Farbe bekennen musste.
Während er sein Brot vertilgte, hielt er mir plötzlich und ohne Vorwarnung seine Wurstschüssel unter die Nase. Zwischen dem Zermahlen seines Nahrungsgutes nuschelte er: „Probia ma’ die Lebawurscht. Grob. Janz lecker!“
Ich riss die Augen auf und ahnte, dass ich mich ab sofort in einer entsetzlichen, ja nahezu liebestötenden Erklärungsnot befand. Vorsichtig beugte ich mich vor und starrte mit kaltem Grauen auf das Produkt seiner Leidenschaft, auf welches er liebevoll seinen Daumen drückte.
Tatsächlich. In der Schüssel tummelte sich unter anderem ein zipfeliges Etwas, eine Leberwurst ganz unverkennbar, offenbar schon etwas gesetzteren Alters, denn sie hatte sich in den langen Wochen, wenn nicht gar Monaten, in welchen sie diese Schüssel schon bewohnte, ein samtig grün-weißes Pelzchen wachsen lassen. Um es im Kühlschrank nicht mehr so kalt zu haben.
Langsam würgte ich an meiner Marmeladenstulle, bis ich behutsam hervorbrachte: „Ja, aber – die ist doch schon – äh …“, und verstummte. Er schluckte und funkelte mich unter seinen buschigen Augenbrauen verständnislos an.
„Wat? Wat is’nn damit?“
Ich deutete mit dem Finger darauf und entgegnete verhalten: „Die ist doch schon – kaputt.“
„Wie kaputt?“ Sein Blick huschte zwischen mir und dem Pelzträger hin und her.
„Na, die ist schon schimmelig“, wandte ich nun etwas entschlossener ein. „Die schimmelt doch schon!“ Um keinen Preis der Welt würde ich mir vergammelte Wurst andrehen lassen, und mochte der Himmel auch noch so voller Geigen hängen! Dafür hing ich einfach zu sehr an meinem Leben!
Ich konnte sehen, wie er sich ein böses Knurren verdrückte und sich um sanfte Aufklärung bemühte.
„Aach! Det is’ doch nich’ schlimm!“, argumentierte er, holte das Relikt längst vergangener Zeiten aus der Schüssel, säbelte ein Stückchen ab und zog das Fell herunter.
„Det is’ doch nur uff dea Pelle! Dat is' bloß oben druff! Dat machste ab, un’ dea Rest is' jut!“
In grenzenloser Gutmütigkeit legte er mir das entpellte Leberwursträdchen auf den Teller. Dies blinzelte ich eine Weile skeptisch an, bis ich mich in eine Ausrede flüchtete.
„Ich mag, ehrlich gesagt, keine Leberwurst“, was eine Lüge ist.
„Dann nimm vonner Salami!“, schlug er vor und titschte wieder in die Wurstschüssel. Daraus lächelten mich freundlich und grünfleckig ein paar aufgeschnittene Salamischeiben an. Spätestens jetzt rutschte mir die rosarote Brille, die ich seit unserer Bekanntschaft auf der Nase balanciert hatte, aus dem Gesicht.
Mit spitzem Finger deutete ich auf die angesprochene Salami und begann zu zetern.
„Ja, aber die ist doch auch schon hinüber!“ Nun wollte ich mich um keinen Preis mehr um meine körperliche Unversehrtheit bringen lassen! „Guck dir die doch mal an! Wie viele Jahre hast du die denn schon in deinem Kühlschrank sitzen? Die ist vergammelt! Wie die Leberwurst auch!“
„So ’n Quatsch!“, knurrte er zurück, angelte zwei der bedauernswerten Salamischeiben aus der Schüssel, breitete sie auf seinem Teller aus und begann, mit dem Messer daran herumzusäbeln. Und dann unterzog er mich einer Lektion.
„Die is’ noch bestens! Wenn se ’n bisschen anjeloof’n is’, schneidste dat wech, den Rest kannste problemlos ess’n. Is’ noch jut!“
Er knallte mir die abgeschnittenen Stückchen, die seiner Meinung nach noch jut waren, auf den Teller und brachte hierbei folgende Ausführungen zum Besten. Ich gebe sie hier notgedrungen auf Hochdeutsch wieder:
Das sei alles nur, weil wir jetzt die warme Jahreszeit hätten, und wenn er den Kühlschrank öffne, käme halt Wärme rein, und der Kühlschrank müsse längere Zeit aufwenden, um die Wärme wieder in Kalt umzuwandeln, und da sei es halt länger warm im Kühlschrank, was den Lebensmitteln ein wenig zusetze, aber kein Drama sei, denn auch wenn sie sich etwas verfärbten (also in allen Farben schillernd), seien sie noch jut, und wo kämen wir denn hin, wenn wir wegen jedem Bisschen Verfärbung und Schimmel alles gleich wegschmeißen würden, und da muss man mal ein bisschen toleranter sein und nicht immer gleich mit Pest und Schwefel rechnen, und im Osten hatten sie ja anfangs nicht mal einen Kühlschrank gehabt, und das ist ja schließlich auch gegangen, und wenn da mal was angelaufen war, dann war das auch kein Beinbruch, denn einfach wegschmeißen, das hat man sich doch gar nicht leisten könne, und und und …
Mir schwirrte der Kopf. Nach diesem heißblütigen Vortrag war ich kurz davor, entweder in Tränen auszubrechen oder ohnmächtig zu werden. Und um seinem Referat noch den Clou zu verpassen, riss er aus seinem Kühlschrank einen in Folie eingewickelten Schinkenklumpen zum Vorschein. Er kauft seinen Schinken stets klumpenweise, möglichst Bauchschinken, gut durchwachsen. Vor meinen Augen wickelte der den Batzen aus der Folie und präsentierte ihn stolz. Es war wirklich ein malerisches Stück, oben und unten bereits verziert von einer salzig grünlichen Pelzkruste.
„Det passiat inner waam’n Zeit nu ma’“, erläuterte er. „Un’ nu pass ma’ uff!“
Mit dem bepelzten Schinken ging er zum Spülbecken, nahm den Spülschwamm, mit dem er sonst beim Abspülen seine Töpfe und Pfannen auskratzt, zur Hand und rubbelte unter fließendem Hahnenwasser energisch seinen Schinken ab. Dann drehte er sich siegesbewusst zu mir um, hielt seine noch tropfende Trophäe in die Höhe und erklärte: „Det muss ma’ bloß ’n bisschen abkratz’n, denn jeht dat wieda. Dea is’ wieda picobello!“
Na ja. Picobello sah der Schinken nach dieser Abreibung zwar wieder aus, aber ich wollte gar nicht wissen, wie es um sein Innenleben bestellt war …
„Dat jeht doch noch!“, jubelte er.
Ich glaube, auf dieser Thematik brauche ich nicht mehr weiter herum zu reiten. In meines Liebsten Erfahrungswerten jeht dat alles noch, unsereinen schüttelt es bis ins Mark. Aber mit so etwas muss man vermutlich groß geworden sein, um nicht nach Genuss von Dat-Jeht-Doch-Noch mit Leibschmerzen und Brechdurchfall darnieder zu liegen.
Kürzlich kam ich nach der Arbeit Freitagabend zu ihm nach Brummelbach und zog während einer Inspektion aus seinem Kühlschrank etwas, das – ich kann es eigentlich gar nicht beschreiben – aussah wie ein paar zusammen gebackene grünblaue Putzlappen. Noch in der Verpackung. Die Verpackung allerdings schon geöffnet.
Ich weiß schon, wie das geht: Er hat das Zeug vor ein paar Wochen frisch gekauft, die Packung aufgerissen, um zu kosten, und dann alles in eine hinterste Ecke seines Kühlschrankes verstaut. Um das Ganze nun noch eine Weile schön nachreifen zu lassen, wie er das nennt.
Als ich den schmuddeligen Fetzen in die Höhe hielt, fragte ich: „Was ist DAS denn?“
Aus seiner Ecke kam die Antwort: „Det is Jrünländer Keese! Janz wat Leckeret!“
„Aber wenn Grünländer Käse drauf steht, heißt das doch noch lange nicht, dass du ihn auch grün werden lassen SOLLST!“, brüllte ich zurück.
Die Antwort: „Ach wat. Dat jeht noch. Dat wischste bloß ‘n bisschen ab, dann is’ dat noch jut.“
Im Laufe der letzten Jahre bin ich dazu übergegangen, mir bei meinen Besuchen in Brummelbach meine Frischwurst und meinen Käse immer selber mitzubringen. Seine These hieraus: „Du weest halt nich’, wat schmeckt …“
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