Das an sich schon unheimliche Märchen der eingesperrten Rapunzel ist eine dieser düsteren Geschichten. Art Director Rodrigo Corral traf die Entscheidung, den Fokus des Covers der Originalausgabe auf ein Detail der Rapunzelgeschichte als das Wesentliche zu legen. Er beauftragte die in New York lebende Japanerin Yuko Shimizu damit, das Lettering zu gestalten und Rapunzels Haar als Grundelement zu verwenden. »Rodrigo wusste, dass ich viele Bilder gezeichnet habe, auf denen Frauenhaar zu sehen ist«, erklärt Shimizu, deren Stil ein bisschen an den britischen Illustrator Aubrey Beardsley (1872–1898) erinnert.
Der nächste Schritt war die Kreation des ungewöhnlichen Lettering, das grazil, feminin und klassisch, dabei aber auch modern und etwas düster angelegt werden sollte. Die Schrift in Schwarz auf Weiß zu zeichnen, trug zum gewünschten Look bei, ebenso der feine und doch wilde Stil ihrer Gestaltung. Neben dem drahtigen Haar ist ein Schwan auf den Schutzumschlag geprägt, der nur dann ganz sichtbar ist, wenn der Leser den Umschlag abnimmt und ausklappt. »Wir hofften, die Leser würden die Message verstehen«, sagt Shimizu. »Die Geschichten sind sehr subtil, und das repräsentiert das Cover.«
Corrals Team stellte die Basis-Schrifttype zur Verfügung, und Shimizu zeichnete ihre Haarmuster darüber. Sie selbst ist keine Typografin, hat aber schon oft mit begabten Typographen zusammengearbeitet, um ein Lettering zu gestalten: »Ich glaube, dass sich der Einzelne ganz auf seine Stärken konzentrieren und sich bei seinen Schwächen von anderen helfen lassen sollte, die genau da ihre Stärken haben. In der Kombination lässt sich so das Beste herausholen.«
Verschiedene Wege zu finden, Ideen durch ein geschicktes Lettering zu illustrieren, kann gut Stimmungen erzeugen und bietet eine kluge Möglichkeit, Wort und Bild eins werden zu lassen.

Yuko Shimizu, 2015
A Wild Swan , Buchumschlag Farrar, Straus and Giroux
Art Director: Rodrigo Corral
Erfinderische Ziffern
Zahllose Wege, Zahlen zu zeichnen
________ Zahlen sind im Leben und in der Literatur ebenso wichtig wie Buchstaben. Und doch haben gezeichnete Ziffern aus irgendeinem Grund nicht den gleichen Stellenwert wie gezeichnete Buchstaben. Komisch. Das Gestalten von Zahlen ist ebenso sinnlich und konzeptionell außergewöhnlich wie das Gestalten egal welchen Alphabets, und die Möglichkeiten sind unendlich.
Als der in Rochester, New York, lebende und arbeitende Illustrator Andy Gilmore den Auftrag bekam, eine Zeichnung für die Ausgabe Nr. »25.04« des Magazins »Wired« zu kreieren, machte man ihm keinerlei konzeptionelle Vorgaben. Man kannte seine meist geometrisch angelegten, eine perfekte Synchronisation von Farbe und Form erzielenden Arbeiten, von denen oftmals eine geradezu hypnotische Wirkung ausgeht, und ermutigte ihn, seinem ganz persönlichen Stil treu zu bleiben.
Gilmore erklärt dazu: »Ich lasse mich nicht vom bereits Vorhandenen beeinflussen, wenn ich Buchstabenformen gestalte – ich lege einfach los und sehe, was dabei herauskommt.« Ein bisschen erinnern seine Zahlen an die Werke von Paul Klee, insbesondere in ihrer lebhaften Farbgebung. Neben der linearen Komposition ist es vor allem diese Farbgebung, die diesen Ziffern ihren Charakter und ihre Ausstrahlung verleiht.

Andy Gilmore, 2017
»WIRED 25.04 Splash Page« Magazin Wired
Art Director: Mike Ley
Unerwartete Materialien
Den gezeichneten Buchstaben personalisieren
________ Wir neigen dazu, beim Hand Lettering an klassische Buchillustrationen oder Variationen davon zu denken. Man stelle sich ein Gewölbe mit mittelalterlichen Schreibern in Mönchskutten vor, die sich mit Feder oder Pinsel in der Hand über Tische beugen, um dekorative Initialen auf alte Manuskripte zu zeichnen und sie anschließend zu kolorieren und zu schattieren. Man kann sich beim Lettering aber auch ganz von der traditionellen Buchmalerei entfernen. Jon Grays Pseudo-Typografie für dieses Taschenbuchcover ist aus Post-it-Notizzetteln gemacht – eine Collage aus gleich großen Schnipseln bunten Papiers.
Es gab einen logischen Grund für diese Lösung. Sie spielt auf die 388 Fußnoten an, die eine Schlüsselrolle beim Lesen von »Infinite Jest« (deutsch: »Unendlicher Spaß«), David Foster Wallaces tausendseitigem literarischen Meisterwerk von 1996 einnehmen, außerdem nimmt es Bezug auf die ursprünglich himmelblau gestalteten Cover früherer Buchausgaben.
»Das Konzept wurde genau auf dieses eine Buch zugeschnitten«, sagt der britische Design-Guru und Buchgestalter Jon Gray. »Ich würde diese Idee für kein anderes Projekt verwenden.« Es demonstriert die Vorstellungskraft und technische Bandbreite des Illustrierens – nicht nur als Bildmedium, sondern auch als Annäherung ans Lettering, insbesondere bei der Verwendung ungewöhnlicher Materialien. »Alle Formen stehen in engem Zusammenhang mit dem Inhalt des Buchs.«
Ein weiterer Grund, warum Gray diese besondere Herangehensweise wohl für kein anderes Projekt mehr wählen möchte, ist, dass das Kunstwerk zwei Meter hoch wurde und er drei Tage brauchte, um es herzustellen. Doch das Ergebnis überzeugt: Auch auf Buchcovergröße verkleinert hat sein Werk immer noch etwas Monumentales.

Jon Gray, 2016
Infinite Jest , Buchumschlag Little, Brown and Company
Art Directors: Mario Pulice und Nico Taylor
Typografisches Wirrwarr
Je mehr Durcheinander, desto besser
________ Poster aus dem 19. Jahrhundert zeigten oft eine Anhäufung verschiedenster typografischer Stile und Bilder, die meistens als Kupferstich oder Holzschnitt gefertigt wurden. Warum? Damals war die Drucktechnik noch so aufwendig und kostenintensiv, dass ein Drucker häufig nicht genug Material für alle Buchstaben hatte. Was also im späten 20. Jahrhundert ein modischer Trend wurde – das Wiederverwenden gebräuchlicher Formen –, war in früheren Jahren schlicht eine Notwendigkeit.
Von diesen Postern ließ sich der italienische Künstler Lorenzo Petrantoni für (s)einen (Un-)Kalender inspirieren, den er für eine Druckerei gestalten sollte. Mit einer Vielfalt von Schriftarten und Clip-art-Gravuren schuf er eine zeitgenössische Hommage an die historischen Gestaltungsformen.
Seine Absicht war, einen attraktiven, funktionalen Gegenstand zu gestalten, den die Menschen jeden Tag benutzen: »Ich wollte ein zeitgenössisches Objekt mit Bildern und Schrifttypen aus der Vergangenheit dekorieren – lebende Geschichte.« Und auch, wenn sie auf den ersten Blick ein bisschen chaotisch wirken mag, ist seine Illustration doch eine wohlproportionierte, symmetrisch hochdisziplinierte Zusammenstellung verschiedener exakt ausgewählter, collagenartig angeordneter Buchstaben und Bilder. Er verwendete dafür sowohl handgemalte Buchstaben als auch gewöhnliche Fonts in einer typografischen Inszenierung, die seine Idee perfekt umsetzt.
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