Wenn der Mensch Werkzeuge baut, will er stets sich und seine Körperfunktionen ersetzen, erweitern oder verbessern. Unsere Werkzeuge und Geräte orientieren sich deshalb am Aufbau des tierischen Organismus. Nehmen wir beispielsweise den Computer. Seine Bauweise beruht auf einer uralten Blaupause: Ein Prozessor steuert, ähnlich wie ein Gehirn, Hardware, Festplatten, Arbeitsspeicher, Grafik- und Audiokarten. Wir haben also unsere Organe einfach auf eine künstliche Intelligenz übertragen. Was immer der Mensch gebaut hat, gründet mehr oder weniger offensichtlich auf derselben Architektur: Ein zentrales Gehirn steuert die ausführenden Organe. Selbst unsere Gesellschaften basieren auf diesem archaischen, hierarchischen und zentral gelenkten Modell. Dabei bietet es nur einen einzigen Vorteil. Es liefert schnelle Antworten – die aber nicht unbedingt richtig sein müssen. Ansonsten ist es anfällig und alles andere als innovativ.
Die Pflanzen besitzen dagegen kein Organ wie ein zentrales Gehirn. Trotzdem können sie ihre Umgebung sensibler wahrnehmen als Tiere, sie können aktiv um begrenzte Boden- und Luftressourcen kämpfen, Situationen zuverlässig beurteilen, raffinierte Kosten-Nutzen-Rechnungen durchführen und angemessen auf Umweltreize reagieren. Sie könnten für uns also eine alternative Blaupause sein, die wir ernsthaft in Betracht ziehen sollten. Umso mehr, als wir Veränderungen heute immer schneller erkennen und umgehend hochinnovative Lösungen entwickeln müssen.
Zentralistische Strukturen sind per se schwach. Hernán Cortés landete am 22. April 1519 mit nur hundert Matrosen, fünfhundert Soldaten und ein paar Pferden in Mexiko, nahe dem heutigen Veracruz. Schon zwei Jahre später, am 13. August 1521, war mit dem Fall der Hauptstadt Tenochtitlan das Ende der aztekischen Kultur besiegelt. Dasselbe Schicksal widerfuhr einige Zeit später auch den Inka; sie wurden 1533 von Francisco Pizarro besiegt. In beiden Fällen konnten winzige Heere jahrhundertealte Großreiche vernichten, indem sie einfach die Könige, Montezuma und tahualpa, gefangen nahmen. Die zentralistischen Staaten erwiesen sich als angreifbar und verletzlich. Doch nur wenige Hundert Kilometer nördlich von Tenochtitlan lebten die Apachen, die längst nicht so fortschrittlich waren wie die Azteken, aber auch nicht zentralistisch organisiert. Sie konnten sich, wenn auch nur in einem langen Krieg, erfolgreich gegen Cortés zur Wehr setzen.
Das pflanzliche Modell ist wesentlich widerstandsfähiger und zeitgemäßer als das der Tiere. Pflanzen sind ein lebendes Beispiel dafür, dass Robustheit und Flexibilität kein Widerspruch sein müssen. Ihr modularer Aufbau macht sie zum Inbegriff der Moderne: Dank ihrer kooperativen, verteilten Architektur ohne Kommandozentrale bleiben sie selbst in Katastrophenfällen funktionsfähig und passen sich schnell an veränderte Umweltbedingungen an.
Die wichtigsten Körperfunktionen der komplex aufgebauten Pflanzen können sich dabei auf ein hoch entwickeltes sensorisches System stützen, das eine effiziente Erkundung der Umwelt und eine schnelle Reaktion auf Bedrohungen ermöglicht. So verfügen Pflanzen über ein raffiniertes, sich kontinuierlich weiterentwickelndes Netzwerk aus Wurzelspitzen, die den Boden aktiv erforschen. Nicht nur zufällig ist auch das Internet, der Inbegriff unserer modernen Welt, wie ein Wurzelnetzwerk aufgebaut.
Weil Pflanzen durch ihren einzigartigen evolutionären Weg eine wesentlich zeitgemäßere Struktur aufweisen als Tiere, kann es in puncto Robustheit und Innovationskraft niemand mit ihnen aufnehmen.
Wir täten gut daran, dem Rechnung zu tragen, wenn wir uns Gedanken über unsere eigene Zukunft machen.
Normalerweise bestimmen wir Pflanzen anhand ihrer oberirdischen Teile.
Dabei macht der Wurzelstock mindestens die – noch dazu wohl interessantere –
Hälfte der Pflanze aus.
Gedächtnis: Fähigkeit des Gehirns, die die Speicherung von Lernstoff, Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen und die Reproduktion derselben zu einem späteren Zeitpunkt möglich macht, Erinnerungsvermögen
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache – DWDS
Die Klugheit ist die Ehefrau, die Fantasie die Geliebte und die Erinnerung die Dienstmagd.
Victor Hugo, Post-scriptum de ma vie
Wir besitzen ein gigantisches Gedächtnis, von dem wir aber nichts wissen.
Denis Diderot
Tiere und Pflanzen lernen
durch Erfahrung
Ich habe mich schon immer für die Intelligenz der Pflanzen interessiert und darum zwangsläufig auch für ihr Gedächtnis. Im ersten Moment klingt das vielleicht seltsam: ihr Gedächtnis. Aber schauen wir doch einmal genauer hin. Man kann sich ja durchaus vorstellen, dass Intelligenz nicht einem einzelnen Organ zuzuordnen ist, gehört sie doch zum Leben selbst. Wie die Pflanzen zeigen, ist das Großhirn lediglich ein evolutionärer «Zufall», der nur bei den Tieren, also einem winzigen Teil der Lebewesen, auftritt. Bei der überwiegenden Mehrheit, den Pflanzen, hat sich die Intelligenz ohne Gehirn entwickelt. Andererseits kann ich mir beim besten Willen keine Form von Intelligenz – und sei sie auch noch so speziell – vorstellen, die ohne Gedächtnis auskommt.
Gedächtnis ist also nicht dasselbe wie Intelligenz. Ohne Gedächtnis können wir nichts lernen, und ohne Lernen ist Intelligenz unmöglich. Steht ein Lebewesen mehrfach vor demselben Problem, werden wir es nur dann als intelligent bezeichnen, wenn es auf das Problem mit der Zeit besser reagiert. Sicher haben wir alle manchmal das Gefühl, immer wieder dasselbe Verhalten zu zeigen, obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten. Und jedem fallen wohl Freunde oder Verwandte ein, die in bestimmten Situationen immer gleich, also niemals auch nur einen Deut klüger reagieren. Doch das ist nur unser Eindruck. Von Ausnahmen oder Sonderfällen abgesehen, die oft mit kleineren pathologischen Störungen zusammenhängen, lernen alle Lebewesen durch Erfahrung. Und diese goldene Regel gilt auch für Pflanzen. Wenn sich Probleme wiederholen, reagieren sie immer angemessener. Und das wäre nicht möglich, wenn sie die Informationen zur Problemlösung nicht irgendwo abspeichern würden. Wenn sie also kein Gedächtnis besäßen.
Aber glauben Sie bloß nicht, dass man deshalb schon offen von einem pflanzlichen Gedächtnis spricht. Weil die Pflanzen kein Gehirn besitzen, hat man sich zur Erklärung der zahlreichen Aktivitäten, für die Tiere analog das Gehirn benutzen, nämlich die verschiedensten Fachbegriffe ausgedacht: Akklimatisierung, Abhärtung, Priming, Konditionierung … Die Wissenschaft hat also linguistische Drahtseilakte vollführt, um in Bezug auf Pflanzen den alten, bequemen und einfachen Begriff «Gedächtnis» zu umgehen.
Doch ebenso wie die Tiere lernen Pflanzen aus Erfahrung und müssen folglich ein Erinnerungsvermögen besitzen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Olivenbaum kann Stresssituationen wie trockene oder salzige Böden überleben, weil er Anatomie und Stoffwechsel entsprechend verändert. Das wäre an sich noch nichts Besonderes. Aber wenn wir dieselbe Pflanze nach einer gewissen Zeit derselben Stresssituation, vielleicht sogar noch in verstärkter Form, aussetzen, fällt ihre Reaktion scheinbar überraschend aus, nämlich besser. Sie hat ihre Lektion gelernt! Irgendwie hat sie die angewandte Lösung gespeichert, umgehend abgerufen und so diesmal effizienter und präziser reagiert. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, hat sie aus Erfahrung gelernt und sich die optimale Reaktion gemerkt.
Pflanzen mit langem Gedächtnis
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