Inzwischen hatte Feldmarschall Alfred Jodl am 3. April einen Befehl unterzeichnet, mit dem er General Alexander Löhr in Saloniki beauftragte, gegen die jugoslawischen Aufständischen eine neue Operation zu starten, dieses Mal unter dem Namen ›Schwarz‹. »Nach der Vernichtung des kommunistischen Tito-Staates stellt sich das Problem der Vernichtung der Organisation und Struktur des nationalen ›Serbentums‹ unter Führung von Draža Mihailović, sodass wir ein Hinterland haben werden, dass im Falle einer Landung der Alliierten auf dem Balkan sauber ist.« Dabei ahnten Hitler und sein Stab nicht, dass sie das Opfer einer britischen Kriegslist waren, denn die Gerüchte um eine britische Invasion waren den deutschen Spionagediensten absichtlich unterschoben worden. 276
Die Deutschen bereiteten das erwähnte Unternehmen, das am Anfang gegen die Tschetniks gerichtet war, unter größter Geheimhaltung vor und informierten die Italiener erst im letzten Augenblick, Mitte Mai, als die Militärmaschinerie unter dem Kommando der Generäle Löhr und Lüters bereits angelaufen war. Wegen Italiens Kontakten zu Mihailović, der seinerseits immer noch mit den Briten verbündet war, trauten sie ihnen nicht. 277Rudolf Lüters hatte 127 000 Soldaten zur Verfügung, wobei er sowohl auf die Elitedivision Edelweiß, die extra vom Kaukasus her verlegt worden war, als auch auf die SSDivision Prinz Eugen zählen konnte, die von Angehörigen der deutschen Minderheit im Banat gebildet wurde. 278Am Morgen des 15. Mai 1943 begann er mit dem Angriff und drang dieses Mal ohne besondere Skrupel auf das Territorium vor, das sich unter italienischer Besatzung befand. Weil sich aber bald herausstellte, dass die Tschetniks, soweit sie nicht in alle Richtungen geflohen waren, von den entrüsteten Italienern Schutz bekamen, war er gezwungen, seinen ursprünglichen Plan aufzugeben und sich gegen die Partisanen zu wenden, den »einzigen wirklichen Feind«. 279Titos Oberster Stab und die Hauptmacht seiner operativen Kräfte (annähernd 20 000 Kämpfer) wurden in der wilden Gebirgsregion des Durmitors, im Norden Montenegros zwischen den Flüssen Piva und Tara, umzingelt. Tito, der noch auf einen Waffenstillstand mit der Wehrmacht gehofft hatte, war von der Einkesselung, an der auch italienische, bulgarische und Ustascha-Einheiten beteiligt waren, überrascht. Da er mit Beginn des Krieges keinen funktionierenden Informationsdienst organisiert hatte, wurde ihm offenbar erst am 18. Mai 1943 völlig klar, dass die feindlichen Streitkräfte eine neue Offensive begonnen hatten.
Zudem hatten die Deutschen den Telegrafen-Code zwischen Tito und den Generalstäben seiner Divisionen geknackt und wussten, wo er sich aufhielt. Ihre Flugzeuge und die der Italiener konnten deshalb den Obersten Stab regelmäßig bombardieren, was unter den Mitarbeitern großes Durcheinander und Angst auslöste. 280Wieder stellte sich die Frage, wohin mit den zahlreichen Verwundeten. Gojko Nikoliš, der Vorsteher der Sanitätsabteilung beim Obersten Stab, beschreibt die Situation in seinen Memoiren äußerst kritisch: »Kaltblütigkeit, Optimismus, Selbstbewusstsein, der Glaube an die Möglichkeit unseres endgültigen Sieges, die Weigerung auch nur daran zu denken, dass die Lage für uns kritisch sein könnte, ›die Gefahr ignorieren‹ – alle diese Eigenschaften waren ein Ideal, dem die gesamte militärische Erziehung der Partisanen anhing. Aber wenn man einer solchen Erziehung nicht auch ein Körnchen kritischen Geistes beimischt, ist es zwischen Tugenden und Schwäche nur ein Schritt, dann verschließt man die Augen vor den Tatsachen. Ich denke, dass man auch auf diese Details als auf Symptome der ›Kinderkrankheiten‹ einer jungen, revolutionären Armee hinweisen muss.« 281
In der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 1943 sprangen britische Einheiten am Durmitor ab. Die Mission, die unter der Regie des Kairoer SOE und des Spe cial Intelligence Service stand, sollte die Stärke der Partisanenbewegung verifizieren, von der die Briten noch immer nur Informationen aus zweiter Hand hatten. 282Tito schrieb ihrem Kommen eine solche Bedeutung zu, dass er seinen Abzug vom Durmitor tagelang hinausschob, obwohl klar war, dass er den enger werdenden Kessel so rasch wie möglich verlassen musste. Nach Aussage von General Terzić verloren die Partisanen aufgrund der verzögerten Ankunft der Briten mehr als 7 000 Kämpfer. 283
Kurz nach der Landung nahmen die Anführer der britischen Mission, Captain Bill Stuart und William Deakin, an einer Beratung teil, auf der beschlossen wurde, den Kessel über Vučevo, Sutjeska und Zelengora zu durchbrechen. Tito befahl, auch das zentrale Lazarett in derselben Richtung zu verlegen, was leichter gesagt als getan war, denn für den Transport der Verwundeten – es waren mehr als 2 000 – hatten sie etwa zwei- bis dreihundert italienische Gefangene zur Verfügung, die so entkräftet waren, dass sie sich selbst kaum fortbewegen konnten. (Später brachten die Partisanen alle um.) Es gab auch kaum ein paar Hundert Pferde. 284Es herrschte Mangel an Verpflegung, wobei von freiwilliger Beschaffung über die Volksausschüsse (zu Beginn des Aufstandes hatte Tito erklärt, kein Oberkommandierender eines Räuberheeres sein zu wollen) keine Rede sein konnte, sondern von Requirierung. Das hatte zur Folge, dass sich die Bevölkerung des Piva-Plateaus, die ohnehin so arm und vom Krieg erschöpft war, von den Partisanen ab- und den Tschetniks zuzuwenden begann. 285Der Oberste Stab beschloss am 3. Juni auf einer Beratung, die operative Hauptgruppe in zwei kleinere Gruppen teilen, zugleich aber auch die schwerer Verwundeten nicht zu transportieren, sondern sie in Höhlen und zwischen den Felsen der Piva-Schlucht zu verstecken. Es folgten Tage und Nächte voller Grauen und Chaos, als im Kriegsgewitter alles verloren schien. Zu allem Überfluss erfuhren die Deutschen von mehreren italienischen Kriegsgefangenen, denen die Flucht gelungen war, wo sich Tito aufhielt.
Mit allen Kräften stießen die Deutschen am 9. Juni 1943 in diese Richtung vor. In der Erinnerung Titos: »Sie nahmen uns schrecklich unter Feuer, intensiv, ohne Unterbrechung beschossen sie immer dieselben Punkte. Sie warfen Hundert-Kilo-Bomben. Und dann sprühten plötzlich MG-Garben um uns herum. Die Deutschen schossen von einer Anhöhe aus ungefähr fünfhundert Meter Entfernung. Da befahl ich dem Kommandanten der Vierten Brigade (auch er ist hier gefallen), seine Leute zu sammeln und den Berg einzunehmen, da sonst die Brigaden nicht vorbei könnten. Die Engländer, die bei uns waren, sahen ihn ehrfürchtig an.« 286
Tito wurde im Kampf am 9. Juni 1943 an der linken Hand verwundet, als er seinen Kopf zu schützen suchte. 287Er war der einzige alliierte Oberkommandierende, der auf dem Schlachtfeld verwundet wurde. Ihm rettete sein Schäferhund Lux das Leben, der in dem Augenblick, als die Bombe wenige Fußbreit neben einer großen umgestürzten Buche explodierte, hinter der er und Davorjanka Paunović Schutz gesucht hatten, aufgesprungen war und sich an seinen Kopf gedrängt hatte. »Lux lag an meinem Kopf und presste sich mit seinem Körper eng an mein Gesicht. Er war nicht stark, er stank zum Himmel, und er war voller Läuse. Außerdem versperrte er mir die Sicht. Wir waren in großer Bedrängnis. […] Ich versuchte Lux wegzuschieben. Aber vergeblich; er hatte sich so platziert, dass er mir fast auf dem Kopf lag und sich nicht wegrühren wollte. Wenn ich ihn nicht wegzuschieben suchte, lag er ganz ruhig da; und wenn ich schob, drehte sich sein Körper sofort wieder meinem Gesicht zu wie ein voller Getreidesack. Ich wurde ungeduldig und wütend, doch ich kriegte ihn nicht weg, also ließ ich ihn gewähren. Plötzlich spürte ich inmitten des Höllenlärms, wie Lux ein Zittern überlief und er starr wurde. Ihn hatte ein Schrapnell getroffen, das sonst mir durch den Kopf gegangen wäre.« Die Explosion hatte den Hund zerrissen, ebenso Captain Stuart und Titos Begleiter, den Spanienkämpfer Vasilij Đurović, während William Deakin verwundet wurde. 288»Es hatte mich ziemlich erwischt«, erinnerte sich Tito später. Er glaubte, ins Herz getroffen zu sein. »Es ist vorbei, dachte ich.« Als er zu sich kam, verweilte sein Blick inmitten der Verwüstungen auf einem abgebrochenen Baum, auf dem traurig ein kleiner Waldvogel piepste. »Die Explosion hatte ihm ein Bein gebrochen und einen Flügel verletzt … Das Geschöpf stand auf einem Bein und flatterte mit dem Flügelchen. Dieser Anblick hat sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt …« 289Als seine Hand nach einiger Zeit ganz schwarz und steif geworden war, holte man zwei Tage später noch mehrere Granatsplitter heraus. Zwei weitere Schrapnells fand man erst 1946, als Tito wegen eines Leistenbruchs operiert wurde. 290
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