2. Neukonditionierung
Neukonditionierung ist mein Begriff für den Prozess, sich bewusst und absichtsvoll für eine neue Aktivität oder Erfahrung zu entscheiden, die die Funktionsweise und die Gewohnheiten des Gehirns in eine bestimmte Richtung lenkt. Jedes Mal, wenn Sie eine Dankbarkeitsübung machen, Ihr Zuhören vertiefen, daran arbeiten, den Fokus Ihrer Aufmerksamkeit zu verstärken, mehr Selbstmitgefühl oder Selbstakzeptanz kultivieren und diese Praktiken wiederholen, dann praktizieren Sie Neukonditionierung. Sie schafft neues Lernen, neue Schaltkreise und neue Gewohnheiten, auf Ereignisse zu reagieren, sogar potenziell oder auf zuvor traumatisierende Situationen. Sie verdrahten Ihr Gehirn neu, sie schaffen neue Erinnerungen und neue Wege des Seins, aus denen dauerhafte positive Gewohnheiten werden können.
Neukonditionierung heißt nicht, alte Konditionierung ungeschehen machen. Wenn Sie gestresst oder müde sind, wird Ihr Gehirn, seine alten Gewohnheiten als Standardeinstellung übernehmen. Es ist einfacher und effektiver für das Gehirn, das zu tun, was es bereits kann. Sie können jedoch mit ausreichender Wiederholung einen Entscheidungspunkt in der Funktionsweise des Gehirns aufbauen und mit dem nächsten Prozess, Rekonditionierung, können Sie tatsächlich alte Schaltkreise neu verdrahten. 17
3. Rekonditionierung
Der Fachbegriff für Rekonditionierung ist Dekonsolidierung-Rekonsolidierung von Erinnerung. In den letzten Jahren haben neue bildgebende Verfahren es möglich gemacht, diesen Prozess, während er im Gehirn abläuft, zu beobachten. Er ist jedoch bereits seit Jahrzehnten die Basis der Traumatherapie.
Sie beginnen den Prozess der Rekonditionierung, indem Sie bewusst, behutsam und kompetent eine frühere Erinnerung in Ihr bewusstes Gewahrsein bringen, die Ihre Resilienz entgleisen ließ, Ihre Reaktionen auf diese Erfahrung und die Art und Weise, wie Sie jetzt über sich selbst aufgrund dieser Entgleisung fühlen und denken.
Indem Sie Ihren Fokus auf diese Erfahrung ausrichten, aktivieren Sie das gesamte neuronale Netzwerk, welches diese Erinnerung trägt: Bilder, Körpergefühle, Emotionen, Körperstellen, an denen Sie diese Emotionen spüren, Gedanken, die Sie in dem Moment über sich selber hatten, und Gedanken, die Sie jetzt über sich haben. Diese Aktivierung der neuronalen Schaltkreise ist der Schlüssel für deren Neuverdrahtung.
Wenn Sie zum Beispiel immer noch die Erinnerung an das Geschäftstreffen belastet, das Sie versäumt und dann über den Grund dafür gelogen haben, dann nehmen Sie jetzt nur ungern an solchen Geschäftstreffen teil, weil Sie davor Angst haben, was Ihre Kolleginnen und Kollegen von Ihnen halten. Ihre Unsicherheit lässt Sie nun in Ihrem Beruf nicht vorankommen. Sie gehen das Problem damit an, sich jedes Detail des verpassten Treffens in Erinnerung zu rufen, einschließlich Ihrer Gefühle und Gedanken heute über sich selber.
Sie können lernen, diesen Rekonditionierungsprozess selber anzuwenden. Dabei ist jedoch unbedingt zu beachten, es zu vermeiden, von der alten Erinnerung überwältigt oder von Neuem traumatisiert zu werden. Sie sollten daher immer nur mit einem kleinen Teil der Erinnerung arbeiten, damit Ihr Gehirn sich sicher genug für das Lernen und die Neuverdrahtung fühlt. (Die Übungen in Kapitel 2 bis 7 vermitteln diesen Prozess.)
Sobald die negative Erinnerung aktiviert worden ist und zur Neuverdrahtung zur Verfügung steht, stellen Sie sie in Ihrem Gewahrsein bewusst neben eine stärkere, positivere und auf Resilienz basierende Erinnerung oder sogar ein imaginäres Ereignis und halten sowohl die ursprüngliche negative Erfahrung als auch die neuen positiven Erfahrungen zur gleichen Zeit in Ihrem Gewahrsein (oder Sie wechseln von der einen zur anderen hin und her). Dieses Nebeneinanderstellen bewirkt, dass der ursprüngliche neuronale Schaltkreis auseinanderfällt (dekonsolidiert) und sich kurz darauf neu verdrahtet (rekonsolidiert). Neurowissenschaftlerinnen können diesen Prozess mittels bildgebender Verfahren nun sehen. Wenn die neue positive Erinnerung oder Erfahrung stärker als die ursprüngliche negative Erinnerung ist, wird sie die negative Erinnerung »übertrumpfen« und sie neu verdrahten.
Sie können beispielsweise die Erinnerung an das versäumte Geschäftstreffen und die nachfolgende Lüge neu verdrahten, indem Sie sich einen anderen Ausgang dieses Szenarios vorstellen, selbst wenn es erfunden ist. Sie könnten sich vorstellen, dass Sie sich einige Tage später mit zwei wichtigen Teilnehmerinnen am Geschäftstreffen treffen und ihnen erklären, warum Sie nicht zum Treffen kamen, auch wenn Ihre Erklärung dürftig ist. Sie stellen sich vor, Sie entschuldigen sich für diese Fehleinschätzung und Ihre anschließende Lüge und schlagen vor, es wieder gut zu machen. Sie stellen sich dann vor, die beiden Teilnehmerinnen zeigten Verständnis und verziehen Ihnen (selbst wenn das im wahren Leben nie passieren würde). Und dann stellen Sie sich vor, wie Sie zum nächsten Treffen gehen.
Dieser Mechanismus verändert nicht, was in Wirklichkeit passiert ist – das ist nicht möglich –, aber er verändert Ihr Verhältnis zum Geschehenen. Er schreibt die Geschichte nicht neu, aber er verdrahtet das Gehirn neu. Sie vergessen die alte Erinnerung nicht, aber sie hat nicht mehr die gleiche Bedeutung oder Macht, Sie aus der Bahn zu werfen. Diejenigen, die diesen Prozess der Rekonditionierung anwenden, um eine ursprünglich negative Erinnerung neu zu verdrahten, sagen oft: »Warum hat mich diese Sache so aufgeregt?«
VERARBEITUNGSMODI
Sowohl die neue Konditionierung als auch die Rekonditionierung sind auf einen fokussierten Verarbeitungsmodus im Gehirn angewiesen. Wir richten die Aufmerksamkeit des Gehirns bewusst auf eine bestimmte Aufgabe, eine bestimmte Übung. Als Neurowissenschaftlerinnen zum ersten Mal begannen, die Gehirne von Probandinnen zu scannen, um mehr darüber zu erfahren, welche Gehirnstrukturen zusammenarbeiten, wenn diese musizierten, Kriegsszenen in den Nachrichten sahen oder um den Tod eines Haustieres trauerten, nahmen die Wissenschaftlerinnen an, das Gehirn wäre untätig, wenn die Probandinnen ihm keine Aufgabe gaben, wie eine Farbe zu benennen oder ein Rätsel zu lösen.
Nun, das stimmt so nicht. Sie stellten fest, dass das »untätige« Gehirn aktiver ist als je zuvor – und zwar nicht nur in bestimmten Hirnregionen, sondern im gesamten Gehirn. 18Dieser Vorgang wird heute als Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network oder DMN) der Hirnaktivität bezeichnet: Es ist das, was das Gehirn von ganz alleine tut, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nicht bewusst auf eine Aufgabe ausrichten. Wir können diesen Modus für die Dekonditionierung benutzen.
4. Dekonditionierung
Wenn Sie die Aufmerksamkeit des Gehirns nicht bewusst in Dienst nehmen, schaltet sich das Ruhezustandsnetzwerk ein und das Gehirn spielt, schafft neue Assoziationen und Verbindungen, wandert dorthin, wohin es will, und stellt neue Zusammenhänge her. Das ist der Verarbeitungsmodus, der bei Fantasie und Intuition greift. Das ist, was passiert, wenn Sie sich in Tagträumen verlieren oder einen plötzlichen Einfall oder ein Aha-Erlebnis haben.
Dekonditionierungsübungen, mit denen Sie in geführten Visualisierungen und Meditationen Ihre Fantasie nutzen, erschließen den »offenen Raum unbegrenzter Möglichkeiten« in Ihrem Gehirn, so bezeichnet von Daniel Siegel vom Mindsight Institute an der University of California in Berkeley. 19Sie können diese neuen Einblicke anzapfen, die von Ihrem wandernden und spielenden Gehirn erzeugt werden, um neue Verhaltensweisen zu kreieren.
Ich bitte jedoch in zwei wichtigen Punkten um Vorsicht, wenn das Ruhezustandsnetzwerk als Verarbeitungsmodus zur Wiedererlangung von Resilienz benutzt wird.
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