Punkt eins: Weil das Ruhezustandsnetzwerk der Ort ist, an dem Sie Ihre soziale Selbstwahrnehmung verarbeiten, kann seine Aktivierung Sie in einen Zustand der Sorge und des Grübelns versetzen. 20Mögen die anderen mich? Gehöre ich dazu? Habe ich mich gerade vor allen dumm verhalten? Was denken sie von mir? Praktizierende von Achtsamkeitsmeditation kennen die Neigung des Gehirns, in einen Zustand der Grübelei zu fallen. Er wird manchmal als »wandernder Geist« oder »Affengeist« bezeichnet. Sie versuchen beispielsweise Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem oder ein Mantra zu fokussieren, aber Ihre Gedanken befassen sich mit dem Abendessen oder dem nächsten Sommerurlaub, einer Auseinandersetzung mit einem Kollegen oder der Sorge um die Freundin, die sich scheiden lässt. Wenn Sie Scham, Sorge oder Angst angesichts der eigenen Person empfinden oder mit einer noch nicht gelösten, unangenehmen Situation zu tun haben, kann Ihr Gehirn sich zu lange mit diesen Gedanken und Emotionen beschäftigen.
Punkt zwei: Kommt eine beunruhigende oder schmerzliche Erinnerung, die wir aus unserem Bewusstsein verdrängt haben, zurück in dieses, vermeidet das Gehirn durch Dissoziation, sich damit zu befassen: Wir checken aus, richten unsere Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes oder schalten ab. Die potenziell beunruhigende oder schmerzliche Erinnerung ist nicht mehr in unserem bewussten Gewahrsein gegenwärtig. Dissoziation ist einer der stärksten Mechanismen des Gehirns, um uns vor zu viel Stress, Schmerzen oder Trauma zu schützen. 21Unser Gehirn ist beinahe von Geburt an zu Dissoziation fähig. Und Dissoziation unterstützt tatsächlich unsere Resilienz, wenn wir Traumata wie Gewalt oder Missbrauch bewältigen müssen, aus denen es keinen anderen Ausweg gibt.
Wir haben vermutlich alle in mancherlei Hinsicht schon einmal dissoziiert: Sie haben sich, zu Tode gelangweilt in der dritten Klasse, vielleicht in Tagträumen verloren und waren bis zur Pausenglocke geistig abwesend. Es gibt hier weder Scham noch Schuld. Aber Dissoziation ist nicht dasselbe, wie etwas bewusst im Ruhezustandsnetzwerk zu verarbeiten, um Gewahrsein zu fördern und davon zu lernen.
Sie können das Gehirn sofort aus der Grübelei oder der Dissoziation herausholen, indem Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas im gegenwärtigen Moment fokussieren – auf die Empfindungen des Atems oder den Kontakt der Füße mit dem Boden. Aber Sie können ebenso den positiven Aspekt des Ruhezustandsnetzwerks, der Vorstellungskraft und freien Assoziation, nutzen, um spontan und wahllos neue Einblicke und Verhaltensweisen aus Ihrer eigenen tiefen inneren Weisheit zu schaffen.
Konditionierung, neue Konditionierung, Rekonditionierung und Dekonditionierung: Den Prozess der Gehirnveränderung in dieser Reihenfolge zu lernen wohnt eine besondere Weisheit inne.
Konditionierung bildet neuronale Schaltkreise während des gesamten Lebens in Ihrem Gehirn. Es ist gut, wenn Sie sich Ihrer zuvor konditionierten Reaktionsmuster bewusst werden, denn diese nun im impliziten Gedächtnis gespeicherten Muster, also außerhalb Ihres Bewusstseins befindlich, können durch ein gegenwärtiges Ereignis ausgelöst werden und Sie so, wie Sie immer schon darauf reagierten, reagieren lassen, ehe Sie überhaupt die Möglichkeit haben, sich zu entscheiden, ob Sie so reagieren möchten.
Manchmal sind Ihre konditionierten Reaktionen genau richtig, manchmal sind sie nicht mehr hilfreich. Kompliziert ist, dass implizite Erinnerungen keinen Zeitstempel haben. Kommen sie »wie aus dem Nichts« an die Oberfläche, fühlen sie sich jetzt so real an wie damals und Sie reagieren vielleicht so, als ob die erinnerten Ereignisse jetzt gerade stattfänden, ohne zu merken, dass sie nur eine Erinnerung sind. Wenn Sie sich dieser Muster gewahr werden (und Sie werden dies das ganze Buch hindurch üben), können Sie sich entscheiden, sie neu zu verdrahten oder ganz neue Reaktionsgewohnheiten aufzubauen.
Neue Konditionierung erzeugt neue neuronale Schaltkreise und neue, effektivere und resilientere Reaktionsmuster. Diese neuen Schaltkreise verlaufen neben den alten Schaltkreisen oder überlagern sie und geben Ihnen damit weit mehr Möglichkeiten, mit neuen oder wiederkehrenden Herausforderungen fertig zu werden.
Mit zusätzlichen neuen Möglichkeiten und mit einer größeren Stabilität innerhalb des Gehirns können Sie nun entscheiden, Rekonditionierung bewusst einzusetzen, um alte Muster neu zu verdrahten, wenn Sie sich ihrer bewusst werden. Dieser Prozess ist höchst effektiv. Bewusst und sorgfältig angewendet, können Sie mithilfe von Rekonditionierung Ihre Aufmerksamkeit fokussieren und nicht nur alte Muster neu verdrahten, sondern bewusst Veränderungen in der Gehirnstruktur bewirken.
Sind Sie in der Lage, die Aufmerksamkeit Ihres Gehirns zu fokussieren, dann können Sie auch lernen, Ihre Aufmerksamkeit zu defokussieren und das Gehirn ohne die Vormundschaft des präfrontalen Kortex spielen zu lassen, ganz im Wissen, dass Sie jederzeit, wenn nötig, zu einer fokussierten Aufmerksamkeit zurückkehren können. Im Ruhezustandsnetzwerk kreiert das Gehirn seine eigenen Assoziationen und Verbindungen und stellt Bezüge auf neue und manchmal sehr einfallsreiche Weise her. Dieser Prozess der Dekonditionierung erzeugt unsere tiefe intuitive Weisheit. Mithilfe der Übungen in diesem Buch können Sie auf diese Weisheit zugreifen.
Während Sie diese Prozesse kompetent einsetzen, um eine größere Resilienz in Ihren Wahrnehmungen von Ereignissen und Ihren Reaktionen darauf aufzubauen, werden Sie anfangen, sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der diese Prozesse effektiv zur Veränderung des Gehirns benutzen kann. Sie werden sich selbst als jemanden sehen, der Werkzeuge gekonnt einsetzt, um mit Schwierigkeiten, Enttäuschung und sogar Katastrophen umzugehen. Sie werden verstehen, dass Sie mehr Resilienz und ein größeres Wohlbefinden entwickeln können.
Die fünf Arten von Intelligenz
Kapitel 2 bis 7 beschreiben viele Werkzeuge, die diese drei Prozesse der Gehirnveränderung benutzen, um Ihnen zu helfen, Ihre fünf Arten von Intelligenz zu stärken.
1. Somatische Intelligenz
Um auf die somatische Intelligenz, die dem Körper innewohnende Intelligenz, zurückzugreifen, bedarf es körperbasierter Werkzeuge wie Atem, Berührung, Bewegung, soziale Kontakte und Visualisierung, um den Stress und die Überlebensreaktionen des Nervensystems handzuhaben, um die umfassendere Funktionsweise des höheren Gehirns einzuschalten und die Körper-Gehirn-Einheit wieder in ihr natürliches physiologisches Gleichgewicht zurückzubringen. Die Entwicklung dieser Intelligenz fördert Ihr Gefühl von Sicherheit und Vertrauen und bereitet die Neuroplastizität Ihres Gehirns auf neues Lernen vor. Ihre »Resilienzbandbreite« dehnt sich aus, Sie sind willens und bereit, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und neue Risiken einzugehen.
2. Emotionale Intelligenz
Mithilfe von emotionaler Intelligenz können Sie intensive Momente wie Wut, Furcht, Trauer, Scham und Schuld besser bewältigen; positive Emotionen kultivieren, die Ihr Gehirn aus Kontraktion, Reaktivität und Negativität heraus- und in mehr Offenheit, Empfänglichkeit und Reaktionsflexibilität hineinbringen; und die Praxis des Mitgefühls, der achtsamen Empathie und eines bewussten Arbeitsmodells des Geistes (Theory of Mind) kultivieren. Sie erlauben Ihnen, auch die Wellen der Emotionen anderer zu reiten und auf sie einzugehen.
3. Beziehungsintelligenz in uns selber
Wenn Sie auf die Beziehungsintelligenz in Bezug auf die eigene Selbstwahrnehmung zugreifen, lernen Sie, die Resilienz, die Sie bereits besitzen, und die Weisheit Ihres klügeren Selbst zurückzufordern; den inneren Kritiker außer Dienst zu stellen, der Ihr Gefühl von Kompetenz, Mut und gesunden Verbindungen zu anderen gefährdet; und all die verschiedenen inneren Stimmen und Teile, die Ihr Selbst ausmachen, zu akzeptieren und, ja, auch willkommen zu heißen. Sie werden den »Ausgangspunkt« eines sicheren, vertrauenswürdigen und mutigen Selbst, die Grundlage Ihrer Resilienz und der Person, die Sie sein wollen, wiederfinden und fördern.
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