Die trauernden Menschen hoffen, neben dem österreichischen Hochadel auch ausländische Hoheiten zu sehen, die häufig in Wien erscheinen, wenn aus Europas ältestem und ehrwürdigstem Herrscherhaus ein Mitglied zu Grabe getragen wird. Doch an diesem 3. Juli wartet die Menge vergebens. Abgeschreckt von den ausgesprochen unfreundlichen Rahmenbedingungen der Begräbnisfeierlichkeiten haben es hochrangige Ehrengäste vorgezogen, den Trauerfeiern fernzubleiben und stattdessen die ohnehin in Wien akkreditierten Vertreter zu entsenden. Mit dem Fortschreiten der Wartezeit wird daher eine leichte Enttäuschung unter den Wartenden spürbar, die sich in umso heftigerem Drängen bemerkbar macht. Schließlich wird der Umschwung in der allgemeinen Stimmung eindrucksvoll dadurch angezeigt, dass das Drängen der Massen durch die ankommenden Ehrengäste nicht mehr unterbrochen wird. Man sieht ja die Militärs, Botschafter und Minister, die da mit ernster Miene den Korridor entlangschreiten, ohnehin laufend in Wiener Kaffeehäusern.
Gerade als die Wellenbewegungen endgültig zu verebben drohen, ist ein vorsichtiges Hupen im Hintergrund zu vernehmen. Der grau-schwarze Organismus teilt sich auf einer Seite, um einem Automobil, das sich langsam vorwärtskämpft, Platz zu machen. Parallel zur Bewegung des Wagens breitet sich unter den Umstehenden ein Raunen aus, das mit Fortdauer des automobilen Dahinrollens in kräftiges Jubeln übergeht: „Der Thronfolger!“ „Erzherzog Karl!“ Rufe erschallen aus vielen Kehlen. In Windeseile wissen alle am Platz und in den umliegenden Straßen, dass in dem Wagen, der soeben in den Korridor einfährt und auf den Eingang der Hofburgkapelle zuhält, das nunmehrige Thronfolgerpaar sitzt. Kaum kommt der Wagen zum Stehen, eilt einer der unzähligen Soldaten herbei, um die Tür im Fond zu öffnen.
Erzherzog Karl steigt, unmittelbar gefolgt von seiner Gattin, aus dem Automobil. Hochrufe, tosender Jubel und Applaus begleiten die kaiserlichen Hoheiten auf dem kurzen Weg in die Kapelle. Diese ungewöhnliche und ehrenhafte Auflehnung des Thronfolgerpaares gegen die der Wiener Bevölkerung unverständlichen Begräbnisregelungen finden sympathischen und herzlichen Beifall. Der 27-jährige Karl hat sich schon in der Nacht zuvor zum Südbahnhof begeben, um seinem ermordeten Onkel die letzte Ehre zu erweisen, und ist gemeinsam mit seiner Gattin Zita hinter den Särgen zu Fuß bis zur Hofburg marschiert.
Das Thronfolgerpaar bleibt kurz am Eingang zur Kapelle stehen, dreht sich zu den Wienern um und verneigt sich mit großer Dankbarkeit für den so herzlichen Empfang. Kurz darauf wird das Tor zur Kapelle geöffnet und Karl und Zita gehen langsamen Schrittes hinein. Stille umgibt sie und ein kühler Luftzug kommt ihnen entgegen, während sie, die Köpfe stetig von links nach rechts wendend, um mal hüben und mal drüben bekannte Gesichter mit einem höflichen Kopfnicken zu grüßen, andächtig auf die beiden Särge zuschreiten. Erhabenheit und jugendliche Dynamik umgibt die beiden, die in inniger Eintracht vor den beiden Särgen kurz haltmachen, ein Kreuzzeichen über der Brust und eine tiefe Verbeugung vollführen und dann in den Nebenraum der Kapelle gehen, um sich mit dem Rest der kaiserlichen Familie zu treffen.
Nachdem man diesen ersten Auftritt des neuen Thronfolgerpaares in der Kapelle mit angespannter Neugier beobachtet hat, herrscht nun wieder unruhige Stille unter den Trauergästen. Immer wieder zerreißt ein Husten, ein Raunen oder ein Flüstern das Schweigen. Minuten vergehen und langsam beginnt sich Ungeduld breitzumachen. Auch die von draußen in die Kapelle dringenden Stimmen und Geräusche deuten auf ein Anwachsen derselben Gefühlsregung hin, die nun schon dringlich einen Beginn der Trauerzeremonie erhofft. Man rutscht auf den Bänken hin und her, sucht nach Gegenständen in Taschen, lässt die Blicke in der Kapelle kreisen, um nach weiteren interessanten Punkten irgendwo abseits der beiden Särge, die man nun schon in aller Ausführlichkeit betrachtet hat, zu suchen oder schweift mit den Gedanken zu noch anstehenden Verpflichtungen ab.
Die beiden ersten Reihen sind unbesetzt und für das Herrscherhaus reserviert. Dahinter sitzen die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Regierung sowie die höchsten militärischen Vertreter der gemeinsamen Armee. Dann reihen sich eng die Angehörigen des österreichischen Adels sowie weitere in- und ausländische Gäste aneinander. Vor dem Altar in der Mitte der Kapelle stehen die beiden Särge, Seite an Seite. Trotz der eingeschränkten Zeremonie ist ein prachtvolles Blumenarrangement aus weißen Rosen am Fußende aufgestellt. „Von Sophie, Max und Ernst“, ist auf der dazugehörigen Schleife zu lesen. Neun mannshohe goldene Kerzenständer stehen zwischen den Särgen und tragen armdicke weiße Kerzen, die mit ihrem Schein ein feierliches Licht in den Raum tragen. Weihrauch liegt in der Luft, man kann ihn bis in die hintersten Ecken der Kapelle riechen.
Plötzlich betritt Fürst Alfred Montenuovo, der Obersthofmeister des Kaisers, durch eine Seitentür die Kapelle und zeigt den wartenden Trauergästen durch sein Erscheinen die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Kaisers an. Mit einer Handbewegung lässt er die Menge sich von ihren Sitzen erheben. Mit prüfendem Blick kontrolliert er die Ausführung seiner Weisung und deutet nach zufriedenstellender Umsetzung einem bereitstehenden Wachmann, die Seitentür zu öffnen. Sekunden später betritt der greise Monarch die Hofburgkapelle, gefolgt von den wichtigsten Familienmitgliedern. Unter ihnen die meisten Erzherzöge, deren Ehegattinnen und Kinder. Die Köpfe der Frauen und Mädchen sind mit Schleiern dicht verhüllt, sodass man nicht in ihre Gesichter blicken kann. Nur anhand des Mannes, an deren Seite sie gehen, ist zu erkennen, um wen es sich handelt. Dann kommen die Kinder des ermordeten Thronfolgerpaares. Alle Augen richten sich auf sie, während sie in die Kapelle geführt und an die ihnen zugewiesenen Plätze gebracht werden. Leopold Berchtold schnürt es die Kehle zu, er denkt an seine Kinder und an die Worte seiner Frau. Zuletzt betreten die Vertreter des Klerus und der Kirche die Kapelle.
Montenuovo, der für die Begräbnismodalitäten verantwortlich zeichnet, kann sich ein zufriedenes Lächeln nur knapp verkneifen, denn nun beginnt der vorletzte Akt jenes Schauspiels, das er kraft seines Amtes in Szene setzen kann. Nach der Ermordung von Franz Ferdinand hat er die Möglichkeit gesehen, alte Rechnungen zu begleichen. Montenuovo, von Ehrgeiz und Selbstsucht zerfressen, hat es nicht verwinden können, dass er bei Franz Ferdinand, dem künftigen Kaiser, nicht das gleiche Ansehen wie bei Franz Joseph hatte. So lässt er nun ein Begräbnis dritter Klasse inszenieren. Schon die Überstellung der Särge von Triest nach Wien hat er mit Widrigkeiten gespickt. Durch geschicktes Manövrieren mit Fahrplänen, Aufenthalten und Fahrtunterbrechungen hat er es fertiggebracht, die Särge am Abend des 2. Juli erst um 22 Uhr in Wien eintreffen zu lassen. Darüber hinaus hat er jegliche Trauerzeremonie während der Überstellung vom Südbahnhof in die Hofburg untersagt. Zuletzt hat er erwirkt, dass nach dem nun beginnenden Requiem die Tore der Hofburgkapelle für die Wiener Bevölkerung nur für eine Stunde geöffnet werden. Franz Joseph setzt sich zuerst unmittelbar vor die Särge, danach folgen zu beiden Seiten die Kinder der Verstorbenen. In der ersten Reihe nehmen ebenfalls das Thronfolgerpaar und die weiteren Erzherzöge Platz. Nachdem alle Familienmitglieder des Hauses Habsburg ihre Plätze eingenommen haben, gibt Montenuovo das Zeichen an die übrigen Trauergäste, sich nun ebenfalls zu setzen. Ohne die Särge eines Blickes zu würdigen, geht er zu seinem Platz und wartet auf den Beginn der Zeremonie. Das katholische Requiem beginnt mit einer Andachtsminute und wird zur Gänze in Latein gesprochen. Nach der Liturgie, der feierlichen Einsegnung durch den Kardinalerzbischof von Wien und den Fürbitten für die Verstorbenen folgt als Abschluss der Totenfeier das Singen der Volkshymne.
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