Am 20. lud die Königlich-Geographische Gesellschaft Doktor Fergusson und Herrn Kennedy zu einem großen Abschiedsessen ein. Der Befehlshaber der ›Resolute‹ und seine Offiziere wohnten gleichfalls diesem Mahle bei, das unter allseitiger, fröhlicher Laune verlief und bei dem es an einer Masse schmeichelhafter Trinksprüche für unsere Freunde nicht fehlte. Gesundheiten wurden in einer so reichen Zahl ausgebracht, dass sie genügt hätten, um den Gästen ein hundertjähriges Leben zu sichern. Sir Francis M... führte mit mäßiger, aber würdevoller Rührung den Vorsitz.
Zu Herrn Dicks großem Missfallen erhielt auch er seinen reichlichen Anteil an diesen Glückwünschen. Nachdem man auf den unerschrockenen Fergusson, den Ruhm Englands, getrunken hatte, durfte man nicht verabsäumen, auf den nicht minder heldenmütigen Kennedy, seinen kühnen Begleiter, zu trinken. Dick errötete über und über, was ihm jedoch als Bescheidenheit ausgelegt wurde und nur zur Folge hatte, dass man die Beifallsbezeugungen verdoppelte. Dick Kennedy errötete noch tiefer.
Beim Dessert kam eine Botschaft der Königin an. Sie sandte den beiden Reisenden ihre Grüße und ließ ihnen Glück zu ihrem Unternehmen wünschen. Dies erforderte natürlich wiederum Toasts ›auf Ihre allergnädigste Majestät‹.
Endlich, um Mitternacht, trennten sich die Gäste nach einem rührenden Abschied und manch warmem Händedruck. Die Boote der ›Resolute‹ warteten an der Westminster-Bridge; der Kommandant nahm in Gesellschaft seiner Passagiere und Mannschaften darin Platz, und der Strom der Themse brachte die Gesellschaft schnell nach Greenwich. Um ein Uhr lag alles an Bord im tiefsten Schlafe.
Am Morgen des 21. Februar, um drei Uhr früh, waren die Kessel geheizt, um fünf Uhr lichtete man die Anker, und unter dem Druck der Schraube steuerte die ›Resolute‹ der Mündung der Themse zu.
Während der langen, unbeschäftigten Stunden der Reise ging der Doktor mit den Offizieren einen förmlichen geographischen Kursus durch. Die jungen Leute interessierten sich lebhaft für die seit vierzig Jahren in Afrika gemachten Entdeckungen. Er erzählte ihnen von den Forschungsreisen Barths, Burtons, Spekes, Grants und schilderte ihnen dieses geheimnisvolle Land, das gegenwärtig so rege von der Wissenschaft in Angriff genommen war. Im Norden erforschte der junge Duveyrier die Sahara und brachte die Häuptlinge der Tuareg nach Paris. Unter Oberaufsicht der französischen Regierung wurden zwei Expeditionen ausgerüstet, die vom Norden herab nach Westen gehend sich in Timbuktu kreuzen sollten. Im Süden rückte der unermüdliche Livingstone immer weiter Richtung Äquator vor, und vom Mai des Jahres 1862 ab ging er in Gesellschaft Mackensies an dem Rovoonia-Flusse aufwärts. Das 19. Jahrhundert würde gewiss nicht zu Ende gehen, ohne dass Afrika die in seinem Schoß seit sechstausend Jahren vergrabenen Geheimnisse enthüllt hätte.
Das Interesse der Zuhörer Fergussons wurde besonders geweckt, als er ihnen im Einzelnen von den Vorbereitungen zu seiner Reise erzählte. Sie wollten die Probe seiner Berechnungen machen und begannen eine Erörterung, in welche der Doktor sich ohne alle Umschweife einließ. Im Allgemeinen staunte man über die verhältnismäßig geringe Menge an Lebensmitteln, welche er mit sich führte, und eines Tages befragte jemand den Doktor in Bezug hierauf.
»Das erstaunt Sie?«, fragte Fergusson zurück. »Aber wie lange glauben Sie denn, dass ich unterwegs sein werde? Doch nicht etwa Monate? Da irren Sie sehr. Wenn meine Reise sich in die Länge ziehen sollte, wären wir verloren und würden gar nicht ans Ziel gelangen. So wissen Sie denn, dass von Sansibar nach der Küste von Senegal nicht mehr als 3.500, nehmen Sie an 4.000 Meilen sind. Wenn man nun in zwölf Stunden 240 Meilen zurücklegt, was der Schnelligkeit unserer Eisenbahnen nicht nahe kommt, und wenn man Tag und Nacht reist, so würden sieben Tage genügen, um Afrika zu durchfahren.«
»Aber dann könnten Sie nichts sehen, keine geographischen Aufnahmen machen, noch das Land gehörig kennen lernen.«
»Ich werde mich deshalb auch«, antwortete der Doktor, »überall aufhalten, wo ich es für gut befinde, besonders auch dann, wenn zu heftige Luftströmungen mich fortzureißen drohen.«
»Und das wird nicht ausbleiben«, sagte Pennet; »es wüten bisweilen Orkane, welche über 240 Meilen in der Stunde zurücklegen.«
»Sie sehen«, versetzte der Doktor, »bei einer solchen Schnelligkeit könnte man Afrika in zwölf Stunden durchfahren. Man würde in Sansibar aufstehen, um in Saint-Louis zu Bett zu gehen.«
»Aber«, äußerte ein Offizier, »könnte denn ein Ballon in solcher Schnelligkeit mit fortgerissen werden?«
»Man hat das schon erlebt«, erwiderte Fergusson.
»Und der Ballon hat gehalten?«
»Vollkommen. Zur Zeit der Krönung Napoleons im Jahr 1804 ließ der Luftschiffer Garnerin um elf Uhr abends von Paris einen Ballon ab, der in goldenen Lettern die folgende Inschrift trug: ›Paris, 25. Frimaire, Jahr 13, Krönung des Kaisers Napoleon durch Seine Heiligkeit Pius VII.‹ Am folgenden Morgen, um fünf Uhr, sahen die Einwohner von Rom denselben Ballon über dem Vatikan schweben, die römische Campagna durchfliegen und sich in den See von Bracciano versenken. Dies ist der Beweis, meine Herren, dass ein Ballon gegenüber solcher Schnelligkeit standhalten kann.«
»Ein Ballon, mag sein, aber ein Mensch?«, wagte Kennedy einzuwerfen.
»Auch ein Mensch! Denn ein Ballon ist immer unbeweglich im Verhältnis zu der ihn umgebenden Luft: Er selber geht nicht, sondern die Luftmasse; zündet z. B. ein Licht in einer Gondel an, und die Flamme wird nicht hin und her flackern. Ein Luftschiffer auf dem Ballon Garnerins hätte durch diese Schnelligkeit keineswegs gelitten. Übrigens liegt mir durchaus nichts daran, mit einer solchen Geschwindigkeit zu experimentieren, und wenn ich mein Luftschiff während der Nacht an einen Baum oder irgendeine Unebenheit des Bodens ketten kann, werde ich mir das nicht entgehen lassen. Wir führen indessen für zwei Monate Lebensmittel mit uns, und nichts wird unseren geschickten Jäger daran hindern, Wildbret im Überfluss zu erjagen, wenn wir uns einmal auf der Erde niederlassen.«
»Ah, Herr Kennedy, Sie werden Gelegenheit haben, Meisterschüsse zu tun«, sagte ein junger Midshipman, den Schotten mit neidischen Augen betrachtend.
»Ganz abgesehen davon«, fügte ein anderer hinzu, »dass Ihr Vergnügen mit großem Ruhm Hand in Hand gehen wird.«
»Meine Herren«, antwortete der Jäger, »ich weiß Ihre Komplimente sehr wohl zu würdigen, aber ich kann dieselben nicht annehmen.«
»Wie?«, rief man von allen Seiten, Sie werden nicht mitreisen?«
»Ich werde nicht reisen.«
»Sie wollen Doktor Fergusson nicht begleiten?«
»Nicht nur das, sondern meine Anwesenheit hat keinen anderen Grund, als ihn im letzten Augenblick noch zurückzuhalten.«
Aller Blicke richteten sich auf den Doktor.
»Hören Sie nicht auf ihn«, antwortete dieser mit ruhiger Miene. »Das ist eine Frage, die man nicht mit ihm erörtern darf; er weiß im Grunde recht gut, dass er mitreisen wird.«
»Beim heiligen Patrick!«, rief Kennedy aus, »ich beteure ...«
»Beteure nichts, Freund Dick; du bist ausgemessen, du bist gewogen, du bist mitsamt deinem Pulver, deinen Flinten und Kugeln in unser Luftschiff eingepasst; so lass uns nicht mehr davon sprechen.«
Und wirklich öffnete Dick von diesem Tage bis zur Ankunft in Sansibar nicht mehr den Mund; er sprach ebenso wenig von der Reise wie von etwas anderem. Er schwieg.
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