Nun ist schon Ende Oktober und ich lebe noch immer. Sogar klarer als im August. Damals war jede Stunde zu viel, ich dachte nur an Schlussmachen. Die Frage, wie ich das mache, hat die Gedanken beherrscht, da ich keine letalen Tabletten bekam. Da nach dem Karlsruher Spruch zur Sterbehilfe keine Hilfe zu erwarten war, kam ich am Ende auf elf Methoden der Selbsthilfe: Mit Stürzen, Stichen, Schnitten, Stricken, Ertränken, den Gashahn vom Grill, Ersticken, Verhungern, und die Überdosis Blutdrucksenker. (Ob das ging?) Es gab mehr Möglichkeiten, als man dachte. Ich musste oft an Adalbert Stifter 13denken, in dessen beruhigte Welt auch der Schnitter eintrat, der er dann selbst war.
Der im August selbstgesetzte Termin ist vorbei, ich gehe jetzt wieder stockgestützt, freilich durchs Dorf nicht mehr durch, sondern vorm Haus, 200 Schritte nach links, dann nach rechts. Es geht gut, erfrischende Schritte. Gestern war Cora da. Sie schaut einem zuerst in die Augen, ob ihr Weiß noch oder wieder klar ist. Bessern kann sie sie nicht, aber sie zog meine Hände auf ihre Brüste. Sie hat das gern. Ich denke dann immer wieder an die lebenstapfere Marieluise Fleißer. Der junge Lion Feuchtwanger war ihr Liebhaber, damals, Anfang der zwanziger Jahre, bevor sie in Brechts Hände fiel. 1970 übernahm ich auf Unselds Ruf die Ausgabe der Fleißerschen Werke 14– die Fleißer wurde damals auch mit Fassbinder, Kroetz und Martin Sperr in Ingolstadt zusammen präsentiert – und wie das Gespräch so ging, fragte der Brecht-Verleger Unseld in seiner stets tätigen Neugier, wie Brecht denn so im Bett gewesen wäre. Die Antwort war kurz, also sachlich. Aber dabei erzählte sie, dass der liebe Lion immer von ihrem jungfräulichen Busen als »dem schönsten in Mitteleuropa« gesprochen, ja geschwärmt habe.
Ich merke jetzt, es ist beim Schreiben wie im Leben: die erotischen Sachen kommen einem immer dazwischen. Ich wollte eigentlich sagen, ich bin unverhofft gestärkt, es ist wohl ein Zwischenhoch – aber wieder allein. Ich muss mir die Tage selbst füllen, suche also vielleicht doch mit mir nach mir. Die neuesten Fußball-Ergebnisse auf dem Abendspaziergang mit meinem treuen rumänischen Betreuer reichen dann doch nicht aus.
Zarte Roulade, mit herrlichster Soße und Kartoffelpüree, vorsichtig auftauen und nachher im Backofen heißmachen. Ich hatte auf Ober- und Unterhitze statt auf Auftauen gedreht. Mein Auge erkennt die Striche nicht mehr und mein Kopf hat die Striche noch nicht eingeübt. Die Roulade war ein einziges hartes schwarzes Etwas. Ich musste das Festgebrannte mit dem Messer abkratzen, war gerade dabei, den heißen Teller einzuweichen, da kam Dumitru und half meinem Suchen nach Ersatz aus der Patsche. Es war noch da, ein Stück vom Wiener Schnitzel, kalte, gekochte Kartoffeln. Er brauchte zwei Anläufe, bis es essbar warm war. Danach der Rest von der Roten Grütze. Dann öffnete Dumitru, es war sein 20. Hochzeitstag, die blaue Dose vom Hochzeitsfeierkuchen. Seine hübsche Frau, die Krankenpflegerin, ist eine Tortenbäckerin erster Güte, schickte vom neuesten Produkt, Sahne mittendrin, ein Stück mit. Ich sollte es unbedingt versuchen. Jetzt liegt mir alles im Magen und drückt mir die erdachten Gedanken aus dem Kopf.
Ich hab’s gerade noch geschafft, es fängt an zu regnen, ich war mit der umstürzenden Frage beschäftigt, was besser, richtiger ist: immer die 1200 Schritte zählen oder was ganz anderes denken. Noch kann ich sagen, es kommt auf die Tagesform an. Die Erfahrung habe ich erlebt. Aber irgendwann wird man, werde ich stürzen und um Hilfe rufen und was dann? »Carpe diem« hätte ich beinah geschrieben, und schwupp hörte ich wieder die froh springende und schwingende Stimme, die Gedichte von Horaz ins Zimmer sprach. Ich hatte eine alte, wieder ausgegrabene Schallplatte aufgelegt, habe ja immer noch das stammelnde Latein aus der Lateinstunde im Ohr, aber das hier war lebendig, wie auf einem römischen Gelage. Ich war plötzlich im alten Rom. Ich verstand nichts, aber erlebte eine römische Viertelstunde, wie gestern, als ich Heidegger hörte, langsam jedes Wort setzend (Bodenständigkeit, Atomzeitalter), wie ein Prediger, jedes Wort aus dem Satz genießend. Letzte Woche überraschte mich Thomas Mann. Er sprach seine Erzählung »Herr und Hund« zum Teil ganz aufgeregt, als läse einer die gefährlichste Passage aus »Sherlock Holmes«. Er steckte die ganze Aufregung in den Vortrag. Ich hielt ihn immer, weil er so lange Sätze schrieb, für einen denkenden Redner. Hier verschwand das sicher feinsinnig Erdachte in einem ganz fremden Ton. Ich habe mir einen ganzen Stapel solcher Schallplatten aus dem Schrank holen lassen, Josef Pieper, Elisabeth Langgässer, von Stefan Andres »Wir sind Utopia«. Und sechs Platten von Gert Westphal. Er war ein edler Sprecher, es war seine eigentliche Karriere. Ich kannte ihn als Schauspieler aus Bremen. Gepflegte Form der fünfziger Jahre, traf wieder auf ihn im Zürcher Schauspielhaus. War dort höchst beliebt, bis 1970 Peter Stein kam. Es muss ihm damals, wie vielen anderen, das Theater zusammengebrochen sein. Als er meine Kritiken las, schrieb er an die Herausgeber der F.A.Z . über den neuigkeitssüchtigen Herrn g. r. Es wirkte – die F.A.Z . hatte eine teilweise sehr konservative Mannschaft – lange nach. Ich bin gespannt, wie lange ich das Stimmen-Museum aus den fünfziger Jahren aushalte. Man treibt in die Zeit wieder, der man entkommen ist, besser: aus der man sich herausgearbeitet hat.
Schmerzpunkt des vorgerückten Alters: »Du hättest zehn Jahre früher anfangen müssen«, spricht es in mir. Das »Zu-spät« war früher der Brennpunkt großer dramatischer Werke. Die Stückeschreiber von heute kennen das nicht mehr.
Auch im Internet gibt es Umleitungen. Man lernt noch immer dazu, aber kann es selber nicht mehr nutzen. Bernd Feuchtner, der mir vorletzte Woche sein neues Buch über die Oper des 20. Jahrhunderts schickte, schwer wiegt es in der Hand, bedankte sich für meinen Dank, den Cora nach Diktat ihm schickte. Ich hatte ihm berichtet, dass ich das Werk nicht mehr lesen, nur noch durchblättern könne. Er schrieb zurück, dass ihn meine Reduktion sehr getroffen hätte, erinnerte an die gemeinsame Arbeit in Berlin, gleich nach der Wende, und was man früher für Schmus gehalten hätte, und das in dem Satz endete vom besten Chef, den er hatte. Das war wie ein Echo aus dem grünen Urwald des Lebens in mein vertrocknetes Dickicht, in das ich geraten bin. Je dicker das Schweigen um einen wird, desto mehr kommt man ins Sammeln solcher Sätze. Man hält Ausschau nach Zeichen, dass man doch noch in der Welt ist.
Ich warte jetzt auf eine Antwort vom Verlag. Ob, was und wie die Dinge ruhen oder in Bewegung sind. Ich muss mich selber bremsen, damit das Tempo des Wartens nicht zu hoch wird. Dabei bin ich früher, wenn ich nach Zürich oder ins Theater musste, gern schnell gefahren, auch mal zweihundert. Das war vor 50 Jahren, da gab es den »Raser« noch nicht, wenigstens nicht als Begriff. Aber die Autobahn war nachts auch noch leerer. Damals war das noch eine Lust; wenn ich heute daran denke, spüre ich die Gefahr und mein Glück, dass ich heil angekommen bin. Auf der Fahrt von Bochum – wohl nach Hagen – hielt ich einmal an einer Tankstelle. Da kam mein Hintermann und sagte: »Wissen Sie, dass Sie hinten platt sind?« Der Schreck war groß und sitzt bis heute in mir. Das Tempo hatte den platten Reifen wohl gehalten. Mein Gott, was einem wieder einfällt, kommt man mit einem Wort auch nur in die Nähe ehemaliger Begebenheit. Als würde plötzlich hier einem Gefangenen das Tor des Verlieses geöffnet. Dabei wollte ich doch ganz anderes in die Maschine geben. Nennt man das auch Eingebung? Ich wollte nur noch vermerken, dass unter den Grüßen, die mich jetzt erreichen, doch öfter angemerkt wird, man habe viel von mir gelernt. Das überrascht mich heute noch. Ich habe das nie erwartet, dass von mir was zu lernen sei. Ich fühlte mich selbst immer als Lernender. Wenn ich mal deuten sollte: ich suchte, ohne zu wissen, nach dem Geheimnis des Theaters. Das muss es doch geben, sonst wären nicht so viele vernarrt oder nur beschäftigt mit Theater. Ich glaube, es hat mich einfach angezogen, angesogen, obwohl ich immer noch meine, ich gehöre anderswohin. Nennt man das Magie?
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