
Lorenzo Petrantoni, 2016
»Uncalendar 2017« Alecom
Sprechblasen
»Durch die Blase« sprechen
________ Der Brauch, Sprechblasen in der Kunst zu verwenden, begann mit Linien, die von Wörtern zu den Mündern der Sprechenden führten, und geht zurück auf Kunstwerke etwa aus dem 7. Jahrhundert Ähnlich gestaltete Verbindungslinien fand man im 16. Jahrhundert; im 18. Jahrhundert waren sie auch in Cartoons in England und anderen Ländern üblich. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden sie für die illustrierte Sprache von Comics gebräuchlich: als Sprechblasen.
Diese Illustration eines farbenfrohen Haufens von Sprechblasen der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rich wurde für ein Buch geschaffen, in dem es um die verschiedensten Formen von Ausreden geht – dafür, warum man gerade kein grandioses Kunstwerk schaffen kann. »Auch ich habe immer mal wieder Zeiten«, meint Rich dazu, »in denen ich mir Ausreden einfallen lasse, um Zeit für neue Kreativität zu gewinnen.«
Danielle Krysa, die Autorin des Buchs, hatte alle ihre social-media-Follower geben, ihr solche Ausreden zu schicken. Sie war überwältigt von der Reaktion – manche Texte in den Sprechblasen sind wörtliche Zitate. Da die Verwendung solcher Blasen eine so allgemein gebräuchliche Methode ist, Sprache (oder Gedanken) darzustellen, war es logisch, dass jeder den Bezug verstehen würde. Das Einfärben der Blasen deutet die unterschiedlichen Sprecher an – es entsteht der Eindruck eines Stimmengewirrs.
Die einfache Idee, Sprechblasen zu verwenden, wurde sehr geschickt umgesetzt. Rich arbeitete eng mit Krysa zusammen – tatsächlich war es die Idee der Autorin, alle Sprechblasen auf der Seite übereinanderzuhäufen, was letztendlich ein stimmiges Bild ergab.

Martha Rich, 2016
»Excuses«, Illustration für Your Inner Critic is a Big Jerk Chronicle Books
Hand Lettering
Ungleich gearbeitete Formen
________ Hand Lettering verändert sich ständig, ebenso wie die Mode, die gesellschaftlichen und anderen Trends folgt. An einem Tag ist der Stil sehr geometrisch, am nächsten völlig losgelöst und frei. Buchstaben wurden schon in allen Formen und Größen gezeichnet, geschnitzt und graviert – viele davon als Grundlage allgemein gebräuchlicher Schriften. Tatsächlich wurden einige der schönsten je gestalteten Schriften von Hand entworfen.
Die Handschrift erlebt gerade eine Renaissance. Zwar ist das Zeichnen am Computer nicht weniger kompliziert als das auf Papier, aber der Umgang mit dieser Technologie mindert das Glücksgefühl, das sich beim herkömmlichen Zeichnen von Hand einstellt. Auch deshalb geht der Trend dazu, sich von allen Zwängen der Technologie zu befreien, selbst wenn das manchmal nur eine Illusion sein mag.
Als der kanadische Künstler Maurice Vellekoop beauftragt wurde, das Cover und die erste Seite eines sehr persönlichen Buchprojekts – eine Art Märchen für Erwachsene mit einer seltsamen Wendung – zu gestalten, setzte er sich zunächst an den Computer. Doch es gelang ihm nicht, seine Vorstellungen von einer wie geschnitzt wirkenden Schrift umzusetzen. Daraufhin besann er sich doch wieder auf die traditionellen Arbeitsweisen: Seine Buchstaben sind nicht nur handgezeichnet, sondern auch anders als in den üblichen Proportionen gestaltet – was tatsächlich den Eindruck erweckt, als wären sie mit einem Messer aus Holz geschnitzt worden.
Um den gewünschten Effekt zu erzielen, ließ sich Vellekoop von alten handgezeichneten Arbeiten inspirieren, etwa von dem englischen Illustrator, Karikaturist und Maler Richard Doyle (1824–1883), der auch unter dem Pseudonym »Dick Kitcat« arbeitete. So entstand ein einzigartiger Schriftstil, der wie ein Echo aus der Vergangenheit schallt, ästhetisch und konzeptionell aber allein ihm zuzuschreiben ist. Sicherlich kann man Schriftarten mit zufälligen und sehr ungewöhnlichen Eigenheiten auch am Computer erzeugen, aber von Hand wirken sie in der Regel viel authentischer.

Maurice Vellekoop, 1996
»Once Upon a Time in Fairyland« (unveröffentlicht)
Figuren schaffen
Emotional ansprechende Tiere
Ausdruck durch Gesicht und Körper
________ Anthromorphismus, also das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf Tiere, ist ein beliebtes Thema für Illustratoren. Weit verbreitet ist die Verwendung in Kinderbüchern, aber Tiere mit menschlichen Charakterzügen sprechen jedes Publikum an.
Marion Deuchars Kinderbuch »Bob the Artist« über einen künstlerisch talentierten Vogel gefällt auch Erwachsenen. Es ist sehr unterhaltsam, spricht aber auch das ernste Thema Mobbing an. Die britische Illustratorin wollte die Gefühlsschwankungen des vermenschlichten Vogels zeigen, der von anderen geneckt wird. Dabei klingt auch Autobiografisches an: »Mit zwölf war ich ein Wildfang. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal einen Rock anzog, um damit durch den Park zu gehen. Eben noch dachte ich für mich, ›sieh mal an, das ist doch gar nicht so schlecht, ich sehe okay aus‹, als ich auf einmal ein paar Mädchen kichern hörte. Sie zeigten mit dem Finger auf mich und riefen mir zu, ›das sind die dürrsten Beine, die wir je gesehen haben‹. Danach habe ich lange keinen Rock mehr getragen.«
Bob hat genauso dürre Beine. Auf der hier gezeigten Doppelseite sieht man, wie Bob eben noch gut gelaunt ist, dann aber traurig weitergeht. Zeichnerisch ausgedrückt wird dieser Gefühlsumschwung durch die Winkel und die Haltung seiner langen Beine und seines Körpers. Die mit Fingerabdrücken dargestellte Katze, die sich über ihn mokiert, wirkt finster – man beachte den Ausdruck in ihren Augen. Die Eule dagegen, mit verschmierten Pinselstrichen illustriert, sieht ein bisschen betreten aus, als würde sie das, was die Katze sagt, nur nachplappern, um nicht auch von ihr kritisiert zu werden.
Der Vogel Bob erweckt sofort Empathie im Betrachter. Wer erinnert sich nicht, an das Unbehagen eines unsicheren Teenagers?
»Es ist fast, als würde man vergessen, wie man läuft, als ob die Gliedmaßen aus Gummi wären und nicht richtig funktionierten.«

Marion Deuchars, 2016
» Bob the Artist« Laurence King Publishing
Voll auf die Zwölf
Eine direkte Message
________ Manchmal ist die durch eine Zeichnung vermittelte Botschaft wichtiger als die Kunstfertigkeit ihrer Darstellung. Wenn man sich dabei beispielsweise auf ein oder zwei wesentliche Attribute konzentriert, kann das einer Figur schon wichtige Charakterzüge verleihen. Marc Boutavants »Yes Fox« ist eine von 15 Illustrationen, die der französische Künstler für die Zeitung Libération entwarf und die sommerliche Festivalaktivitäten zeigen. »Dieser Typ könnte jeder sein«, sagt Boutavant über seinen Fuchs, »und er ist bereit, sein gewöhnliches Leben hinter sich zu lassen.«
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