„Miss Craig?“
Sie drehte sich um und sah mit ihren großen, grauen Augen zu ihm hoch.
„Lieutenant Holdsworth?“, fragte sie. Sie stand auf und rieb ihre Hände in den Handschuhen aneinander.
„Ja, ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie sich an mich erinnern würden. Darf ich fragen, was Sie hier allein machen?“
„Ich suche nach Kräutern“, erklärte sie.
„Weiß irgendjemand, wo Sie sind?“
„Ich glaube nicht, dass das jemanden groß interessiert.“ Sie zuckte mit den Achseln.
Er starrte sie ausdruckslos an. Für was für einen Haushalt arbeitete er eigentlich? Er stammte nur vom Landadel ab, aber seine Schwester würde niemals ohne einen Stallburschen an ihrer Seite den Garten verlassen.
Sie schien seine Verwirrung zu bemerken. „Ich bin nicht wirklich die Tochter eines Barons, Lieutenant Holdsworth. Ich nehme an, dass mein Benehmen das bestätigt. Wissen Sie, mein Bruder, meine Schwester und ich, wir verloren vor einigen Jahren unsere Eltern und lebten danach in der Abtei von Alberfoyle, wo wir Dr. Craig trafen. Er hatte dort eine medizinische Praxis. Erst vor wenigen Wochen gab er uns seinen Namen und brachte uns hierher, um hier zu leben.“
Wirklich seltsam , dachte er.
„Ich hoffe, dass sich die Leute nicht darum kümmern, wenn ich allein draußen unterwegs bin. Wie langweilig würde das sonst werden!“
„Ich würde behaupten, sie werden sich sehr wohl kümmern, aber ich kann natürlich nicht für ihre Eltern sprechen. Ich nehme an, dass sie im Moment von allem etwas überwältigt sind.“
„Ja. Deshalb suche ich nach Andorn.“
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Oh, würden Sie das tun?“, fragte sie mit erfreutem Lächeln und er entspannte sich. Sie schien nicht im Geringsten von ihm abgestoßen zu sein, womit er eigentlich gerechnet hatte.
„Wenn Sie mir sagen, wonach ich suchen muss. Für mich sehen die Pflanzen alle gleich aus.“
„Viele sind es auch. Es ist schon faszinierend, wie einfache Pflanzen, wenn man sie richtig einsetzt, heilen können.“
Er wusste, dass die Ärzte in Wyndham derartige Dinge angewandt hatten, aber er hatte nie darüber nachgedacht, woher sie kamen.
„Haben Sie das gehört?“ Sie hob ihre Hand, um darauf hinzuweisen, dass sie versuchte, etwas zu hören.
Er meinte, ein schwaches Wimmern zu vernehmen. Er nickte.
„Ich glaube, es kommt von den Büschen dort.“
Sie schlich leise in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und er folgte ihr, so leise wie er nur konnte. Als sie zu dem Gestrüpp kamen, aus dem das Geräusch erklang, fanden sie einen kleinen, struppigen Hund, der dort verletzt lag und jaulte.
„Ach, du armer Schatz!“ Miss Craig kniete sich zu dem Welpen, der sich überraschenderweise von ihr trösten ließ.
„Ich wäre vorsichtig, Miss Craig. Wilde Hunde können Tollwut haben.“
„Aber er ist doch bestimmt nicht wild. Ich glaube, dass er bei dem Feuer verbrannt wurde“, sagte sie und zog ein wenig das Fell zur Seite, unter dem einige hässliche Wunden verborgen waren. Er konnte nicht hinsehen, aber sie störte sich nicht daran.
„Ich habe genau das, was du brauchst, bei mir zuhause“, erzählte sie dem Hund.
Sie drehte sich um und sah ihn an. Er hatte den Verdacht, dass er bereuen würde, was sie jetzt tun würde.
„Würden Sie so freundlich sein und den Andorn für mich tragen, damit ich sie in den Korb legen kann?“
„Miss Craig, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“
„Ich kann sie nicht hierlassen, sonst wird sie sterben!“
Insgeheim dachte John, dass es das Beste wäre, wenn man den armen Hund von seinen Qualen erlösen würde, aber diese flehenden Augen ...
„Wie Sie wünschen.“ Er nahm die Kräuter in seine Hand und sie legte die Hündin in den Korb. Das Schloss war recht weit entfernt und sein Cottage war ganz in der Nähe. „Warum bringen wir sie nicht in mein Haus und Sie holen Ihre Medizin? Dann können Sie Lord Craig auch fragen, ob er sie hier oder dort haben möchte.“
Sie belohnte ihn mit einem Lächeln, das er nie vergessen würde.
Drei Jahre später
John konnte das Schlachtfeld nicht überblicken. Die Luft war vom Rauch der Schüsse so dick geworden, dass es ihm schwerfiel, etwas zu sehen geschweige denn zu atmen. Ein heftiges Feuer wütete im Westen beim Château Hougoumont und verschlimmerte die Bedingungen nur noch. Er stand mit den Überresten seines Regiments im Karree und versuchte, wachsam zu bleiben, während er auf den nächsten Befehl oder die nächste Angriffswelle wartete. Er wusste nicht, wie lange das noch so weiter gehen konnte. Er kämpfte fast seit Mittag unter der brütenden Sonne, auf schlammigen Feldern, die jetzt mit den zerfetzten Körpern seiner Kameraden übersät waren. Nun stand die Sonne am Abendhimmel und er betete – nein, flehte – Gott um Gnade an. Genauso hatte er sich die Hölle immer vorgestellt. Eine Folter ohne Ende. Leiden. Hitze. Schwärmende Fliegen. Unstillbarer Durst. Erschöpfung. Elend. Tod.
Sie waren den ganzen Tag inmitten der heftigsten Kämpfe gewesen und hatten versucht, La Haye Sainte zu schützen – das Herz der alliierten Streitmacht. Die zahlreicheren französischen Geschütze hatten die Oberhand gewonnen und schlugen auf das alliierte Zentrum ein. Wellington befahl seiner gesamten Linie, sich hinter den Kamm des Plateaus zurückzuziehen, bevor er von rechts und links Einheiten herbeirief, um seine verwüstete Mitte wieder aufzubauen.
„Holdsworth!“
„Sir!“
„Ziehen Sie sich hundert Schritte zurück und setzen Sie Ihr Karree neu auf!“
„Ja, Sir.“
Er wiederholte den Befehl für seine Männer und sie gehorchten bereitwillig, in der Hoffnung, dass es Aufschub bedeutete.
Das ohrenbetäubende Geräusch von Kanonenfeuer zerriss die Luft und eines der Pferde der Garde bäumte sich auf und fiel rückwärts auf ihn zu. Die Szene spielte sich wie in Zeitlupe vor ihm ab. Bevor er sich bewegen konnte, spürte er, wie das Gewicht des Pferdes seinen Körper zerschmetterte und ihm das Atmen unmöglich machte. Er drehte den Kopf und suchte nach einem Ausweg, nur um einen Kürassier über ihm stehen zu sehen, ein Bajonett auf seinen Hals gerichtet. Er nahm Blickkontakt mit dem Mann auf.
“S'il vous plaît. Rapide.“ Er bettelte, während er keuchend nach Luft schnappte und unter der Masse des Pferdes kämpfte.
Er schloss die Augen und wartete auf den tödlichen Schlag. Nichts passierte.
John schoss in seinem Bett hoch, triefend vor Schweiß und sein Puls raste wie wild. Es dauerte immer mehrere Minuten, bis er seine Sinne wiedererlangte und merkte, dass er das Grauen nur noch einmal durchlebte. Jede Nacht war es diese Erinnerung oder die letzten Momente, in denen er noch unversehrt war. Würde es jemals wieder für ihn eine durchgehende Nachtruhe geben, frei von diesen Albträumen und Erinnerungen? Würde er jemals ein paar Stunden Tiefschlaf abseits seiner Realität haben?
Er sah sich im Schlafzimmer seines Cottages um, während sich seine Augen an das schwindende Mondlicht gewöhnten, das durch das Fenster hereinfiel. Es war sicherlich mehr, als er jemals erwartet hätte, als er an jenem Tag in Waterloo auf dem Operationstisch gelegen hatte. Er war von dort zum Sterben in ein belgisches Krankenhaus gebracht und dort vergessen worden. Monate später hatte ihn Lord Fairmont nach England zurückgebracht, in ein Haus, das ein Gentleman gebaut hatte, in dem sich verwundete Soldaten erholen und wieder leben lernen konnten. John hätte sich geweigert zu gehen und wäre in Belgien geblieben, wäre Lord Fairmont nicht gewesen. Es war für John unmöglich gewesen, ihm zu sagen, dass er sich nicht vorstellen könnte, wie es sich anfühlte, wenn seiner Lordschaft selbst eine Hand und ein Auge fehlten.
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